Kenntnisse zu China zum Teil der Bildungsbiografie machen

Nachgefragt bei
Caspar Welbergen
Sprachwolke Bildungsnetzwerk China

Ein Schulaustausch mit China bietet Einblicke in einen völlig anderen Bildungs- und Kulturraum. Doch noch sind Austauschaktivitäten mit chinesischen Schulen in Deutschland eine Seltenheit. Das Bildungsnetzwerk China soll dies mit vielfältiger Unterstützung und Angeboten ändern, sagt Geschäftsführer Caspar Welbergen im Interview.  

 

Das Bildungsnetzwerk China unterstützt Schulen dabei, Aktivitäten mit Bezug zu China zu starten bzw. weiterzuentwickeln. Was genau umfasst Ihre Unterstützung und welche Schulformen können diese in Anspruch nehmen?

Caspar Welbergen (Bildungsnetzwerk China)

Caspar Welbergen: Mit unserer Unterstützung möchten wir erreichen, dass die Auseinandersetzung mit China fester Teil des Profils von weiterführenden Schulen in ganz Deutschland wird, sprachlich, fachlich und interkulturell. Daher ist unsere Unterstützung vielfältig und richtet sich an mehrere Zielgruppen.

Interessierte Schulen aller weiterführenden Schulformen erhalten von uns finanzielle Unterstützung und fachliche Beratung. Dies umfasst die direkte Förderung von chinabezogenen Schulaktivitäten wie China-AGs, Projektwochen, Ausflügen, Vorträgen in Präsenz und in digitaler Form bis hin zur Unterstützung langfristig angelegter Schulinitiativen. Darüber hinaus bieten wir eine Beratung für Schulleitungen an, die Interesse am Ausbau ihres Schulprofils haben. Zugleich verstehen wir, dass Lehrkräfte mit ihrer Expertise zugleich wichtige Ansprechpartner:innen für das Bildungsnetzwerk wie auch Förderzielgruppe sind. Durch Fortbildungen und Vernetzungsveranstaltungen verlieren sie Berührungsängste, gewinnen an didaktischer und fachlicher Kompetenz und fühlen sich einem größeren Netzwerk zugehörig.

Austauschbegegnungen spielen eine zentrale Rolle bei den Maßnahmen des Bildungsnetzwerks und machen über 60 % unserer Förderung aus, denn sie ermöglichen deutschen wie chinesischen Jugendlichen einen Einblick in einen völlig anderen Bildungs- und Kulturraum. Daher fördern wir den Schulpartnerschaftsfonds Deutschland – China, für den sich auch Grundschulen bewerben können.

Im Jahr 2019 gab es rund 250 Schulpartnerschaften zwischen Deutschland und China. Soll diese Anzahl wesentlich erhöht werden oder geht es vor allem um die Weiterführung, den Ausbau, vielleicht auch qualitative Verbesserung der bestehenden Partnerschaften?

Im Vergleich zu vielen anderen Ländern ist die Chance für deutsche Schüler:innen, in ihrer Schulzeit einmal nach China gereist zu sein, gering und damit etwas wirklich Besonderes in ihrer Schulzeit. Wir möchten daher unbedingt Schulen in ganz Deutschland erreichen und bei ihrem Anliegen, eine Schulpartnerschaft mit einer chinesischen Schule aufzubauen, unterstützen.

Wir verstehen, dass es Bedenken und Zurückhaltung gibt, gerade wenn man z.B. als Lehrkraft selbst auch noch nie in China war. Daher verstehen wir neben finanzieller Förderung auch Vernetzung, Beratung und Unterstützung durch Fortbildungen und Material als Teil unserer Förderung.

Unser Ziel ist es also, dass noch mehr Schulen eine Partnerschaft aufbauen und sich virtuell und real begegnen, gleichzeitig möchten wir aber jene Schulen, die schon einen Schulaustausch mit China pflegen, dabei unterstützen, eventuell noch weitere Aktivitäten mit China-Bezug anzubieten.

Bereits seit 2014 fördert der Schulpartnerschaftsfonds Deutschland - China die austausch- und themenbezogene Projektarbeit zwischen deutschen und chinesischen Partnerschulen. Ersetzt das Bildungsnetzwerk China nun den Schulpartnerschaftsfonds oder existieren sie neben-/miteinander weiter?

Der Schulpartnerschaftsfonds Deutschland-China wird nun vom Bildungsnetzwerk finanziell gefördert und ist für uns weiterhin die zentrale Förderlinie für Schulaustausch! Er ist somit nun Teil der Angebote des Bildungsnetzwerks, wird aber wie zuvor vom Pädagogischen Austauschdienst (PAD) in Bonn und vom Goethe-Institut in Beijing umgesetzt. Für deutsche Schulen, die einen projektbezogenen Austausch durchführen wollen, ist der PAD in Bonn der Ansprechpartner Nummer 1!

Daneben fördern wir durch den Multiplikatorenaustausch auch die interkulturellen Fähigkeiten von deutschen und chinesischen Lehrkräften. Wir möchten den Schulpartnerschaftsfonds also keinesfalls ersetzen, sondern vielmehr ergänzend weitere Angebote für die Beschäftigung mit China machen.

Wer vonseiten einer Schule noch gar keine Anknüpfungspunkte, aber Interesse an China hat: Was empfehlen Sie für den Einstieg?

Aus unserer Sicht ist damit der wichtigste Schritt tatsächlich schon getan: Das Interesse ist da, jetzt geht es noch um das Wie! Und dafür stehen wir sehr gern und direkt zur Verfügung, wir beraten Schulleitungen und Lehrkräfte per E-Mail und telefonisch.

Uns ist bewusst, dass es vom Schulprofil abhängig ist, welche Projekte mit China sinnvoll sind. Für den Einstieg bieten sich tatsächlich die namensgebenden „Einsteigerprojekte“ an. Durch sie erhalten Schulen finanzielle Mittel, um eigenständig Aktivitäten mit China anzubieten, z. B. Vorträge. Und sie erhalten Förderung für den Aufbau einer AG, können damit also auch ein niederschwelliges sprachliches Angebot machen und dann schauen, wie es denn angenommen wird. Hat Ihre Schule bereits einige Schulpartnerschaften? Dann besteht ja bereits sehr viel Erfahrung, die sich auch auf China anwenden lässt, und Sie können Ihr Schulprofil weiter internationalisieren.

Auf unserer Webseite finden Sie zur Anregung Erfahrungsberichte zum deutsch-chinesischen Schulaustausch anderer Schulen.
Es gibt also viele Möglichkeit und wir erörtern diese gern im Gespräch mit Ihnen!

Die Vermittlung der chinesischen Sprache(n) ist in der deutschen Schulbildung kaum verankert – warum plädieren Sie für mehr Chinakompetenz an deutschen Schulen? 

Sprachwolke Bildungsnetzwerk China

Für uns sind Sprachfähigkeiten ein Schlüsselfaktor der China-Kompetenz. Und es stimmt, in Deutschland lernen nur ca. 5.000 Schüler:innen Chinesisch als Fremdsprache in der Schule, in Frankreich sind es aber über 40.000. Wir sehen, dass in den letzten Jahren die Zahl der Schulen, die Chinesisch anbieten, zwar stetig zugenommen hat, aber weiterhin sehr gering ist, mit etwas über 100 weiterführenden Schulen. Chinesisch gilt als schwer, als „Hochbegabtensprache“, es ist eine sogenannte „distante“ Fremdsprache, die in Deutschland keine Tradition hat.

Wir glauben aber, dass Sprache das Fundament ist, um langfristig China, seine Gesellschaft und Kultur zu verstehen und um sich austauschen zu können. Daher unterstützen wir Schulen dabei, sprachliche Angebote zu schaffen und bieten darüber hinaus auch Fortbildungen für Chinesisch-Lehrkräfte an.

Unser Ziel ist es, dass bereits in der Schule ein Sprachangebot geschaffen wird, für das sich junge Menschen entscheiden können. Für uns spielt dabei auch eine Rolle, dass es die Möglichkeit ist, sich auch mit einer nicht-europäischen Sprache und dem Kulturraum zu beschäftigten.

Wie groß ist in China das Interesse an Deutschland und an Deutsch? Auf welcher Seite müssen Sie mehr Überzeugungsarbeit leisten?

Das Interesse an Deutschland in China ist groß und nimmt stetig zu. Die PASCH-Initiative (Schulen: Partner der Zukunft) ist dafür ein beeindruckendes Beispiel, denn mit ca. 130 PASCH-Schulen liegt China weltweit auf Platz 1. Deutsch ist nach Englisch die zweitbeliebteste Fremdsprache! Auch das Interesse an einer Schulpartnerschaft mit einer deutschen Schule auf chinesischer Seite ist riesig! Einer unserer beiden Gesellschafter, das Goethe-Institut, ist dabei in Beijing unser Ansprechpartner für chinesische Schulen.

Überzeugungsarbeit möchten wir daher v.a. in Deutschland leisten und da unterstützen und vermitteln, wo zwar Interesse besteht, aber es offene Fragen gibt. Wir möchten deutsche Schulen davon überzeugen, dass Angebote mit China-Bezug ein Gewinn für ihr Profil und für die Ausbildung Ihrer Schüler:innen ist.

Das Bildungsnetzwerk China wurde im Februar 2020 gegründet – Corona hat bestimmt auch Ihre Pläne heftig durchkreuzt. Was war im ersten Jahr trotzdem möglich?

Digitale Auftaktveranstaltung des Bildungsnetzwerks China von November 2020

Das war natürlich so nicht geplant! Corona hat ganz viel bei uns umgeworfen, denn einmal findet der Schulaustausch nicht persönlich statt und auch andere Projekte können an den Schulen nicht umgesetzt werden, die natürlich seit über einem Jahr damit beansprucht sind, den Unterricht fortzusetzen. Aber wir machen das Beste daraus: Wir planen für die Zukunft und bieten gleichzeitig digitale Angebote an.

So können sich Schulen in 2021 für einen digitalen Schulpartnerschaftsfonds bewerben und erhalten z.B. digitale Ausstattung. Damit möchten wir den Austausch aufrechterhalten. Gleichzeitig sind wir davon überzeugt, dass digitale Tools und Angebote auch in Zukunft den realen Austausch vorbereiten und ergänzen werden:

Ein Beispiel dafür ist der VirtualStudentXChange, über 360 Grad-Videos erhalten die Schüler:innen einen Einblick in das Klassenzimmer der Partnerschule – über tausende Kilometer hinweg. Wir sind also sehr gespannt, welche zukunftsweisenden Projekte sich in diesem Jahr noch entwickeln werden.

Welche Pläne, Wünsche und Hoffnungen haben Sie für das Bildungsnetzwerk China in den nächsten Jahren?

Wir hoffen natürlich ganz stark darauf, dass auch der persönliche Austausch wieder an Fahrt aufnimmt und die Neugierde auf eine andere Kultur und Lebenswelt durch eigene Erlebnisse gestillt werden kann! Auch in politisch herausfordernden Zeiten möchten wir Brücken bauen und es jungen Menschen ermöglichen, sich zu begegnen und ihren Horizont zu erweitern. Daneben möchten wir auch andere Zielgruppen wie Lehrkräfte mit Fortbildungen in Person erreichen und sie untereinander noch mehr vernetzen. Wir möchten weitere finanzielle Förderangebote für verschiedene Schulformen und China-Schwerpunkte anbieten.

Damit wollen wir das Bildungsnetzwerk als zentrale Institution für China-Kompetenz an Schulen noch bekannter machen und uns mit Entscheidungsträger:innen austauschen. Unsere Hoffnung ist es, in den kommenden Jahren es vielen jungen Menschen zu ermöglichen, Kenntnisse zu China zum Teil ihrer Bildungsbiografie zu machen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Christine Bertschi.