Förderung Interkultureller Kompetenzen bei Schülerinnen und Schülern durch internationalen Austausch

Nachgefragt bei
Dr. Gabriela Fellmann
Schüleraustausch

Welche Facetten interkultureller kommunikativer Kompetenz können bei Schülerinnen und Schülern im Rahmen einer Schüleraustauschfahrt angeregt werden? Diese Frage untersuchte Dr. Gabriela Fellmann im Rahmen eines Comenius-Forschungsprojekts. Aus den Ergebnissen ihrer Untersuchung entwickelte sie ein phasenorientiertes Modell zur Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung einer Schüleraustauschfahrt nach England. Im Gespräch mit "Austausch macht Schule" Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen nimmt sie Stellung zu den Grundsätzen für mehr Austausch.
Dr. Gabriela Fellmann ist Schulleiterin am Ratsgymnasium Peine und abgeordnete Lehrkraft für Didaktik am Englischen Seminar der Leibniz Universität Hannover.

„Wenn Austausch Schule machen soll, muss internationaler Austausch selbstverständlicher Teil schulischer Bildung sein.“ Das ist die zweite von insgesamt 10 Thesen, die die Teilnehmenden der Konferenz „Austausch macht Schule“ 2013 verfasst haben. Wie stehen Sie zu dieser These?

Ich stimme dieser These zu. Internationaler Schüleraustausch erfüllt wichtige Aspekte des Bildungsauftrags. Er trägt ganz wesentlich zur Entwicklung junger Menschen in verschiedenen Bereichen bei wie z.B. der Persönlichkeitsentwicklung oder der Entwicklung interkultureller Kompetenz. Allerdings müssen folgende Aspekte bei der Unterstützung der These mitgedacht werden:

  1. Ich plädiere für eine intensive Vorbereitung, Begleitung und Nachbereitung von Schüleraustauschformaten, vor allem wenn hierbei andere Lernorte real aufgesucht werden. Dieses sollte von schulischer Seite in enger Verzahnung von schulischem Unterricht und außerschulischem Lernort erfolgen, könnte aber auch von nichtschulischer Seite begleitet werden. Individuelle und kollektive Reflexionsphasen müssen selbstverständlicher Bestandteil von Austauschformaten sein.
  2. Diskutieren muss man die Dauer eines internationalen Schüleraustausches. Oftmals wird die These vertreten, dass nur Langzeit-Austauschformate den erwünschten Nutzen bringen. Ich bin der Ansicht, dass auch Kurzzeit-Formate durchaus ihre Berechtigung haben.
  3. Zu prüfen ist, ob beim internationalen Schüleraustausch immer eine Reisetätigkeit der Lernenden erforderlich ist. Die weite Forderung der Reisetätigkeit ist zu empfehlen, aber auch eine engere Variante ist durchaus zu unterstützen. So wäre es denkbar, Schüleraustausch in einer gastaufnehmenden Rolle zu praktizieren, z.B. durch die Integration von Gastschülerinnen und Gastschülern in den normalen Schulalltag. Auch hier muss eine Vorbereitung, Begleitung und Nachbereitung der Maßnahme erfolgen, um interkulturelle Lernprozesse zielfokussiert zu ermöglichen.
  4. Internationaler Schüleraustausch könnte außerdem virtuell, also medial gestützt erfolgen. Synchrone und asynchrone Kommunikationsmöglichkeiten können genutzt werden, um interkulturelle Erfahrungen zu ermöglichen. Allerdings ersetzt eine virtuelle Begegnung niemals die face-to-face Begegnung vollständig.

Ich fasse zusammen: Ich bejahe die These ausdrücklich. Allerdings müssen die möglichen unterschiedlichen Austauschformate stärker beleuchtet werden, denn Austausch ist nicht gleich Austausch. Die Austauschforschung muss hier noch viel leisten.

Die These behauptet ja, dass internationaler Austausch noch nicht selbstverständlicher Teil schulischer Bildung ist. Was bräuchte es denn, damit sich das ändert?

Der internationale Austausch ist eine sehr komplexe Aufgabe für alle Beteiligten. Ein Blick auf die Homepages insbesondere von weiterführenden Schulen zeigt, wie gängig Schüleraustauschprogramme in der Schulpraxis sind. Es besteht jedoch Handlungsbedarf, um internationalen Austausch als selbstverständlichen Teil schulischer Bildung flächendeckend zu implementieren.

Nachfolgend sollen nur einige Aspekte exemplarisch genannt werden:

  • Die Lernziele des internationalen Austauschs müssen (noch) stärker herausgearbeitet werden, denn Schulen sind keine Reiseveranstalter. Stattdessen unterliegen sie einem eindeutig definierten Bildungsauftrag, dem Rechnung getragen werden muss. Didaktisch-methodische Konzepte müssen entwickelt werden, um diese Lernziele zu erreichen. Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass eine enge Verzahnung von schulischem Unterricht und Austauschaktivitäten zielführend ist. Die Arbeit an konkreten inhaltlichen Themenstellungen gibt dem internationalen Schüleraustausch mehr Gehalt. Schülerinnen und Schüler vertiefen sich in die gemeinsame Arbeit an Inhalten und erstellen gemeinsame Produkte. Sowohl die Lernprozesse als auch die Lernprodukte sind hierbei wichtig. Begegnungsdidaktische Prinzipien wie beispielsweise das Prinzip der Aufgabenorientierung zur Steuerung der Lernprozesse sind hierbei unerlässlich.
  • Wir benötigen außerdem eine neue Lernkultur, wie Felix Winter sagt. Wenn ganzheitliches, erfahrungsbasiertes Lernen wichtig ist, dann muss das Aufsuchen außerschulischer Lernorte – wie es bei Austauschaktivitäten erfolgt – eine Selbstverständlichkeit sein. Die Austauschaktivitäten haben psychischen Herausforderungs- und Erlebnischarakter und können durch Reflexion nachhaltige Erfahrungen werden.
  • Schulen benötigen mehr Ressourcen z.B. in Form von Zeit und finanzieller Unterstützung. Die Durchführung von Begegnungen erfordert eine sehr umfassende Betreuung von Schülerinnen und Schülern durch die Lehrkräfte. Aufgrund der Vielzahl und Komplexität der Aufgaben sind Lehrkräfte vor allem während der Begegnungsphase stark gefordert und nicht immer ausreichend ausgebildet. Eine stärkere Wertschätzung dieser verdichteten Arbeitsphasen seitens der Schulleitung, des Kollegiums sowie der Elternschaft wäre in diesem Kontext hilfreich. Konkrete Entlastungsmodelle müssen entwickelt werden.
  • Darüber hinaus ist es dringend notwendig, die Forschungsaktivitäten im Bereich interkulturelle, fremdsprachliche Begegnungen bzw. Schüleraustausch zu intensivieren. Es bedarf einer gezielten (Weiter-)Entwicklung von realen und auch virtuellen Begegnungsformaten. Diese sollten über bi-nationale Formate hinausgehen und multinationale Formate einbeziehen. Die Komplexität des Forschungsgegenstands, fehlende Forschungsinstrumente, eine generelle Unübersichtlichkeit des Forschungsfelds und die Vielfalt der Austausch- und Begegnungsformate sind sicherlich nur einige von zahlreichen weiteren Begründungszusammenhängen, warum es kaum bzw. nur wenige Forschungsaktivitäten in diesem Bereich gibt. Hier muss nachgesteuert werden, um den Mehrwert von Austauschaktivitäten konkret aufzuzeigen.

Sie selbst haben ja eine Dissertation zum Thema Schüleraustausch und interkulturelles Lernen verfasst. Was war Ihre Motivation sich diesem Thema zu widmen?

Die Entstehung der Dissertation geht vor allem auf die Implementierung des Begriffs „interkulturell“ in den Schulcurricula sowie meine persönlichen Erfahrungen als Koordinatorin eines COMENIUS-Projektes zurück. Im Rahmen eines multilateralen COMENIUS-Schulpartnerschaftsprojekts zu „Jugendkultur im europäischen Vergleich“ bzw. Comparisons between Youth Culture in Europe arbeitete ich konkret an der Thematik „interkulturelles Lernen“.

Der Projektantrag sah vor, dass Schülerinnen und Schüler ihren eigenen kulturellen Hintergrund erforschen und darstellen sollten. Anschließend sollte ein Austausch über die eigene kulturelle Identität mit den Schülerinnen und Schülern von fünf europäischen Partnerschulen stattfinden, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Jugendkultur zu erfahren. Es handelte sich um ein Lernarrangement im europäischen Kontext, bei welchem an Themen wie interkultureller Kompetenz und Mehrsprachigkeit unter Einbeziehung neuer Medien gearbeitet wurde.

Allerdings wurde deutlich, dass die im Projektplan verankerte Evaluation der Aktivitäten nicht zufriedenstellend durchgeführt werden konnte. So blieb es den beteiligten Lehrkräften zum Beispiel verschlossen, welche Lernprozesse die individuellen Schülerinnen und Schüler durchliefen und was genau interkulturelles Lernen impliziert(e). Eine Operationalisierung gestaltete sich als schwierig, die Reflexion der Erfahrungen auf der interkulturellen Ebene war unzureichend. Um die Beforschung der Fragestellungen durchführen zu können, entstand ein Forschungsprojekt im Rahmen einer im COMENIUS-Projekt verankerten Austauschfahrt nach England. Auf diese Weise wurde mit einer überschaubaren Anzahl von Lernenden gearbeitet, um deren Lernprozesse in einem realen und komplexen Unterrichtssetting zu analysieren.

Darüber hinaus durfte ich überaus anregende Erfahrungen in interkulturellen Begegnungen und auch Schüleraustauschformaten in meiner eigenen Schulzeit machen, die mich sehr geprägt haben.

Inwiefern hat sich Ihr Blick auf Schülerbegegnungen während der Arbeit an der Dissertation verändert? Welche Veränderungen wünschen Sie sich im Hinblick auf dieses Thema in Schule und Lehrerbildung?

In meiner Dissertation habe ich die Entwicklung interkultureller Kompetenz durch eine Schüleraustauschfahrt nach England beforscht. Die durchweg positiven Schilderungen der Lernenden zeigen, dass positiv empfundene Begegnungen mit Menschen anderer Kulturen Auswirkungen auf die Einstellungen und Haltungen der Einzelnen mit sich bringen.

Schule als Institution sollte deshalb möglichst viele Lernende in derartige Austauschformate involvieren, um ihnen interkulturelle, fremdsprachliche Begegnungen zu ermöglichen. Die Austauschformate sollten mit ihrer Vor- und Nachbereitung gezielt in den Unterricht integriert und nicht als Additiv für wenige Teilnehmende organisiert werden. Schüleraustausch darf im schulischen Alltag kein Exotendasein führen, sondern muss zur Selbstverständlichkeit werden. Er darf keinen ausschließlichen Eventcharakter haben, sondern muss eindeutige Lernziele verfolgen. Dass beim Schüleraustausch das Angenehme mit dem Notwendigen verbunden wird, ist erstrebenswert.

Die Ergebnisse meiner Studie zeigen, dass verschiedene Indikatoren für die Entwicklung interkultureller kommunikativer Kompetenz bei Lernenden identifiziert werden können. Diese gilt es systematisch im schulischen Unterricht sowie bei Austauschfahrten zu fördern. Mit der Konkretisierung der Indikatoren für Jugendliche der Jahrgangsstufe 8 können gezielt Maßnahmen für deren Entwicklung vorgenommen werden.

Die Studie zeigt ebenso, dass die komplexe Gesamtaufgabe Schüleraustauschfahrt durch die Anwendung begegnungsdidaktischer Prinzipien phasenspezifisch durch tasks gesteuert werden kann, um die Entwicklung interkultureller kommunikativer Kompetenz zu fördern. Es gilt, für die verschiedenen Phasen einer Austauschfahrt einen Pool an konkreten tasks zu erstellen, die sich als kompetenzfördernd erweisen bzw. zur Kompetenzentwicklung anregen.

Insgesamt betrachtet darf nicht außer Acht gelassen werden, dass vor allem Lehrpersonen für die Konzeption einer Schüleraustauschfahrt verantwortlich sind. Vor diesem Hintergrund muss die Ausbildung von Lehrkräften fokussiert werden.

Bisher wurden in Deutschland keine Standards für die Ausbildung von Lehrkräften im Bereich interkultureller Kompetenz implementiert, obwohl Forschungsergebnisse aufzeigen, dass die interkulturelle Kompetenz der Lehrkräfte die Qualität der interkulturellen Prozesse der Schülerinnen und Schüler entscheidend beeinflusst. Es ist ein Desiderat, sich mit der Frage der Notwendigkeit einer spezifischen Förderung der Lehrkräfte auseinanderzusetzen und geeignete Formate in der Lehrerausbildung und -fortbildung zu implementieren. Bisher fehlen Leitlinien für die konkrete Ausgestaltung und Umsetzung einer interkulturell ausgerichteten Lehrerausbildung. Hier bedarf es gezielter Anstrengungen.

Das Interview führte Meike Köhler (Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch) 2015.