„Die Brücke wird wachsen“: eine PASCH-Erfolgsgeschichte

Nachgefragt bei
Karin Thiele und Tobias Rusteberg
Projektleiter Elhadj Diouf, Schulleiterin Karin Thiele, Projektleiter Tobias Rusteberg

Das Tilman-Riemenschneider-Gymnasium (TRG) in Osterode am Harz wurde als erste Schule in Deutschland mit einer PASCH Plakette ausgezeichnet. Vor sechs Jahren suchte der Französischlehrer eine Schulklasse aus Senegal für Brieffreundschaften. Daraus entstanden nicht nur unzählige Freundschaften, Besuche und Projekte, sondern auch eine Schulpartnerschaft und eine Städtefreundschaft. Tobias Rusteberg, Oberstudienrat, Projektinitiator und PASCH-Beauftragter am TRG und Oberstudiendirektorin Karin Thiele erzählen von bewegenden Begegnungen und ihren Visionen.

Können Sie uns erzählen, was in den letzten sechs Jahren passiert ist?

Tobias Rusteberg: Die vergangenen sechs Jahre sind in Worten und Erlebnissen kaum zu beschreiben. Angetrieben von der Idee, eine Briefklasse aus Senegal für den Französischunterricht zu finden, ist eine Brücke der Begegnung entstanden, die von Menschen mit Herz gelebt, geliebt und ausgebaut wird. Die Hauptakteure auf beiden Seiten und Ziel aller Vorhaben sind stets die Schülerinnen und Schüler. Sie sind es, die den Eine-Welt-Gedanken mit Leben füllen und für eine friedliche Welt der Freundschaft stehen. 

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Ob zu Musik, zu Sport, zu Umweltfragen, zu Start Up-Ideen, zu Migration, zu beruflicher Ausbildung oder im Rahmen des Spracherwerbs, jede der bis dato 14 Begegnungen hatte im Wortsinn ihren eigenen Zauber. Es gibt nichts Schöneres als zu sehen, wie sich junge Leute im Rahmen von Workshops kennen- und schätzen lernen, wie Freude und Leid geteilt werden und welch feste Verbindungen auch über jede Begegnungsreise hinaus entstehen.

Was waren die Highlights für Sie bzw. für Ihre Schülerinnern und Schüler? 

Karin Thiele: Eine schwierige Frage, da letztendlich der gesamte Prozess der Entwicklung, mit allen Höhen und Tiefen ein Highlight war bzw. immer noch ist. Für mich persönlich sind die ersten Begegnungen natürlich absolut prägend gewesen. Als 2014 die ersten Schülerinnen und Schüler aus Kaolack zu uns nach Osterode kamen, keiner/keine von ihnen war bisher jemals geflogen bzw. außerhalb des Senegal gewesen, war in mir ein ganz tiefes Empfinden der Freundschaft und Zuneigung. Spontan machte ich dort auch die Zusage, bei einem eventuellen Gegenbesuch in Senegal auf jeden Fall dabei zu sein. Viel schneller als erwartet, nämlich bereits Anfang 2015, wurde meine Zusage „eingefordert“. Das Goethe Institut Dakar machte uns das Angebot, an einem deutsch-afrikanischen Workshop (an dem auch unsere Partnerschule aus Kaolack teilnahm) in Senegal teilzunehmen. Bessere Rahmenbedingungen für einen Besuch in Senegal  konnten wir uns nicht wünschen und so kam es im Mai 2015 zum Gegenbesuch (auch unserer Partnergymnasien in Kaolack).

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Ich habe nie damit gerechnet, dass mich ein Erlebnis nach so vielen Dienstjahren noch so prägen könnte. Begriffen habe ich auch erst durch den Besuch in Senegal, was es für die Schülerinnen und Schüler von dort bedeutet, unserer Kultur zu begegnen. Ohne das wohl riesige Vertrauen in ihren Deutschlehrer Elhadj nicht vorstellbar.

Tobias Rusteberg: Von vielen Teilnehmern habe ich gehört, dass man „zu einer Familie geworden sei“, dass „man Freunde fürs Leben gefunden und Senegal/Deutschland schätzen gelernt habe“, dass „diese Begegnungen einen selbst prägen und für immer im Herzen bleiben“ und dass „man dankbar sein könne, derartige Erfahrungen sammeln zu dürfen“. Senegalesische und deutsche Eltern berichten von Kindern, die als gereifte Menschen zurückkommen und so viel vom jeweiligen Gegenüber gelernt hätten. Mehr kann man sich als Projektinitiator nicht wünschen und ich bin einfach nur stolz auf alle Akteure, die Teil unserer Brücke zwischen Osterode und Kaolack sind.

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Worin bestanden die größten Herausforderungen und Hürden?

Tobias Rusteberg: Herausfordernd sind ohne Frage die Finanzierung der Vorhaben und der planerische Aufwand vor, während und nach jeder Begegnungsreise. Ich persönlich habe festgestellt, dass man all die Stunden, die man zusammen verbringt, mindestens auch als Aufwand links und rechts jeder Reise sehen muss. Die oben beschriebenen Momente „entschädigen“ aber auf ganzer Linie und während jeder Begegnung entsteht schon wieder das Fieber für die Fortführung und weitere Themenaustausche. So geht es nunmehr seit sechs Jahren und hoffentlich noch sehr, sehr lange.

 

Die Schulpartnerschaft beinhaltet auch Spendeninitiativen und Hilfsprojekte. Entsteht dadurch ein Gefälle oder begegnen sich die Schülerinnen und Schüler trotzdem auf Augenhöhe?

Karin Thiele: Uneingeschränkt ist dies eine Partnerschaft auf Augenhöhe im menschlichen Bereich. An keiner Stelle wird herausgekehrt, „wir die reichen Europäer, ihr die armen Afrikaner“. Das ist wohl auch das Geheimnis des Erfolges.

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Wir kümmern uns um Förderprogramme, die unsere Begegnungen ermöglichen. Das ist aber kein Betteln um Spenden, vielmehr die Nutzung unserer Möglichkeiten für globale Verständigung, für Bildung für nachhaltige globale Entwicklung. Unsere gemeinsame Arbeit ist gegenseitiges Lernen bzw. der Austausch von Ideen und Erfahrungen. So ist z. B. unser Projekt „Schüler helfen Schülern“ am TRG Osterode inzwischen auch am Lycée in Kaolack umgesetzt. Wir haben die Bedeutung und den Umgang mit der Ressource Wasser in Kaolack hautnah erlebt, über die Bedeutung von Energieeffizienz lernten wir beim Bau von Kochstellen aus Lehm. Sicher gab es anfänglich mehr im Vordergrund stehende Spendenaktionen, um Schülern in Kaolack zum Beispiel den Schulbesuch zu ermöglichen und sie mit Lernmaterial auszustatten. Hieraus erwuchsen Patenschaften ganzer Jahrgänge am TRG, die inzwischen Tradition geworden sind.

Tobias Rusteberg: Im Fokus unserer Arbeit stehen stets Begegnungen rund um Themen der globalen Agenda 2030. Mit einfachen Worten formuliert: Kaolacker A und Osteroder B begegnen sich hier oder dort, um zu einem Thema C zu arbeiten. Am Ende jeder Begegnung entsteht ein Produkt D, das über die jeweilige Reise hinausreicht und auf beiden Seiten fortgesetzt wird. Während dieser Zeit lernen sich die Jugendlichen kennen, sie lachen zusammen, sie spielen zusammen, sie teilen Sorgen, Ängste und Träume und erfahren so viel von einem anderen Teil der Welt, den sie selbst nie zuvor gesehen haben. Im Nachgang jeder Begegnung multiplizieren die Akteure an ihren jeweiligen Schulen die Arbeitsergebnisse, sie werden zu „Junior-Botschaftern“ und sensibilisieren ihre Mitschüler für globale Fragen sowie die Schulpartnerschaft. Diese vereinfachte Formel zeigt, dass Augenhöhe keine Frage, sondern ein Dauerzustand unserer Arbeit ist.

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Natürlich liegt auf der einen Seite mehr Finanzkraft, doch das interessiert junge Leute, die begeistert an einem Thema arbeiten, nicht vordergründig. „Assa kann besser tanzen als Nina, Marc ist schneller als Mohamed, Sabine und Adja zeichnen wie Künstler und Abdoulaye hat eine wunderbare Stimme“ – derartige Beobachtungen kommen der Schülerwelt deutlich näher. Es gibt in unserer Arbeit kein Gefälle aufgrund materieller Unterschiede, im Gegenteil: viele Osteroder kommen aus Senegal zurück und betonen, dass die Senegalesen viel reicher seien als sie selbst: mehr Freunde, mehr Familienleben, mehr Zusammenhalt. „In Afrika ist der Reichtum immer menschlich!“, so eine Elftklässlerin nach ihrer Zeit in Kaolack.

Die angesprochenen „Hilfsprojekte“ dienen stets der Unterstützung von Bildung. Es war ein Wunsch beider Schülergremien, in diesem Punkt einzuschreiten und mehr jungen Menschen den Zugang in die Schulen zu ermöglichen. Bildung ist der einzige Schlüssel zu einem selbsterfüllten Leben und aus diesem Grund „helfen“ wir hier gerne und aus Überzeugung. Es gilt zu erwähnen, dass die jeweiligen „Spendeninitiativen“ von SchülerInnen durchgeführt werden, das Projekt greifbarer machen und zu einer hohen Identifikation mit der Schulpartnerschaft beitragen. Ob selbst erstellte Kalender, die Zusammenarbeit mit dem Künstlerdorf in Kaolack, Fußballfahrten zu einem guten Zweck oder der Verkauf von selbstgebackenen Kuchen: stets stehen Schüler für Schüler ein, auch das ist eine wichtige Kompetenz im Rahmen unserer Arbeit. Ein Leuchtturmprojekt ist beispielsweise das Projekt Junior Lehrer, bei dem ältere Senegalesen jüngeren Mitschülern Nachhilfe im Rechnen, Lesen und Schreiben geben. Bei all dem Gesagten würde mir der Aspekt „Hilfe“ zu kurz fassen, daher sage ich lieber: schülerpartizipative Unterstützungsangebote.

Wie geht es weiter nach dem tragischen Tod von Deutschlehrer Elhadj Mamadou Diouf? Plötzlich und unvorbereitet ist auf senegalesischer Seite die zentrale Person weggebrochen, welche Konsequenzen müssen Sie daraus ziehen?

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Tobias Rusteberg: Es gibt keine Worte, die beschreiben können, was dieser 15. Januar mit mir persönlich, mit unseren gemeinsamen Visionen und mit allen Aktiven im Rahmen der Partnerschaft gemacht hat. Ich selbst habe durch den Verlust von Elhadj Diouf sicherlich am meisten verloren: einen Kollegen, einen Brückenbauer, einen Bruder, mit dem ich jeden (!) Tag in Kontakt stand. Mir bleibt nur der Dank, derartig wunderbare sechs Jahre gemeinsam mit ihm als „Leitungstandem“ erlebt zu haben und in mir ruft die Pflicht, unser Werk in seinem Sinne fortzusetzen. Nicht eine Sekunde habe ich zugelassen, dass dieser tragische Unfall auch unseren Wunsch nachhaltiger Begegnungen zwischen Osterode und Kaolack ins Wanken hätte bringen können.

Elhadj und ich haben gemeinsam mit unseren Familien und Autoritäten im Rücken (Schulleiter, Bürgermeister, Landrat) bereits seit gut zwei Jahren perspektivisch und auf mehreren Schultern gearbeitet. Natürlich wird nichts und niemand diesen einzigartigen Visionär aus Kaolack ersetzen können, doch seine beiden Deutschlehrerkollegen und ein enger Freund von ihm stehen seit seinem Tod noch stärker für die Brücke ein als bisher. Wir kommunizieren ebenfalls täglich via WhatsApp und werden weitere Begegnungen – bereits im Juni – gemeinsam realisieren. Auch auf deutscher Seite arbeite ich längst in einem Team, die Brücke ist keine einspurige Verbindung mehr, sondern mitunter eine Autobahn, die mehrerer Akteure bedarf.

Die tiefe Betroffenheit von Schülern, Eltern und Kollegen hat mir zwei Dinge gezeigt: Zunächst wurde mehr als deutlich, was für ein wunderbarer Mensch Elhadj Diouf war. Darüber hinaus hat dieses tragische Ereignis uns alle noch stärker zusammenrücken lassen. Bereits in der Nacht hatten Jugendliche aus Kaolack ihre Freunde in Osterode informiert, das Telefon von mir stand die nächsten Tage kaum noch still. Die breite Anteilnahme aus Ministerien, von der Deutschen Botschaft, von der UNESCO und von diversen weiteren Weggefährten aus aller Welt ist eine Wertschätzung, die Elhadj mehr als verdient hat. Es zeigt, dass die richtigen Menschen durchaus viel in ihren Mitmenschen bewegen und gemeinsam etwas verändern können. „Jetzt erst recht“ ist nicht nur dahingesagt, sondern noch immer unsere Handlungsmaxime: „Le pont va grandir“ – die Brücke wird wachsen!

Karin Thiele: Elhadj fehlt uns allen und ist nicht zu „ersetzen“. Aber, es ist die gemeinsame Pflicht und ein fundamentales Bedürfnis auf beiden Seiten, seine Initiativen in seinem Sinne fortzusetzen. Der Ansatz der Partnerschaften und der Begegnungen ist einfach richtig. Wir handeln, wo andere noch reden, wir bauen eine Brücke und fördern eine kulturelle und menschliche Verständigung zwischen Menschen, die längst zur Freundschaft auf den verschiedensten Ebenen wurde. Noch vier Tage vor seinem tragischen Tod waren wir in Kaolack im Rahmen einer kommunalen Anbahnungsreise mit ihm zusammen und hatten so große Pläne: die Schulpartnerschaften durch eine Städtefreundschaft zwischen Osterode am Harz und Kaolack zu untermauern. Die Pläne sind auf dem Weg der Verwirklichung, Elhadj erlebt dies leider nicht mehr aktiv mit. Wir haben einen Brückenbauer verloren, einschneidender aber, wir verloren unseren Freund.

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Ihre Schule wurde als erste in Deutschland mit einer Plakette von PASCH ausgezeichnet – herzliche Gratulation! Was bedeutet das für Sie und Ihre Schule?

Karin Thiele: Vielen Dank. Die  Auszeichnungen und Zertifizierungen machen uns, insbesondere die Schülerschaft, stolz, sind sie doch eine sichtbare Anerkennung ihres Engagements. Die Bedeutung von PASCH ist wohl schon in meinen bisherigen Worten deutlich geworden, bildet PASCH doch auch ein Dach für das TRG und sein Partnergymnasium in Kaolack als PASCH-Schulen.

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Netzwerke und Partnerschaften in der Gemeinschaft mit  global Gleichgesinnten aufzubauen und zu erhalten ist einfach ein Vorteil und daher ein immenser Gewinn im Sinne der Ziele. Auch die Kongresse, Seminare und gemeinsamen Aktionen wissen wir sehr zu schätzen, ebenso die Unterstützung durch die PASCH-Gemeinschaft bei Schwierigkeiten und die Vielzahl von Anregungen im Sinne der globalen Verständigung.

Ich habe bisher an keiner Stelle, wie leider nicht selbstverständlich bei Projekten, Konkurrenzdenken oder gar Neid erlebt. Die Herausforderungen, vor der die Weltgemeinschaft steht sind so groß, dass wir uns einfach immer auch gegenseitig unterstützen und motivieren müssen. Wenn wir durch unsere Partnerschaft mit Kaolack erreichen, dass mehr junge Menschen vor Ort ihr Land unterstützen, Bildung und Ausbildung nutzen und sich in Senegal engagieren, anstatt in Boote gen Europa zu steigen, dann ist alles richtig und ein nachhaltiger Beitrag.

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Tobias Rusteberg: PASCH stand am Anfang all unserer Arbeit. Ohne das Programm „Schulen: Partner der Zukunft“ hätten Herr Diouf und ich niemals zueinander gefunden und der Senegal wäre in Osterode wahrscheinlich nicht bekannter als andere afrikanische Staaten. Im Rahmen von PASCH fand auch unsere erste Begegnungsreise nach Senegal statt und die Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Dakar bildet seitdem eine zentrale Säule unserer interkulturellen Arbeit. Dank Frau Nagel (ehemalige Deutschexpertin am GI Dakar) und Frau Bredin (aktuelle Deutschexpertin) hat es eine Begegnungsintensität zwischen unseren beiden Schulen gegeben, die sicherlich ihresgleichen sucht. Sowohl die Quantität als auch die Qualität unserer Arbeit wird nunmehr bundesweit wahrgenommen, ohne PASCH hätten wir es nicht so weit gebracht.

Demnach interpretiere ich den Erhalt der ersten PASCH-Plakette für eine deutsche Schule als Ehre und Verpflichtung zugleich: Ehre, da es sich einfach toll anfühlt, die von so vielen Akteuren getragene Arbeit wertgeschätzt zu sehen. Verpflichtung, da wir nun noch stärker als Vorreiter, Multiplikator und Vernetzer in der PASCH-Familie gefragt sind. Elhadj Diouf wäre stolz gewesen, wenn er diesen Meilenstein persönlich hätte erleben dürfen. Ich weiß, wie sehr er sich mit PASCH identifiziert hat und welch große Bedeutung er und seine Kollegen ihrem Status als einer von drei Schulen in Senegal beimessen. In diesem Sinne ist die PASCH-Plakette auch immer eine Erinnerung an die gemeinsame Vision, Osterode und Kaolack auf diversen Ebenen (Schule, Kommune, Zivilgesellschaft) weiter zu verbinden. 

Karin Thiele: 10 Jahre PASCH, bitte weiter so und die Gemeinschaft noch vergrößern. Der Satz „Der Jugend gehört die Zukunft“ ist aktueller denn je und wir sollten alles tun, um die Jugend dieser Welt zusammenzuführen und fit zu machen für die Zukunft.