Angehenden Lehrkräften eine positive Haltung gegenüber dem Ausland vermitteln

Nachgefragt bei
Andreas Hänssig
Feedback nach dem Auslandsaufenthalt als Schulassistentin – Was wurde für die spätere Lehrtätigkeit in Deutschland gelernt?

Die Lehrerbildung soll internationaler werden. Dieses Ziel verfolgt Andreas Hänssig mit dem Arbeitsbereich „International Teacher Education“ an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Wie sich Fremdheitserfahrungen und Sprachkenntnisse auf die Unterrichtsqualität auswirken, erklärt Andreas Hänssig.

 

Herr Hänssig, Ihr Arbeitsbereich an der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung nennt sich „International Teacher Education“. Womit beschäftigen Sie sich dort?

Andreas Hänssig

Andreas Hänssig: Meine primäre Aufgabe ist es, Lehramtsstudierenden „Fremdheitserfahrungen“ im Ausland zu ermöglichen, damit sie in ihrer späteren Lehrtätigkeit ihre Schüler*innen aus eigener Erfahrung auf unsere zunehmend globalisierte Welt vorbereiten.

Ganz konkret unterstütze ich Lehramtsstudierende darin, eine geeignete Praxisphase an einer deutschen oder internationalen Schule im Ausland zu vermitteln. Dafür habe ich ein Netzwerk an Auslandsschulen aufgebaut und nutze mein entwickeltes Bewerbungscoaching „Catch the Talents First“, damit auch die aufnehmenden Schulen im Ausland von den Lehramtsstudierenden der Goethe-Universität profitieren.

Die Vision von „Austausch macht Schule“ lautet: „Jede Schülerin und jeder Schüler sollte die Möglichkeit haben, an einem internationalen Austausch teilzunehmen.“ Wie steht es um die Austausch-Möglichkeiten bei angehenden Lehrkräften? Fänden Sie verpflichtende Auslandsaufenthalte für Lehramtsstudierende hilfreich?

Ja, wenn sie finanzierbar wären und es „Mobilitätsfenster“ für Auslandsaufenthalte geben würde. (Mehr zur Finanzierbarkeit und den Mobilitätsfenstern im Aufsatz am Fuß des Beitrags.) Vor Beginn eines Lehramtsstudiums wären Freiwilligendienste oder andere Praxisphasen von mindestens zwei bis drei Monaten in einer sozialen Einrichtung im Ausland sinnvoll.

Während des Studiums könnten „Mobilitätsfenster“ in Lehramtsstudiengänge für alle Unterrichtsfächer integriert werden. Entsprechende materielle Förderprogramme, wie z. B. vom DAAD Lehramt.International, Erasmus+, PROMOS und das SCHULWÄRTS!-Programm vom Goethe-Institut müssten fest etabliert und gestärkt werden. Auch wenn dies nach der aktuellen Covid19-Pandemie nicht einfacher geworden sein wird.

Es ist ja nicht immer so einfach, Lehrkräfte zu finden, die einen internationalen Schulaustausch organisieren möchten. Inwiefern könnte eine Internationalisierung der Lehrerbildung dies verbessern?

Ich bin davon überzeugt, dass Lehramtsstudierende, die bereits eine Praxisphase im Ausland verbracht haben, die Scheu vor einem Schüleraustausch verlieren:

Erstens wohnen viele Studierende in Gastfamilien im Ausland.

Zweitens haben sie in der Regel positive Erfahrungen mit multiprofessionellen und internationalen Lehrkräften gesammelt.

Drittens gibt es in der Regel positive Erfahrungen, wenn die Studierenden an einem Schulaustausch als Begleitperson selbst teilgenommen haben.

Sie plädieren für mehr Fremdsprachenkompetenz bei Lehrkräften. Wie unterstützen Sie an der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung (ABL) Ihre Studierenden dabei?

Gemeinsame Fortbildungsveranstaltung mit Oliver Günter, German International School Singapur, in Singapur 2017

Lehramtsstudierende, die z. B. eine Praxisphase an einer deutschen oder internationalen Schule im Ausland absolvieren, können sich an der Goethe-Universität im Sprachenzentrum Grundkenntnisse der Zielsprache des Gastlandes aneignen, damit der Einstieg im Ausland leichter fällt. 

Immer mehr Lehramtsstudierende haben eine Migrationsgeschichte. Manchmal leben sie in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland und möchten das Herkunftsland ihrer Eltern und Großeltern kennenlernen. Da bietet sich ein Schulpraktikum im Herkunftsland der Familie an. Rudimentäre Sprachkenntnisse können deutlich verbessert werden und dies führt dazu, dass danach eventuell sogar ein Semester im Ausland studiert wird, weil die Sprachbarriere immer geringer wird. 

Sie stellen in der Zeitschrift Didacta (01/2020) zum Thema „Wandelbar - was der Mensch in Zukunft können muss“ fest: „Für Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler werden Sprachkompetenzen und damit auch sprachsensibler Fachunterricht immer wichtiger.“ Was verstehen Sie unter sprachsensiblem Fachunterricht und wie können Fachlehrkräfte dieses Konzept umsetzen?

Unter Sprachsensiblem Fachunterricht verstehe ich, dass z. B. eine Leitfrage im Geschichtsunterricht, dem Erdkundeunterricht oder auch in den MINT-Fächern auf drei verschiedenen Sprachniveaus angeboten werden kann.

Dies bedeutet konkret, dass es heute in einer Schulklasse immer häufiger Kinder gibt, die nicht Deutsch als Erstsprache erlernen und somit die Unterrichtssprache Deutsch im Alltag selten gesprochen wird. Diese Kinder verstehen aufgrund fehlender Vokabeln die Fragen im Unterricht nicht. Deshalb ist es auch für Fachlehrkräfte, die keine Fremdsprache oder Deutsch unterrichten, wichtig, darauf vorbereitet zu sein und entsprechende Fortbildungen zur Wortschatzarbeit zu besuchen. Schulbuchverlage bieten diesbezüglich unterstützende Lehrwerke an, die Fachlehrkräfte sensibilisieren und Hilfestellungen anbieten, wie der Unterricht auf verschiedenen Sprachniveaus angeboten werden kann.

In der Lehrerbildung sollten alle zukünftigen Lehrkräfte Grundkenntnisse im Bereich Deutsch als Zweitsprache (DaZ) und Deutsch als Fremdsprache (DaF) haben. Dies würde die Arbeit der DaZ/DaF-Lehrkräfte deutlich erleichtern. Neben Kenntnissen der Binnendifferenzierung im Unterricht, dürfte das Thema Sprachsensibler Fachunterricht in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Die Arbeitsmobilität wird in Europa und weltweit zunehmen, so dass wir nicht davon ausgehen können, dass sich die Internationalisierung und Globalisierung unserer Welt zurückdrehen lässt. Für die Arbeitskräfte der Zukunft werden Fremdsprachen, kulturelle Offenheit und Sensibilität immer wichtiger.

Kann internationaler Austausch helfen, bewusster mit Sprachen umzugehen?

Ein Schulaustausch bietet allen beteiligten Personen, Schüler*innen und Lehrkräften, eine große Chance: Fremdheitserfahrungen im Ausland zu erwerben. Das ist wichtig und für viele, auch Lehrkräfte, eine prägende Erfahrung.

Aber ein Austausch ersetzt keine gezielte Fortbildung zum Sprachsensiblen Fachunterricht, die von der Lehrerfortbildung zu Hause oder den Schulbuchverlagen angeboten werden. Es erleichtert eher die Bereitschaft, nach einem Schulaustausch die Fortbildungen, zum Beispiel „Deutsch als Zweitsprache – zur Vorbereitung auf den Regelunterricht“, zu besuchen.  

Viele Lehrkräfte können heute eine oder zwei Fremdsprachen und es ist nicht selten, dass in einem italienischen Restaurant versucht wird das gewählte Gericht in der Landessprache zu bestellen. Das Ergebnis ist in den meisten Fällen ausbaufähig. Wie schwer wäre es vermutlich die Leitfrage für die Photosynthese oder die Plattentektonik im Erdkundeunterricht grammatikalisch richtig auf Italienisch zu stellen?

Was verstehen Sie unter Fremdheitserfahrung?

Der Begriff „Fremdheitserfahrung“ gefällt mir persönlich nicht, ebenso wenig wie „interkulturelle Kompetenz“, weil man damit negative Bilder assoziieren kann. Mir geht es darum, dass Lehramtsstudierende im Ausland ihre „Komfortzone“ verlassen und erleben, wie es ist, wenn man nicht sofort die richtigen Worte wählt oder einfach „sprachlos“ ist. In einer zunehmend von Populisten geprägten Welt können Lehramtsstudierende, also zukünftige Lehrer*innen, den Mut aufbringen, der Diskriminierungen vermeintlich „Anderer“ entgegenzuwirken. 

Bei meinen Auslandsreisen habe ich sehr viel Verständnis, Gastfreundschaft, Interesse und eine Willkommenskultur erlebt, als es dieses Wort in Deutschland noch nicht gab. Diese positive Haltung zukünftiger Lehrkräfte wünsche ich mir gegenüber allen Schüler*innen. Ein Zitat einer meiner Studentinnen, Petra Tanopoulou, unterstreicht was ich meine – als ich sie fragte, was sie in der Deutschen Schule in Singapur gelernt hat, lautete ihre Antwort:

„Was mich außerdem faszinierte, war die sprachliche und kulturelle Vielfalt der Gesellschaft im Stadtstaat Singapur insgesamt. So verbesserte ich während meinem Aufenthalt in Singapur nicht nur meine Englischkenntnisse, sondern lernte auch Wörter aus der malaiischen und der chinesischen Sprache kennen (Singapur hat fünf Amtssprachen).

Auch die Schüler*innen an der GESS zeigten sich immer sehr stolz, wenn sie mir erzählten wie viele Sprachen sie bereits sprechen können. Ich nutzte diese sprachlichen und kulturellen Erfahrungen als Inspiration für ein spannendes Projekt, das ich „Sprachlust - weil uns Sprachen vereinen“ genannt habe. Das Projekt umfasst eine ansprechend visualisierte Sammlung von Alphabeten in diversen Sprachen, die im Unterricht in der 3. und 4. Klasse eingesetzt werden können. Mit dem Projekt sollen Sprachen allgemein wertgeschätzt und das Sprachbewusstsein sensibilisiert werden."

Mit diesem Beispiel möchte ich verdeutlichen, welche positiven Effekte ein Schulpraktikum im Ausland bei Lehramtsstudierenden bewirken kann.

Hier finden Sie weitere Erfahrungsberichte von Lehramtsstudierenden, interessant ist etwa der Bericht von Luca Schäfer: Spannungsfeld Iran – ein Schulpraktikum in der Islamischen Republik. Oder der Bericht von Linh Ngo, sie absolvierte nach dem Ersten Staatsexamen im Frühjahr 2019 sowie ihren Erweiterungsprüfungen im Herbst 2019 ein freiwilliges Schulpraktikum an unserer Kooperationsschule in Down Under und berichtet:

„Ich wollte unbedingt die Überbrückungszeit bis zum Beginn des Referendariates sinnvoll nutzen. Ein freiwilliger Auslandsaufenthalt stand dabei ganz oben auf meiner Wunschliste, da ein Auslandssemester oder -praktikum bereits während des Studiums mein großer Traum war, aber es in meiner damaligen Zeitplanung leider nie wirklich „passte“.

Mein Auslandspraktikum an der Deutschen Schule Melbourne ist eine Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen möchte. Während meines Auslandsaufenthaltes habe ich mich sowohl in persönlicher als auch in professioneller Hinsicht stark weiterentwickelt. Gerade die wertvolle, professionelle Erkenntnis um die Interferenzen zwischen Erst- und Zweitsprache beim Lernen und Unterrichten, hätte ich wahrscheinlich nur an einer bilingualen Schule im Ausland machen können, in der ich beide Sprachen verstehe und spreche.“

Internationaler Schulaustausch findet heute zunehmend projektbasiert statt, oft auch verknüpft mit nicht-sprachlichen Fächern. Wie kann dies auf sprachlicher Ebene funktionieren?

Als Vorbereitung wäre es sinnvoll, digitale Sprachkurse zu besuchen und konkret mit Lehrkräften Fachvokabular und Redewendungen vorzubereiten, wie es z. B. im bilingualen Unterreicht bereits erfolgreich angeboten wird. Doch auch wenn die Sprache des Gastlandes nicht richtig gesprochen wird: Es zählt die Geste und der Wille sich austauschen zu wollen.

Sprachsensibler Fachunterricht sowie Sprachkompetenzen in mehreren Fremdsprachen ist für alle Schulformen hilfreich und kulturelle Offenheit für die Beziehungsebene im Klassenraum und der Elternarbeit von Vorteil. Schauen Sie sich alleine die Vielfalt der 16 Bundesländer an. Da gibt es vieles zu entdecken und in anderen Ländern weltweit umso mehr!

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Christine Bertschi.