Vorbereitung von Lehrkräften auf internationale Begegnungen

Nachgefragt bei
Maik Böing
Fortbildung für Lehrkräfte

Der Geographie- und Französischlehrer Maik Böing, der auch in der Lehrerausbildung in Nordrhein-Westfalen tätig ist, hat schon in jungen Jahren Erfahrungen im Schüleraustausch gesammelt. Bis heute hat er über 50 Austauschprogramme geleitet, von denen einige hochrangige Auszeichnungen erhalten haben. In seiner Tätigkeit in der Lehreraus- und -fortbildung entwickelt er mehrsprachige und interkulturelle pädagogische Konzepte und Ideen. Zurzeit ist Maik Böing u.a. Fachleiter für Geographie am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung Köln und Studiendirektor für Französisch und Geographie am Gymnasium Kreuzgasse in Köln.

Sie haben bereits viel zum Thema „Internationaler Schüleraustausch“ gearbeitet und einige Publikationen vorgelegt. Was motiviert Sie zu einer so intensiven Auseinandersetzung mit dieser Thematik?

Maik Böing

Ich habe selbst als Schüler den Wert von einem Schüleraustausch kennengelernt. Damals führte mich als Französisch-Schüler mein erster Austausch nach Frankreich. Und ich habe mich in der Familie so wohl gefühlt, dass ich gleich vier Jahre hintereinander in dieselbe Partnerfamilie gefahren bin. Das war eigentlich der Anstoß dafür, dass ich mich selbst über so viele Jahre mit internationalem Austausch beschäftige und auch gerne beschäftige.

Und was macht Ihrer Meinung nach eine gute Schülerbegegnung aus?

Als erstes auf jeden Fall, dass die Schüler von beiden Seiten oder je nachdem, wie viele Nationen beteiligt sind, so intensiv wie möglich und gerne miteinander in Kontakt kommen und auch das Bedürfnis verspüren, Zeit miteinander zu verbringen. Um das zu erreichen, sollte man auf die inhaltliche oder methodische Ebene achten. Da gibt es viele Möglichkeiten, dass die Schüler überhaupt in Kontakt kommen, z.B. über das Konzept der Sprachanimation, weitere Kontaktaufnahmespiele und Spiele oder Aktivitäten, wo man die Sprache des anderen ausprobieren kann. Am Ende sollten diese unterschiedlichen Formate dann in irgendeiner Form gesichert werden.

Zweitens dann die vielen gemeinsamen Erlebnisse. Erlebnisse ganz gewöhnlicher Art. Das kann dann auch mal nur eine Wanderung durch den Wald oder ein Spaziergang in der näheren Umgebung sein. Es sollte aber auch ein Erlebnis sein, das nicht ganz alltäglich ist. Schön ist immer auch Projektarbeit, die integriert wird, wo die Schüler dann intensiv in Kontakt kommen.

Ganz wichtig ist dabei immer, dass man als Lehrer oder als derjenige, der den Austausch begleitet, Raum schafft, um darüber zu sprechen, was man beobachtet hat. Es müssen Methoden bereitgestellt werden, um in einen Austausch darüber zu kommen, was man beobachtet hat. So dass man selbst ins Nachdenken kommt, was ist eigentlich anders bei denen, warum haben die so reagiert, was haben wir gemeinsam und wo haben wir ähnlich reagiert.

Welche Kompetenzen müssen die Lehrkräfte mitbringen, um internationale Begegnungsprojekte zu einem nachhaltig positiven Erlebnis werden zu lassen?

Idealerweise hat man selbst schon einmal den Mehrwert eines Austausches als Teilnehmer erfahren. Wenn man das als Schüler, Student leider nicht geschafft hat, bestehen ja nach wie vor auch noch viele Möglichkeiten der Weiterqualifizierung, auch für Lehrkräfte, die schon im Dienst sind. Sei es über Austauschprogramme oder Fortbildungsprogramme, die bilaterale Träger anbieten. Das Deutsch-Französischen Jugendwerk z.B. bietet viele binationale Lehrerfortbildungen an. Das nenne ich die Phase null des Kompetenzerwerbs: Selbst sich in die Teilnehmerrolle zu begeben und den Wert, den Mehrwert und die ganze Dynamik, die so eine Begegnung entfaltet, zu erleben.

Und dann die Sachen, die man erwerben kann in Fortbildungen. Vor allem Einblicke in Theorie und Praxis von interkulturellen Kompetenzmodellen. Es ist wichtig, viele unmittelbar unterrichtspraktische oder austauschpraktische Methoden und Techniken kennenzulernen und diese auch anzuwenden, z.B. im Rahmen von Fortbildungen. Ganz wichtig beim Kompetenzerwerb der Lehrkräfte ist es auch, einen aktuellen Überblick über die vielen, vielfältigen Möglichkeiten im Bereich Schüleraustausch zu bekommen. Ein Schüleraustausch ist weit mehr als nur ein Aufenthalt mit touristischem Programm. Und darum geht es: den Blick zu öffnen bei den Lehrkräften, für dieses Mehr über das touristische Programm hinaus.

Es geht also nicht um die touristische Entdeckung um der touristischen Entdeckung willen, sondern darum, diese immer zu nutzen um irgendetwas anderes zu entwickeln und um ins Gespräch zu kommen mit der anderen und auch der eigenen Gruppe. Und in einer mononationalen Gruppe bestenfalls in der Fremdsprache.

Werden denn die Lehrkräfte Ihrer Meinung nach hinreichend auf die Planung und Gestaltung von internationalen Begegnungen vorbereitet?

Ich bin selbst in der Lehrerausbildung tätig und erlebe, dass die Ausbildung für die Begleitung von internationalen Austauschen in der Lehrerausbildung eigentlich noch ein Stiefkind ist. D.h. also an der Universität, in der ersten Phase der Lehrerausbildung, beschäftigen sich eigentlich wenige mit ganz konkreten Seminaren zur Austauschdidaktik. Bezogen auf das Referendariat ist die Austauschdidaktik und Austauschpädagogik in den Fremdsprachen Bestandteil oftmals lediglich einer einzigen Fachseminarsitzung von 3 Stunden.

Auch in der Lehrerfortbildung ist die Austauschpädagogik leider nicht das erste Interessenfeld, so dass diejenigen Lehrer, die sich da weiter-, aus- oder fortbilden wollen, das nur durch sehr viel Eigeninitiative erreichen können. Meiner Auffassung nach wälzen die einzelnen Bundesländer, die ja für Schul- und Lehrerbildung verantwortlich sind, viel an originärer Ausbildungs- und Fortbildungsverantwortung auf die anderen Träger ab, also bilaterale Austauschorganisationen oder auch den Pädagogischen Austauschdienst.

Sie plädieren dafür, didaktische Ansätze und Methoden, die bereits gewinnbringend im außerschulischen Austausch erprobt werden, auch im Schüleraustausch zu nutzen. Wie könnte diese Übertragung Ihrer Meinung nach gewährleistet werden?

Der einfachste Weg wäre, wenn man die Lehrer stärker vertraut macht z.B. mit dem Konzept der Sprachanimation und mit der Erlebnis- und der Entdeckungspädagogik. Dinge, die im außerschulischen Bereich nicht nur seit Jahren sondern seit Jahrzehnten mehr oder weniger etabliert sind.

Ein besserer Weg wäre z.B. noch, wenn schulische Träger mit außerschulischen Trägern zusammenarbeiten und vielleicht auch gemeinsam Austauschbausteine und Programmbausteine planen. Gerade die Öffnung im Nachmittagsbereich in den Schulen bietet die Möglichkeit, auch außerschulische Träger in diese Arbeit zu involvieren. Das muss gar nichts Großes sein, aber auf diese Weise können Impulse von außen in die Schule hineingebracht werden.

Das Interview führte Toni Müller (Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch).