Grundschulaustausch mit 600 Kilometer Distanz seit 25 Jahren

Nachgefragt bei
Erika Mlayah-Petersdorf
Auf dem Bahnsteig in Scheeßel

Für Mai und Juni waren die beiden Jubiläumsbegegnungen geplant – zum 25. Mal hätte der Austausch zwischen dem niedersächsischen Scheeßel und Zielona Góra (Polen) dieses Jahr stattgefunden. Neben dem Alter der Partnerschaft ist auch jenes der Schüler*innen außergewöhnlich: es sind Kinder im Grundschulalter. Zudem – für Grundschulaustausch bemerkenswert – liegen 600 Kilometer zwischen den beiden Partnerschulen.

Teil 4 unserer kleinen Serie zum Thema Grundschulaustausch, weitere Interviews folgen!
Hier geht es zu den bereits erschienenen Interviews und weiteren Materialien.

Erika Mlayah-Petersdorf

Frau Mlayah-Petersdorf, Ihre Schule pflegt seit 25 Jahren einen Austausch mit einer Grundschule in Zielona Góra – herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum! Können Sie uns von den Anfängen erzählen?

Erika Mlayah-Petersdorf: Der deutsche Schulleiter Herr Uwe Wahlers traf auf einem Volkstanztreffen auf die polnische Schulleiterin Frau Barbara Pilarczyk. Das war 1994, die beiden beschlossen, einen Schüleraustausch zu organisieren. Zuerst trafen sich einige Lehrer*innen in Polen und auch in Deutschland, um sich kennen zu lernen und einen möglichen Austausch zu organisieren. Es wurde bald klar, dass alle Beteiligten gleiche Interessen hatten und es zu einem Austausch kommen würde.

Das Gründungsteam der Schulpartnerschaft (1995)

Ich persönlich bin seit 20 Jahren dabei. Die beiden Schulleiter sind heute pensioniert, Herr Uwe Wahlers unterstützt den Austausch aber weiterhin.

Wie läuft eine Austauschbegegnung heute ab?

Von unserer Seite nehmen Kinder der 4. Klassen teil, und auch die polnischen Schüler*innen sind zwischen 9 und 11 Jahren alt. Aus jedem Land fahren 24 Kinder und zwei Lehrkräfte mit, die Aufenthalte dauern jeweils von Mittwoch bis Montag, also mit fünf Übernachtungen. Die Kinder wohnen immer zu zweit bei ihren Gastfamilien, sie wählen ihren Partner schon vor der Anmeldung aus. Meistens sind es Klassenkameraden, zum Teil finden sich aber auch klassenübergreifende Paare.

Zugfahrt nach Polen

Der Schüleraustausch beginnt mit einer siebenstündigen Bahnfahrt. Angekommen in Zielona Góra werden die Quartiere bei den polnischen Gasteltern bezogen. Am nächsten Morgen treffen sich dann alle in der Schule, um am gemeinsamen Unterricht teilzunehmen. Danach gibt es eine Stadtführung.

In den letzten Jahren ist die komplette Gruppe für eine Nacht zusammen verreist. Gerade da unsere Partnerschule nicht in unserer Region liegt, ist dies für die Kinder auch geografisch interessant. In Deutschland geht es deshalb an die Nordsee, wo wir Ebbe und Flut beobachten, in Polen fahren wir ins Gebirge und machen eine kleine Bergtour. Aber auch ein Besuch in einem großen Dinosaurierpark hat es schon gegeben, eine Flussfahrt auf der Donau oder die Besichtigung des größten Fußballstadions in Polen.

Ein Vorteil ist zudem das Wochenende mitten in unserer Austauschwoche: Der Sonntagnachmittag ist immer Familienzeit, die Familien organisieren ihn selbst.

Am Montagmorgen treffen sich dann alle Schüler*innen wieder in der Schule zur Reflektion des Austausches, eine Evaluation wird durchgeführt, dann geht es für die Gäste nach reichlich fließenden Abschiedstränen mit Bus und Bahn wieder nach Hause.

Wie verständigen sich die Kinder untereinander?

Besuch eines Miniatur-Schlösser-Parks in Polen

Seitdem die Kinder schon in der Grundschule Englisch lernen, ist es ihnen auch möglich über diese gemeinsame Fremdsprache zu kommunizieren. Die polnischen Schüler*innen lernen meistens auch Deutsch – was natürlich noch nicht reicht, um Gespräche zu führen. Aber sie verständigen sich gut mit Handzeichen. Und für die deutsche Seite beruhigend: die polnischen Familien können oft Deutsch sprechen. Die deutschen Kinder lernen etwas Polnisch vor der Reise, sodass sie mit der Sprache ein bisschen vertraut sind.

Wie lief die Kommunikation vor 25 Jahren, was war bei den Begegnungen anders?  

Ein Blick ins Archiv: Begegnung 2002

Auch vor 25 Jahren verlief die Kommunikation zwischen den Kindern meist durch Handzeichen, es wurde aber kaum Englisch gesprochen. Dieses Fach wurde damals noch nicht verpflichtend in den Grundschulen unterrichtet.

Neu ist natürlich, dass den Kindern Smartphones zur Verfügung stehen. Dies hat einen Vorteil: man kann damit übersetzen und dadurch ohne Fremdsprachkenntnisse kommunizieren. Für schwierigere Übersetzungen werden nun Übersetzungs-Apps hinzugezogen – die polnischen Kinder besitzen alle (!) ein Smartphone.

Andererseits führt der Gebrauch der Handys eher zu Abkapselung: die Kinder chatten mit ihren Freunden von zuhause. Deshalb ist das Benutzen der Handys nur zum Übersetzen erlaubt. Wird ein Schüler beim Spielen auf dem Handy gesehen, muss er es abgeben.

Bergbau in Polen, Besichtigung eines Stollens

Ein weiterer Unterschied zu früher: Heute sind die Mädchen viel mehr mit ihrem Aussehen beschäftigt und verbringen Stunden in den Badezimmern ;-)

Am Austausch selbst hat sich wenig verändert. Insgesamt zeichnen sich die Gruppen durch ihre Offenheit aus, Neues und Ungewohntes zu akzeptieren und damit positiv umzugehen. Die Schüler*innen in diesem Alter begegnen sich vorurteilsfrei, besuchen gemeinsamen Unterricht, entdecken kulturelle und geographische Unterschiede, spielen miteinander und wohnen privat bei ihren Partnerkindern: jeweils zwei deutsche Kinder bilden mit zwei polnischen Kindern eine Kleingruppe.

Wie reagieren die Eltern auf die Idee, ihre Kinder für fast eine Woche nach Polen fahren zu lassen?

Auf dem Bahnsteig in Scheeßel

Die deutschen Eltern haben nach wie vor Bedenken, ihre Kinder in diesem Alter ins Ausland reisen zu lassen. Durch die Garantie der Aufsichtswahrnehmung und das Vertrauen, dass ihre Kinder beschützt werden, entscheiden sich aber damals wie heute ungefähr gleich viele, ihre Kinder für den Austausch anzumelden. Die Eltern kommen aus allen Bildungsschichten.

Für manche Eltern ist dies eine einmalige Gelegenheit, ihr Kind an einem Auslandsaufenthalt teilnehmen zu lassen. Sie freuen sich sehr über diese Möglichkeit und sind auch ein wenig stolz, ihr Kind so weit reisen zu lassen.

Die Begegnungen in Polen und Deutschland kosten die deutschen Familien 130 bis 150 Euro, je nach Unternehmungen im Gastland. Den Rest finanziert das DPJW. Wer jedoch aus Kostengründen nicht teilnehmen könnte, bekommt die Möglichkeit, einen Zuschuss des Schulfördervereins zu beantragen oder den geforderten Betrag in kleinen Raten zu bezahlen.

Gerne werden in Folgejahren auch Geschwisterkinder angemeldet. Und noch besser – schließlich sind 25 Jahre eine ganze Generation: In diesem Jahr wäre ein Kind eines ehemaligen Austauschschülers mitgefahren. Und im letzten Jahr war der mitfahrende Bufdi ebenfalls ehemaliger Austauschschüler.

Wie feiern Sie das Jubiläum?

Ein Blick ins Archiv: Die beiden Initiator*innen beim 10-Jahre-Jubiläum

Geplant war ein „normaler“ Austausch, da die Kapazitäten der Schulleitungen keine größere Festvorbereitung zuließen. Nach einer kleinen Feier am Vormittag mit Reden, Ehrungen und musikalischen Einlagen sollte am Nachmittag ein Sommerfest stattfinden. T-Shirts mit dem Aufdruck des 25. Jubiläums sind bereits für alle Austauschschüler*innen und Lehrkräfte fertig. Eine Drohne soll einen Aufmarsch von Schüler*innen filmen, die mit Schildern die deutsche und polnische Flagge über ihren Köpfen zusammensetzen, Schüler*innen laufen aus allen Himmelsrichtungen auf markierte Plätze und bilden so die Zahl 25 nach.

Wegen Corona haben wir dieses Sommerfest auf nächstes Jahr verschoben. In welchem Rahmen wir das Treffen im nächsten Jahr begehen werden, ist aber noch unklar. Was wir jedoch schon wissen und was sehr schade ist: Die jetzigen Viertklässler*innen verlassen nach diesem Schuljahr unsere Schule, für sie ist es dann zu spät.

Warum finden Sie internationalen Austausch schon in der Grundschule wichtig?

Gruppenbild mit Flaggen

Da ich persönlich auch als Kind schon immer sehr viel gereist war, finde ich es selbstverständlich und wichtig, mich mit anderen Menschen zu treffen. Immer nach dem Motto: Mit Freunden mache ich keinen Krieg. Da ich in der Grundschule arbeite, kann ich diese Grundeinstellung auch gut an Grundschüler*innen vermitteln.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Christine Bertschi.

Die Schulpartnerschaft zwischen Scheeßel und Zielona Góra wird im Rahmen von „Schulen: Partner der Zukunft“ (PASCH) und vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk gefördert.