„Elternarbeit ist ein Knackpunkt“

Nachgefragt bei
Michaela Köser-Segschneider
Abschiedspicknick in Deutschland mit den Gasteltern

Eltern sind in vielerlei Hinsicht wichtige Akteure für einen Schüleraustausch – als Gast- und Geldgeber, Motivatoren und Psychologen. Michaela Köser-Segschneider erzählt aus ihrer Erfahrung als Lehrerin und als Leiterin von Kurzzeitprogrammen von Partnership International e.V., aber auch als Mutter und Gastgeberin.

Frau Köser-Segschneider, Sie sind im Vorstand von Partnership International e.V. und leiten als Lehrerin für den Verein seit 25 Jahren Kurzzeitprogramme mit Schulbesuch in die USA. Auf welche Weise haben Sie dabei mit den Eltern der Austauschteilnehmenden zu tun?

Michaela Köser-Segschneider

Jedes Jahr begleite ich eine Gruppe von 20 Schüler*innen für drei Wochen in die USA. 14 Jugendliche kommen von meiner Schule, dem Berufskolleg des Rhein-Sieg-Kreises in Siegburg, weitere 6 werden von Partnership International vermittelt. Ich übernehme die Programmgestaltung, die Schüler- und Elternarbeit. Da auch Gegenbesuche mit Gastfamilienaufenthalt zum Programm gehören, binden wir die Eltern stark mit ein – die Elternarbeit ist dabei auf jeden Fall ein Knackpunkt.

Was brauchen Eltern, wie holt man sie ins Boot? 

Für Eltern ist es ein emotional großer Schritt, das eigene Kind in einen Austausch zu schicken. Er ist mit viel Hoffnung und gleichzeitig mit Befürchtungen verbunden. Diese Eltern kann man beruhigen, wenn sie erfahren, dass die Befürchtungen meist auf Vorurteilen einem Land gegenüber beruhen und sie gleichzeitig mehr über die Hintergründe kultureller Unterschiede erfahren.

Wichtig ist es bewusst zu machen, wie bereichernd es für das eigene Leben sein kann, sich in verschiedenen Kulturen zurechtzufinden. Meines Erachtens sind Kurzzeitprogramme ein guter Einstieg, denn wenn Schüler in diesem überschaubaren Zeitraum positive Erfahrungen gemacht haben, trauen sie sich auch eher einen längeren Austausch zu. Als Mutter weiß ich, dass viele Eltern ihre Kinder motivieren, an einem solchem Austausch teilzunehmen.

Gibt es Fälle, wo Sie über die Eltern die Jugendlichen überzeugen? Oder kommen Sie nur mit Eltern in Kontakt, deren Kinder schon begeistert oder wenigstens nicht abgeneigt sind?

In den USA mit amerikanischen Gastfamilien. Die Gasteltern lernen sich kennen.

Das dreiwöchige USA Austauschprogramm unserer Schule findet seit vielen Jahren statt und bekommt sehr großen Zuspruch. Dieses Jahr haben sich 37 Schüler*innen auf 14 Plätze beworben. Die teilnehmenden Schüler*innen kommen mit tollen Erfahrungen zurück und erzählen Mitschülern und Lehrern hiervon. Diese Mundpropaganda ist sehr wichtig.

Wir machen auf unser Austauschprogramm, das wir in Kooperation mit Partnership anbieten, auf der Homepage und in der Infobroschüre unserer Schule aufmerksam. So kommt es, dass Eltern hiervon erfahren. Gleichzeitig kündige ich den Termin für unsere Infoveranstaltung online an. Die Eltern haben dann die Möglichkeit ebenfalls zu der Infoveranstaltung zu kommen. Im Anschluss an die Infoveranstaltung kommen stets viele Eltern mit ihren Fragen zu mir.

Vielen gefällt der Gedanke, dass in unserem Programm die Schüler*innen nicht als Touristen reisen, sondern sie sich auf die Kultur und die Gastfamilien einlassen müssen und das Programm durch ihr eigenes Verhalten bereichern. Die Gegenseitigkeit und die gelebte Gastfreundschaft überzeugen viele Eltern. Ich nehme jedes Jahr auch Kinder aus meinem Bekanntenkreis mit. Da ist es dann meistens so, dass die Eltern von der Idee infiziert werden und anschließend ihre Kinder hiervon begeistern.

Was sind die häufigsten Fragen und Ängste der Eltern, und was können Sie diesen entgegnen?

Im Moment ist die politische Lage in den USA oft ein Thema, aber Religion und Waffen spielen ebenfalls eine Rolle. Für manche Eltern ist die Vorstellung beängstigend, dass es in einem Haushalt Waffen gibt. In Vorbereitungsseminaren gehen wir auf die Hintergründe ein. Wenn die Eltern informiert sind, können sie mit der Situation besser umgehen.

Im Moment ist meine 15-jährige Tochter für ein Jahr in den USA. Sie ist in einer wunderbaren Familie, die ich vorher nicht kannte. Meine Tochter wusste bis zwei Wochen vor der Abfahrt nicht, in welche Familie sie kommt. Sie wusste nur, dass sie sich auf eine ihr neue Familie einstellen und ihr offen und unvoreingenommen begegnen musste. Für einige meiner Bekannten war die Vorstellung, das eigene Kind mit Anfang 15 Jahren in eine fremde Familie zu geben, beunruhigend. Aber für meine Tochter ist es eine tolle Erfahrung. Sie unternimmt sehr viel mit ihrer Familie und weiß, dass es genauso von ihrem Verhalten abhängt, ob ihr Austausch ein positives Erlebnis wird. Sie lernt in einem geschützten Bereich ihren eigenen Weg zu gehen. Bei der Elternarbeit hilft es mir dann natürlich, dass ich die Situation der Eltern aus eigener Erfahrung kenne.

Sind bei der Elternarbeit auch Finanzen ein Thema? Programmkosten von über 2.000 Euro sind für manche bestimmt ein Argument – wird darüber gesprochen?

Ich habe oft Schüler*innen, deren Eltern die 2.000 Euro nicht so ohne weiteres aufbringen können. Sie erzählen mir dann, dass sie sich das Geld zu Weihnachten oder zum Geburtstag wünschen. Manche gehen auch extra dafür arbeiten. Eine Schülerin berichtete mir, dass sie dann ein Jahr auf ein eigenes Auto verzichten musste. Mir imponiert es sehr, dass den Schüler*innen dieser Austausch so viel Wert ist. Das ist auch Motivation für mich, ein besonders gutes Programm zu bieten. Es steckt daher auch sehr viel persönliches Engagement darin.

Ich habe zwischenzeitlich auch viele aus meinem Familien- und Freundeskreis gewinnen können, die sich auf deutscher Seite engagieren.  Aber auch in den USA ist ein großer Unterstützerkreis um die tolle Koordinatorin Jami Bernhardt Jones entstanden, von dem das Programm profitiert. Ich glaube, dieses über Jahre bestehende persönliche Engagement zahlt sich dann auch aus, um die Eltern von dieser Investition zu überzeugen.

Es gibt an unserer Schule aber auch Möglichkeiten, für weniger Geld an einem Austausch teilzunehmen, zum Beispiel über Erasmus. Aber trotzdem sind sich Schüler*innen und Eltern bewusst, dass das Angebot über Partnership International einerseits günstiger ist als zum Beispiel ein Besuch einer kommerziellen Sprachschule in England mit Gastfamilienaufenthalt. Andererseits ist es auch eine Chance, für einen relativ überschaubaren Betrag einen Austausch zu erleben, der vom Prinzip her einem – doch sehr viel teureren – Jahresaustausch ähnelt.

Die Eltern werden vor allem beim Gegenbesuch als Gastgeber gefordert. Wie werden sie in die Vorbereitungen und die Durchführung einbezogen?

Abschiedspicknick in Deutschland mit den Gasteltern

Es gibt jedes Jahr einen dreiwöchigen Gegenbesuch. Die Teilnehmenden meiner Schule verpflichten sich, ebenfalls für drei Wochen eine*n Gastschüler*in aufzunehmen. Hierüber informiere ich die Eltern vorab schriftlich. Es geht hier auch um den Aspekt der Gastfreundschaft, und da ist auch die Gegenseitigkeit wichtig: Wer in seiner amerikanischen Familie erlebt hat, was sie ihm gezeigt und geboten haben, wird sich hier mit seinem Gastgeschwister auch anstrengen und ihm eine erlebnisreiche Zeit bieten wollen.  

Bevor die Amerikaner*innen kommen, veranstalte ich mit Schüler*innen und Eltern einen Elternabend, bei dem wir das Programm besprechen. Es gibt ein Programm in der Schule, bei dem wir die Austauschschüler*innen in besondere Projekte einbinden. Dann gibt es ein Sightseeing Programm für die Austauschschüler*innen, das ich im Vorfeld organisiere.

Mit den Gastfamilien plane ich ein gemeinsames Programm, wo alle zusammenkommen und sich kennenlernen können. Wir besprechen auch, wie wichtig es für die Austauschschüler*innen ist, am ganz normalen Familienleben teilzunehmen.

Wie profitieren Eltern und das Familienleben von dieser Austauscherfahrung? Und mit welchen Schwierigkeiten müssen sie rechnen?

Gasteltern sind im Austausch sehr wichtig. Die drei Wochen sind sehr intensiv, da unternehmen die Familien auch tolle Ausflüge. Wenn wir im Vorfeld gemeinsam Ideen austauschen, kommen sehr viele neue Anregungen und viele Eltern sagen dann, dass sie unsere Gegend mit ganz neuen Augen sehen.  Wer jugendliche Kinder hat, weiß, dass es nicht immer leicht ist, diese zu einem Konzert- oder Museumsbesuch zu bewegen. Aber wenn ein Austauschschüler zu Gast ist, ist das auch für die eigenen Kinder ein überzeugendes Argument, dem Gast die eigene Kultur zu zeigen.

Manchmal müssen Gasteltern aber auch zwischen Gastschüler*in und eigenem Kind vermitteln. Denn auch hier kann es – insbesondere bei Langzeitprogrammen – zu Geschwisterstreitigkeiten kommen. Hier hilft es, wenn Gasteltern die Möglichkeiten des Austauschs untereinander haben und andere Gasteltern kennenlernen, mit denen sie ihre Fragen und Probleme besprechen können. Natürlich unterstützen die Austauschorganisationen ebenfalls die Eltern, aber vielen Eltern hilft es, wenn sie hören, dass es in anderen Familien ähnlich läuft. Oft sind es ja auch keine gravierenden Probleme und sie wollen sich damit nicht an die Organisation wenden, da sie nicht möchten, dass der Eindruck entsteht, sie wollen sich über den Gastschüler, die Gastschülerin beschweren. 

Was, wenn es ernsthafte Probleme gibt?

Michaela Köser-Segschneiders älteste Tochter mit Gastschülerin aus den USA beim Plätzchen backen

Bei manchen Problemen braucht man aber auch die Unterstützung der erfahrenen Austauschorganisation. Wir selbst hatten eine Austauschschülerin aus Thailand. Sie kam aus sehr wohlhabenden Verhältnissen und hatte hier sehr viel Taschengeld ausgegeben. Sie hatte zu Hause mehrere Dienstboten und kannte es nicht, dass man beispielsweise selbst kocht. Wir hatten auch eine Austauschschülerin aus den USA, die zu Hause ein Homeschoolingprogramm durchlaufen hatte. Für sie war die Umstellung auf ein öffentliches Schulsystem nicht einfach. Es kann also passieren, dass unterschiedliche Familiensysteme und Lebensstile aufeinanderprallen.

Wir waren sehr froh, die Unterstützung von der Austauschorganisation Partnership International zu bekommen, die uns die Unterschiede erklären konnten. Das half uns auch unsere eigene Lebensführung zu reflektieren. Es geht dann nicht um ein Besser oder Schlechter, sondern darum Unterschiede und ihre Hintergründe zu verstehen. 

Oft gehen Gasteltern auch mit vorgefertigten Erwartungen in ein Programm und sind nicht offen genug für die neue Situation. Es ist aber auch wichtig, den Gasteltern klar zu machen, dass man sich den Problemen stellen muss und so als Familie lernen kann – ansonsten kann ein Jahr auch sehr lang werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Christine Bertschi.