„Lehrkräfte sollten im Unterricht Brücken ins Nachbarland bauen…“

Nachgefragt bei
Matthias Kneip
Spielerisch die Geografie der Nachbarländer kennenlernen

Interview mit dem Polenexperten, Schriftsteller und DPJW-Botschafter Matthias Kneip vom Deutschen Polen-Institut (DPI)

Sie sind bereits seit fast zehn Jahren als Botschafter des DPJW an Schulen in ganz Deutschland unterwegs. Welche Erlebnisse und Begegnungen sind Ihnen aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben, und warum?

Matthias Kneip

Ich bin nicht nur seit fast zehn Jahren Botschafter des Deutsch-Polnischen Jugendwerks (DPJW), sondern auch fast doppelt so lange als Schriftsteller aktiv, der sich für die deutsch-polnische Verständigung engagiert. In dieser Zeit bin ich an über 600 Schulen aufgetreten. Ganz allgemein versuche ich den Schüler*innen im Rahmen meiner Lesung auf humorvolle Weise Gemeinsamkeiten zwischen beiden Ländern nahe zu bringen, „Fettnäpfchen“ zu erklären oder ihnen einen Einblick in die polnische Sprache zu geben. Ich trete mit einer Mischung aus Vortrag, Lesung und Kabarett in den Schulen auf, erzähle zwischen den kurzen Textfragmenten auch mal einen Witz oder liefere einfach nur vergleichende Fakten. Dabei habe ich gemerkt, dass man mit Humor immer weiterkommt.

So gelingt es eigentlich fast immer, die Neugierde der jungen Menschen auf Polen zu wecken. Auch wenn wahrscheinlich ziemlich viele von ihnen vor einer Lesung eher denken „immerhin besser als Mathe“…! Wo immer es geht, versuche ich, Anknüpfungspunkte zum Alltag der Schüler*innen herzustellen, indem ich etwa erzähle, dass meine Eltern immer das Polnische als Geheimsprache benutzt haben, wenn es um die Planung zum Beispiel der Weihnachtsgeschenke ging. Da sind dann sofort auch viele andere Jugendlichen mit Migrationsgeschichte im Boot, die eine solche Art „Geheimsprache“ vielleicht ähnlich zu Hause erlebt haben.

Manche Lehrer*innen nutzen meine Lesung auch, um Teilnehmende für den anstehenden Polenaustausch zu rekrutieren. Nach einer Lesung vor 400 Schüler*innen haben sich einmal fast 50 Personen für die neu ins Leben gerufene Polnisch-AG angemeldet, was mich natürlich sehr gefreut hat. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Tag, an dem eine Schülerin nach der Lesung zu mir kam mit einem Aphorismus von Stanisław Jerzy Lec auf ihrem T-Shirt, den ich gerade in meiner Lesung zitiert hatte. Sie kannte nur den Spruch, nicht aber den Autor.

Wie hat sich die Einstellung zu Polen an deutschen Schulen in den letzten 20 Jahren entwickelt?

Matthias Kneip bei einer Veranstaltung in Kassel

Ich würde sagen, dass Polen nicht mehr mit so vielen Vorurteilen assoziiert wird, wie noch vor 20 Jahren. Die jungen Menschen denken viel selbstverständlicher und neutraler an unser Nachbarland als früher, wo der Name Polen eher negativ besetzt war. Wenn ich die jungen Leute heute frage, was ihnen zu Polen einfällt, nennen sie Robert Lewandowski und andere Fußballer bzw. Sportler, stellen Bezüge zur polnischen Gamer-Szene her und weisen darauf hin, dass Mark Foster eine polnische Mutter hat. Sie denken eher in popkulturellen als in nationalen Kategorien.
Häufig spüre ich auch eher Gleichgültigkeit als Aversion, was es allerdings auch nicht immer leichter macht, eine positive Energie zu entfachen. Darüber hinaus interessieren sie eher alltägliche Dinge, etwa, ob es in Polen auch WLAN gibt. Historisch-politische Aspekte, die oft die politischen Debatten dominieren, spielen hier kaum eine Rolle.

Sie treffen bei Ihren Lesungen viele unterschiedliche Lehrkräfte. Wie stehen diese zu Austauschprojekten mit Polen? Welche Herausforderungen sehen Sie hier?

Es gibt verschiedene „Typen“: die alten Hasen, für die ein Jugendaustausch Routine im Schuljahr ist, die Anfänger, bei denen ich mehr Nervosität, aber auch eine stärkere Begeisterung wahrnehme, und diejenigen, die keinen Bezug zum internationalen Austausch haben und auch nur schwer zu erreichen sind. Die ersten beiden Gruppen sind aktuell vor allem von der Reform des polnischen Schulsystems betroffen, weil es da schon passieren kann, dass einem auf einmal die Partnerschule weggebrochen ist. Ansonsten läuft es aber ganz gut, gibt es viel Erfahrung oder geeignete Unterstützungsstrukturen für den Einstieg.

Es wird dann schwierig, wenn keine Lehrkraft da ist, die einen Bezug zu Polen hat. Eine gewisse Affinität oder eben Sympathie ist Voraussetzung. Denn sonst stehen eher Reisen mit Bezug zum Sprachenlernen nach England oder Frankreich im Fokus.

Wie kann die Auseinandersetzung mit Polen noch besser im Schulcurriculum und in den Lehrplänen Eingang finden?

Auf jeden Fall scheint mir Geld nicht der entscheidende Faktor zu sein. Ich habe noch nie gehört, dass ein internationaler Austausch am Geld gescheitert ist, auch wenn ein preiswerter Austausch nach Polen teilweise durchaus eine Motivation zur Teilnahme darstellen kann, wenn der nach China das 10-fache kostet.

Matthias Kneip mit dem PolenMobil in der Napoleonstein Grundschule

Ich glaube vielmehr, dass Lehrkräfte im Regelunterricht Brücken ins Nachbarland bauen sollten. Je öfter Schüler*innen von Polen hören, je selbstverständlicher sie sich mit unserem Nachbarland beschäftigen, desto mehr wird Polen im Kopf verankert, es entsteht ein gewisses Grundverständnis und vielleicht sogar Sympathie.

Als Autor begleite ich Studienreisen nach Polen, dieses Jahr unter anderem mit dem Deutschen Polen Institut für Lehrkräfte aus Deutschland. Ich bin mir sicher, dass viele der teilnehmenden Lehrer*innen auf Erfahrungen einer solchen Reise im Unterricht zurückgreifen werden – sei es, indem sie den deutschen Widerstand in Kreisau/Krzyżowa thematisieren, Eichendorffs Geburtsort und Schloss in Lubowitz/Lubowice behandeln oder von ihren Eindrücken im Gerhart Hauptmann Haus in Agnetendorf/Jagniątków berichten. Und natürlich werden die Teilnehmenden der Studienfahrten auch auf ihre Schulen gegenüber Kolleg*innen, Eltern und Schülerschaft als Multiplikator*innen einwirken.

Die Bandbreite lehrplanrelevanter Themen, innerhalb derer Bezüge zu Polen bestehen bzw. sich im Unterricht herstellen lassen, ist ja doch groß – und das in ganz verschiedenen Fächern! Genau hier setzt die von uns am Deutschen Polen-Institut konzipierte Internetplattform „Polen in der Schule“ an. Sie bietet Lehrer*innen Materialien wie Arbeitsblätter und Unterrichtsmodule mit Bezug zu Polen. So können ohne großen Zusatzaufwand beispielsweise Marie Curie und das Polonium im Chemie-Unterricht behandelt werden oder Frederic Chopin im Musikunterricht. Die erwähnten Brücken können also in ganz unterschiedlichen Fächern gebaut werden – und so lässt sich ein Polenaustausch auch im Rahmen des Fachunterrichts aufgreifen und vor- und nachbereiten.

Das „PolenMobil“ des DPI wiederum soll im Rahmen von Unterrichtsbesuchen Interesse für Polen wecken, Informationen vermitteln. Es ermöglicht eine erste Annäherung an die polnische Sprache. Am Ende hilft natürlich auch mein Buch „111 Gründe Polen zu lieben“, das in beiden Sprachen vorliegt, beim intensiven Austausch über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Ländern.

Was sind Ihrer Meinung nach aktuell die wesentlichen Herausforderungen im deutsch-polnischen Verhältnis? Und wie kann deutsch-polnischer Jugend- und Schüleraustausch dazu beitragen, diesen zu begegnen?

Die Corona-Krise bedeutet für den Schüleraustausch eine gewaltige Herausforderung. Sowohl in Deutschland als auch in Polen sind die Schulen jetzt vor allem mit sich selbst beschäftigt. Wie führt man das Abitur durch? Wie unterrichtet man Schülerinnen und Schüler im Homeoffice? Hier geht es um ganz fundamentale Fragen, die die Notwendigkeit einer deutsch-polnischen Schülerbegegnung erstmal in den Hintergrund treten lassen. Viele Begegnungen mussten abgesagt werden, Ersatztermine sind nicht so einfach zu finden.

Ich hoffe aber, dass die Beziehungen stabil genug sind, um nach diesem Bruch wieder erneuert zu werden. Vielleicht gelingt es der einen oder anderen Schule sogar, die Partnerschaft auch online und virtuell weiterzuführen. Es gibt ja durchaus technische Möglichkeiten dafür.


Das Interview führte Michael Teffel (DPJW).