„Die Organisation eines Austauschs bedeutet unbezahlte Mehrarbeit“

Nachgefragt bei
Peter Di Natale
Jugendliche arbeiten bei einem Austausch zusammen

Peter Di Natale hat 2016 am Friedrich-Dessauer-Gymnasium in Frankfurt/Main eine Schulpartnerschaft mit der Zespół Szkół Ogólnokształcących nr 2 in Białystok ins Leben gerufen. Im Interview erzählt uns der Lehrer für Englisch, Latein und Italienisch, warum sein Austauschprojekt – trotz Erfolg und Enthusiasmus – bereits nach einem Jahr nicht mehr weitergeführt wurde. 

Herr Di Natale, zusammen mit einer Kollegin haben Sie eine Schulpartnerschaft zwischen Frankfurt am /Main und Białystok ins Leben gerufen. Das war 2016. Sie hat aber nicht lange gehalten – wie kam das?

Peter Di Natale

Zeitgleich zum ersten Gegenbesuch 2017 wurde ich Vater, ging für ein knappes halbes Jahr in Elternzeit und kehrte in Teilzeit zurück. Mehrarbeit in Verbindung mit dem Austausch konnte ich nicht mehr leisten. Und es fand sich auch keiner, der mich vertreten würde. Dies ist betrüblich, denn wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht und auf den Schüleraustausch viele positive Rückmeldungen bekommen.

Die Abrechnung habe ich noch in Elternzeit gemacht, aber ein neues Projekt mitzuorganisieren, den Antrag hierzu beim Deutsch-Polnischen Jugendwerk (DPJW) zu verfassen, wäre zu viel gewesen. Białystok hatte großes Verständnis für meine Lage, wenngleich es auch für sie sehr schade war.

Es gab auch innerschulische Entwicklungen, die dazu führten, dass meine Kollegin ebenfalls aufgab und der Austausch nicht weitergeführt werden konnte. Durch meine Abordnung, nach meiner zweiten – kürzeren – Elternzeit, hatte ich noch weniger Zeit an meiner Stammschule, an welcher der Austausch weitergeführt werden könnte.

Dass das erfolgreich verlaufende Austauschprojekt nach dem ersten Durchlauf wieder beendet wurde, liegt also an Personalmangel. Und der führt wiederum zu Abordnungen und der Verpflichtung, andere Aufgaben in der Schule zu übernehmen – so z.B. auch Vertretungsunterricht. Dies führt letztendlich dazu, dass das Austauschprojekt, trotz seines Erfolges für alle Beteiligten und des unbestreitbaren Mehrwerts an Bildung und Kulturarbeit, nicht weitergeführt wird.

Wie kam es zu der Partnerschaft mit Białystok und wie liefen die Anfänge?

Angefangen hat es mit einer privaten Bekanntschaft. Meine Kollegin ist selbst in Polen aufgewachsen und hat uns mit der Schule in Białystok in Verbindung gebracht. Die Bekannte meiner Kollegin kam zu uns ins Lehrerzimmer, gemeinsam haben wir unsere Ideen und Konzepte auf Papier gebracht. Ein Jahr verging zwischen diesem Erstkontakt und der ersten Schülerbegegnung. In dieser Zeit stellten wir den Antrag beim DPJW und organisierten innerschulisch den Austausch. Es konnte nur so schnell gehen, weil die Schulleitung schon mehrere Jahre an einer Schulpartnerschaft interessiert war, wir also unser Projekt vorgelegt und grünes Licht bekommen haben. Dafür möchte ich die Gelegenheit des Interviews nutzen und meiner Schulleiterin herzlich danken!

Danach mussten Schüler*innen und Eltern überzeugt werden: Wir stellten unser Projekt am Tag der offenen Tür vor und gingen in die Klassenlehrerstunden. Recht bald hatten wir 18 Schüler*innen aus den ersten beiden Oberstufenjahrgängen beisammen.

Wie verliefen die ersten beiden Begegnungen?

Im Vordergrund stand die historisch-politische Bildung, die gemeinsamen Ursprünge der demokratischen Kultur. Wir sind Nachbarländer, haben aber auf den ersten Blick ganz unterschiedliche Bildungstraditionen und politische Kulturen. Doch es gibt starke gemeinsame Bezugspunkte. Das Hambacher Fest oder das Magdeburger Recht sind Stichpunkte hierzu. Wir wollten die Gemeinsamkeiten zwischen den Ländern in den Mittelpunkt stellen, und über den Tellerrand von 1939-45 und der Nachkriegsgeschichte schauen. Die Teilnehmer*innen besuchten in Deutschland das Schloss Hambach, die Paulskirche, die Saalburg und weitere historische Orte politischer Bildung in Frankfurt und Umgebung. Dazu wurden in gemeinsamen Projekten aus Materialien Referate erarbeitet, die Arbeitsergebnisse diskutiert und ausgewertet.

Insgesamt war dies politische Bildung auf hohem Niveau. In Białystok verlief das ähnlich, dort gab es auch einen gemeinsamen Arbeitseinsatz: auf einem interkonfessionellen Friedhof haben die Schüler*innen bei der Grabpflege mitgeholfen.

Könnte die Schulpartnerschaft wiederbelebt werden?

Die Schulleitung hätte nichts dagegen – da würde man offene Türen einrennen. Wenn also jemand Lust hätte… In Teilzeit ist das jedoch nicht machbar, wenn die Bedingungen so sind, wie eben schon erwähnt. Ich hätte große Lust darauf, das Projekt weiter voranzubringen, habe aber halt auch große Lust darauf, Vater zu sein.

Manche Kolleg*innen sehen den Schüleraustausch auch kritisch: Sie finden, es gäbe zu viele außerschulische Veranstaltungen, was den Unterricht beeinträchtige. Viele wollen diese Situation nicht weiter verschärfen und plädieren für einen Verzicht auf weitere Projekte, die in der Zeit des regulären Unterrichts stattfänden. Andererseits gab es aus dem Kollegium auch viel Zustimmung und Unterstützung für unser Projekt.

Solche Vorhaben, wie ein Schüleraustausch, scheitern auch häufig daran, dass die Arbeit von Teilen der Schulleitung oder des Kollegiums nicht gewürdigt wird. Die Organisation eines Austauschs beinhaltet viele Pflichten: Man muss das Konzept deutlich ausformulieren, dieses in den Antrag an das DPJW einarbeiten, voraussichtliche Kosten aufstellen, dann abrechnen… Und das macht man zusätzlich zu allen anderen Standard-Verpflichtungen – es müsste für ein solch aufwändiges Projekt Entlastungsstunden geben.

Natürlich war unser Plan, die Schulpartnerschaft länger zu erhalten. Aber es ist wie so oft an das Engagement einzelner Kolleg*innen gekoppelt, die ein persönliches Interesse daran haben: meine Kollegin kommt aus Polen, ich bin mit einer Polin verheiratet. Ich habe selten erlebt, dass Engagement für einen östlichen Nachbarn ohne private Verbindung besteht. Oder aber es besteht ein außerordentliches historisches und kulturelles Interesse einzelner Kolleginnen oder Kollegen, ein tiefes Verständnis für die Wichtigkeit einer solchen Zusammenarbeit für Europa als Ganzes.

Sie schrieben 2017 im Abschlussbericht des Austauschs: „Die Teilnehmenden waren vom Arbeits- und Organisationsaufwand des Projekts überrascht.“
Wie leistungsbereit erleben Sie die Schüler*innen, bzw. wie viel liegt neben Schule, Hobbys und anderen Verpflichtungen überhaupt noch drin?

Gute Frage. Sehr unterschiedlich. Es gibt solche, die sich noch intensiver vorbereiten und einbringen möchten, die den Kontakt zu der Gastfamilie auch nach dem Austausch weiter pflegen. Und bei anderen lässt die Motivation zu wünschen übrig, sie fahren einfach mit, weil sie sich eingeschrieben haben.

In einer AG in der Schule haben wir die Grundlagen der polnischen Sprache und der Alltagskultur vermittelt. Zum Beispiel über Festtage, die katholisch geprägt und daher stark ritualisiert sind. Etwa der Karsamstag, an dem man ein Körbchen mit Brot, Wurst, Salz und Pfeffer segnen lässt (sog. Osterspeisensegnung). Oder das zusätzliche Gedeck zum Festmahl am Heiligabend – es soll an die Herbergssuche der Heiligen Familie erinnern. Aber auch der stärker formalisierte Umgang zwischen den Generationen – oft siezt man die Eltern der Partnerin oder guter Freunde, auch den Handkuss kann man gelegentlich noch in der Öffentlichkeit sehen. Bei Abiturprüfungen erscheinen Schülerinnen und Schüler entsprechend einem formellen Dresscode, den es in Deutschland kaum gibt. Der Umgang mit der Geschichte des jeweils eigenen Landes ist aus offensichtlichen Gründen bei Polen und Deutschen – besonders auch im Spiegel von Politik und Massenmedien – sehr unterschiedlich.

Bei der Projektvorbereitung setzten Sie neben Treffen und Besprechungen auf Messengerdienste wie WhatsApp. Hat sich dies bewährt?

Leider ja. „Leider“, weil wir alle die (aus meiner Sicht berechtigten) Vorbehalte gegenüber WhatsApp kennen. Wir dürften das als Schule eigentlich auch gar nicht nutzen, haben aber das Einverständnis der Eltern eingeholt. In unserer offiziellen Gruppe ging es sehr zivilisiert und effizient zu und her, da ging nichts Wichtiges verloren. Daneben gab es auch noch Gruppen der Schüler*innen – davon kriegt man zum Glück nicht alles ungefiltert mit.

Mit den Eltern sind wir zweigleisig gefahren – manche wollten lieber per WhatsApp auf dem Laufenden gehalten werden, andere per E-Mail. Vielleicht würde ich beim nächsten Projekt eher auf sicherere Messengerdienste, wie z.B. „Signal“, setzen.

Im Sachbericht ziehen Sie Schlüsse aus dem durchgeführten Projekt und möchten diese Erfahrungen auch mit Organisatoren ähnlicher Projekte teilen: „Die Begeisterung der Teilnehmenden, deren Offenheit und Glauben an die Ziele des Projekts tragen das Ganze und stellen so manches Ärgernis in den Schatten. Im Zweifel sollte man auch als Leitung stets die Grundideen des Projekts vor Augen haben, damit auch „Durststrecken“ überstanden werden können.“
Welche Durststrecken galt es in Ihrem Projekt zu überstehen?

Nichts Außergewöhnliches: In Zeiten mit vielen Klausuren tauchen einzelne Schüler*innen ab, kommen nicht zur verabredeten AG, Papiere mit Unterschriften lassen auf sich warten. Aber das sind Einzelfälle! Es gibt auch Eltern, die einen recht unangenehmen Druck aufbauen können, wenn es beispielsweise um die frühzeitige Mitteilung von Reisedaten oder anderen Umständen des Austauschs geht. Daher denke ich, dass auf allen Seiten Vertrauen sowie auch Geduld vonnöten sind.

Eine zweite Empfehlung von Ihnen lautet: „Auch wenn Zweifel und Kritik am Projekt laut geäußert werden, bleiben Sie gelassen - es lohnt sich immer, sich selbst und anderen die Wichtigkeit des Projekts vor Augen zu halten.“
Von welcher Seite kamen Zweifel und Kritik, und wie konnten Sie diesen begegnen?

Von Kolleg*innen. Nicht jeder findet so einen Austausch wichtig – es entstehen dabei Fehlstunden der Schüler*innen im eigenen Unterricht, was zu Ärgernissen führen kann. Solche Kritik muss man einfach ertragen, denn ich kann nicht jeden begeistern. Schwieriger wird es, wenn man zwar Lippenbekenntnisse zur Wichtigkeit des Projekts bekommt, aber keine Entlastungsstunden und dann sogar unvermittelt abgeordnet wird. Da kann das Gefühl entstehen, dass man für das Engagement im Projekt bestraft statt belohnt wird.

Das größte Problem ist der Personalmangel. Es würde die Mitarbeit im Projekt attraktiver machen, wenn man die zwei Stunden für die genannte AG – oder am besten gleich für die gesamte Koordination des Projekts – auch bezahlt bekäme, d.h., wenn diese Bestandteil der Soll-Stunden im Stundenplan der betroffenen Lehrkraft wären. Dann wären mehr Lehrkräfte bereit, ein spannendes und für die internationale Zusammenarbeit in Europa so wichtiges Projekt zu übernehmen.

Die Organisation eines Austauschs bedeutet, unter den derzeitigen Arbeitsbedingungen, unbezahlte Mehrarbeit. Eine Anerkennung durch Bereitstellung von Stunden wäre angesagt. In unserem Fall haben Elternzeit und Abordnungen aufgrund von Personalmangel das Aus für unser Projekt bedeutet. Das ist finde ich sehr bedauerlich.

Der Schlüssel für die Förderung und das nachhaltige Bestehen von Austauschprojekten scheint mir in der langfristigen Verbesserung der personellen Situation an Schulen, d.h., es müssen mehr Lehrkräfte eingestellt werden, um Abordnungen zu verhindern und Ausfälle wegen Elternzeiten, Krankheit, Versetzung oder Pensionierung aufzufangen.

Vielen Dank für das Gespräch!


Das Interview führte Christine Bertschi