Eine Schule für alle, Austausch für alle

Nachgefragt bei
Sonja Hartelt-Bördeling

An der Neuen Schule Wolfsburg ist jedes Jahr eine Woche im Frühjahr für spezielle Vorhaben reserviert. Für alle Neuntklässler*innen steht ein internationaler Schulaustausch auf dem Programm – nach England, Italien, Polen, Schweden oder Spanien, mit Gastfamilienaufenthalt und begleitet von Lehrkräften. Die Stufenleiterin Sonja Hartelt-Bördeling stellt das Austauschkonzept der Schule vor. 

Warum ist es Ihnen wichtig, dass alle Schüler*innen in den Genuss einer Austauschfahrt kommen?

Sonja Hartelt-Bördeling

Sonja Hartelt-Bördeling: Wir sind eine Gesamtschule – also eine Schule für alle. Daher sollen auch alle Schüler*innen in den Genuss einer Auslandsfahrt kommen. Insbesondere im Rahmen eines Austausches, der das Erleben noch intensiviert. Nur durch gegenseitiges Kennenlernen und Akzeptieren des anderen kann ein friedvolles Miteinander gelingen. Dieser Schwerpunkt wurde schon bei der Schulgründung festgelegt.

Wenn bei den Austauschfahrten der Stufe 9 alle gleichzeitig weg sind, ist das bestimmt organisatorisch praktisch – gibt es weitere Vorteile, oder aber auch Nachteile bei diesem Konzept?

An unserer Schule finden im Herbst und im Frühjahr sogenannte „Vorhabenwochen“ statt.
In einer fest definierten Woche findet dann kein Unterricht statt. Jeder Jahrgang hat sein eigenes Projekt. In der 2. Vorhabenwoche im Mai haben sich die Jahrgänge auf folgende Schwerpunkte geeinigt:

Jahrgang 5: Jahrgangsfahrt mit ca. 90 Schülern in eine Jugendherberge im Harz
Jahrgang 6: „fit und gesund“
Jahrgang 7: Klassenfahrt als Klasse zu vier unterschiedlichen Zielen
Jahrgang 8: Betriebspraktikum
Jahrgang 9: Auslandsfahrt
Jahrgang 10: Intensiv-Vorbereitung in Deutsch, Mathe, Englisch als Vorbereitung für die Abschlussprüfung

So gesehen fällt kein Unterricht in den Jahrgängen 5 bis 10 aus. Das ist vorteilhaft.

Gleichzeitig findet Unterricht in der Oberstufe statt. Daher können Kolleg*innen, die in der Oberstufe unterrichten, nur bedingt die Auslandsfahrt in Jahrgang 9 begleiten.
Außerdem liegen meist parallel sogar einige Abiturprüfungen.

Die Rückbegegnungen finden bei Ihnen an der Schule übers Jahr verteilt statt. Wenn ständig Schüler*innengruppen zu Gast sind – wie werden diese in den Schulalltag integriert, bringt das viel Unruhe rein oder freut man sich über die Abwechslung?

Das ist eine Mischung aus beidem: Die Austauschgruppen haben meist eine Größe von 12 bis 18 Personen. Das macht pro Klasse dann drei bis fünf Gastschüler. Das ist kein Problem. Die Gastschüler*innen nehmen natürlich auch am regulären Unterricht teil. Dazu kommen noch diverse Ausflüge: Eine Stadtführung durch Wolfsburg, der Besuch der Autostadt Wolfsburg und die obligatorische Werksführung bei VW.

Einige Gastschulen möchten unbedingt nach Berlin, andere nach Hannover, andere möchten die Grenzanlagen in Marienborn (nahe Helmstadt) besuchen. Da sind dann die deutschen Gastgeber*innen immer dabei. Das führt natürlich dazu, dass mal die eine oder andere Stunde verpasst wird. Da aber alle Beteiligten das wissen (Schüler*innen, Eltern, Kolleg*innen), werden in der Zeit der Gegenbesuche keine Klassenarbeiten geschrieben.

So viele Partnerschaften muss man ja erst mal finden und dann auch pflegen – auf Ihrer Website steht, dass dies auch dank persönlicher Kontakte der Lehrkräfte und Eltern möglich war. Können Sie zu einer Partnerschaft die Geschichte und Hintergründe erzählen?

Wir hatten Anfang Dezember 2017 bereits alle Schüler*innen den Standorten zugeordnet, als kurzfristig eine der Partnerschulen absprang und damit 18 Schüler*innen keinen Zielort hatten. Alle Kolleg*innen wurden sofort per Rundmail aufgefordert, ihre Freunde und Bekannten im europäischen Ausland zu kontaktieren, um so schnell wie möglich eine neue Partnerschule aufzutreiben, an der man Englisch als Fremdsprache unterrichtet.

Ich selbst wandte mich an meinen italienischen Karatelehrer Alberto Bruno, der am Lago di Bolsena ein kleines Häuschen hat und sich dort mehrmals im Jahr aufhält, um seinen Wein und seine Oliven zu pflegen. Ich berichtete ihm von unserer Notlage und fragte ihn, ob er in Italien nicht irgendwelche Nachbarn, Freunde oder Bekannten mit schulpflichtigen Kindern hätte. Die hatte er natürlich und kontaktierte sie noch am selben Abend.

Zwei Tage später erhielten wir bereits die Kontaktdaten einer Schule in Montefiascone am Lago di Bolsena. Wir setzten uns sofort mit ihr in Verbindung und nach einer Woche stand die Partnerschaft! Es war unglaublich! Noch vor Weihnachten war alles in trockenen Tüchern.

Und weil ich die Schule quasi organisiert hatte, durfte ich auch die Auslandsfahrt dorthin begleiten. Beim Gegenbesuch der Italiener*innen hier in Wolfsburg haben wir natürlich Alberto Bruno zum gemeinsamen Abendessen mit den italienischen Kolleg*innen eingeladen. Wundervoll. J

Wie viel Engagement wird im Zusammenhang mit den Austauschen vom Kollegium, von den Eltern und von den Jugendlichen gefordert?

Wir machen diese Schüleraustausche inzwischen seit sieben Jahren und haben daher bereits eine gewisse Routine entwickelt. Dennoch heißt es stets: Nach dem Austausch ist vor dem Austausch.

Am Ende eines jeden Schuljahres setzen sich die Kolleg*innen schon wieder mit den Partnerschulen in Verbindung und klären, ob die Partnerschaft von deren Seite aus für das nächste Jahr bestehen bleibt. Da wir unsere Termine für ein Schuljahr sehr langfristig vorher planen und festgelegt haben, wissen wir bereits im Januar eines Jahres, wann die Vorhabenwochen im Jahr darauf stattfinden werden.

Die mitfahrenden Kolleg*innen organisieren die Gastbesuche in Wolfsburg. Dabei unterstützen jeweils die Kolleg*innen, die im Jahr davor den jeweiligen Standort besucht haben. Sie helfen bei der Planung der Ausflüge usw. Bei einigen Standorten begleiten immer die gleichen Kolleg*innen die Fahrten, bei anderen wechseln sie.

Wir haben an unserer Schule einen Medienpädagogen, der alle Austauschgruppen bei ihrem jeweiligen Medienprojekt unterstützt. Das muss natürlich mit seinem Stundenplan kompatibel sein.

Die Eltern sind natürlich auch involviert: Sie sorgen am Tag der Ankunft abends für ein Buffet in der Schule, damit die Gäste sich gleich wohlfühlen und das Schulgebäude kennenlernen.
An den Wochenenden organisieren die Eltern die Unternehmungen selbstständig. Am Nachmittag des letzten Tages wird eine „Abschlussparty“ organisiert, je nach Wetterlage drinnen in der Schule oder draußen an einem der vielen Seen in und um Wolfsburg.

Die Schüler*innen setzen gemeinsam mit den betreuenden Kolleg*innen Schwerpunkte bei der Planung der Woche: Welche Highlights sollen besucht werden? Welche Ausflüge sollen unternommen werden? Welche Kennenlern-Spiele sollen gemacht werden? Sie halten Referate bei den Ausflügen und fungieren als Schul-Guides.

Sie nehmen keine Fördergelder von bilateralen Jugendwerken etc. in Anspruch, sondern finanzieren die Austausche neben Eigenbeitrag über den schuleigenen Förderverein. Worin liegen hier die Vorteile?

Die Finanzierung liegt vollständig in einer Hand. Das macht das Abrechnungsverfahren einfacher.

Da alle Eltern bei der Fahrt des 9. Jahrgangs den identischen Betrag bezahlen (350 €), egal zu welchem Standort das Kind reisen wird, bleibt der Gleichheitsgrundsatz gewahrt.
Da die Fahrt natürlich nicht zu diesem Preis zu haben ist, schießt der Förderverein jedes Jahr ca. 25.000 € dazu. Hiervon werden zum Beispiel auch die Kosten für die Ausflüge bei den Gegenbesuchen bestritten.

Der Förderverein der Schule finanziert sich ausschließlich durch freiwillige (!) Elternbeiträge. Der Mindestbeitrag liegt bei 10 € im Monat, nach oben gibt es keine Beschränkung. Wir haben in der Tat auch viele Eltern, die freiwillig deutlich mehr zahlen. Da wir ca. 1.000 Schüler*innen an unserer Schule haben und fast alle Eltern Mitglied im Förderverein sind, kommen da jedes Jahr große Summen zustande.

Eltern, die nicht in der Lage sind, die 350 € aufzubringen, weil sie zum Beispiel arbeitslos sind, werden ohne großen Papierkram ebenfalls vom Förderverein unterstützt.

Neben den Schüleraustauschen des gesamten 9. Jahrgangs gibt es die Möglichkeit eines individuellen Austauschs mit Mexiko. Wie sieht dies konkret aus?

Der Mexiko-Austausch mit Puebla und der Partnerschule Collegio Humboldt findet ausschließlich im 1. Halbjahr des 11. Jahrgangs statt, also von Anfang August bis Ende Januar. Danach kommen die Mexikaner zu uns bis Ende Juli.

Ein halbes Jahr vor der Abreise dürfen alle Schüler*innen, die Interesse an einem solchen Austausch haben, ein Motivationsschreiben verfassen. Originellerweise machen das immer nur vier bis fünf Schüler*innen – und die werden dann auch alle genommen. :)

Ähnliches passiert zeitgleich in Puebla an der Partnerschule: Auch hier melden sich 4-5 Schüler*innen für diesen Austausch an. Das erste Matching erfolgt dann durch die betreuende Kollegin anhand der Steckbriefe. Wenn man nach den ersten Kontakt-Telefonaten merkt, dass es passt, ist alles gut. Wenn es nicht passt, wird nochmal versucht zu tauschen.

Aus dem 11. Jahrgang machen natürlich noch mehr Schüler*innen einen Auslandsaufenthalt. Der wird dann aber von den Eltern selbst finanziert, meist werden hier professionelle Organisationen beauftragt, was relativ teuer ist. Ein Gegenbesuch erfolgt dabei nicht.

Die Stadt Wolfsburg unterstützt die Eltern mit je 500 € bei den Flugkosten nach Mexico. Da Puebla eine Partnerstadt von Wolfsburg ist, finanziert die Stadt zudem zur Stärkung der Beziehung kleine Ausflüge in und um Wolfsburg für die Gruppe der vier deutschen und vier mexikanischen Austauschschüler*innen.

Nachdem also alle Schüler*innen in Jahrgang 9 in Europa unterwegs waren, bietet ihnen Mexico – oder ein anderes Ziel ihrer Wahl – zwei Jahre später die Möglichkeit, eine Sprache intensiver zu lernen, tiefer in die Kultur und in das normale Familienleben einzutauchen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Christine Bertschi.