„Wahnsinn, was das mit den Schüler*innen macht“

Nachgefragt bei
Anneke Böhmert und Mia Biermann-Ratjen
Gruppenfoto Song4Europe

Ein richtiger Song und ein Musikvideo, professionell und den Seh- und Hörgewohnheiten von Jugendlichen entsprechend, zudem ein Auftritt in der Elbphilharmonie – das und viel mehr steht hinter „Song4Europe“. Neben je einer Schule aus Istanbul, Mataró und Birmingham waren zwei benachbarte Hamburger Schulen am Projekt beteiligt. Anneke Böhmert, Englisch- und Spanischlehrerin sowie Austauschbeauftragte an der Stadtteilschule Horn, und Mia Biermann-Ratjen, Musiklehrerin an der Brüder-Grimm-Schule, stellen uns ihr Projekt vor. 

Wie kam es zur Idee und der Entwicklung des Projekts?

Oberste Reihe: Anneke Böhmert, 4.v.l. und Mia Biermann-Ratjen, 1.v.r.

Anneke Böhmert, Englisch- und Spanischlehrerin und Austauschbeauftragte an der STS Horn: Unsere Schule besuchen viele Kinder mit Migrationshintergrund, mit wenig finanziellen Mitteln, mit vielen Geschwistern in kleinen Wohnungen und damit oft ohne die Möglichkeit, bei einem klassischen Schulaustausch Gastschüler*innen in der eigenen Wohnung aufzunehmen. Wir haben also die Wahl: entweder einen Schulaustausch nur mit denen, die Geld haben. Oder aber ein Projekt, bei dem auch Kosten für Unterkunft und Reisekosten übernommen werden. Daher haben wir uns für Erasmus+ beworben. Bei einem Kontaktseminar über den PAD habe ich Lehrkräfte aus Birmingham und Mataró (Spanien) kennengelernt. Da bei Erasmus+ immer ein konkretes Projekt nötig ist, haben wir uns für Musik entschieden, mit den Partnern aus England und Katalonien kam das Thema Europa auf. Und eine Schule aus Istanbul haben wir auch noch mit ins Boot geholt.

Song4Europe

Dies war 2017. Im Frühjahr wurde der Antrag geschrieben, im Sommer bewilligt, mit der riesigen Summe von 113.000 Euro als Reisebudget für alle vier Schulen. Das Inhaltliche ging dann an unseren Musiklehrer Nis Nöhring über. Jedes Land war einmal Gastgeber, hat Profis für Workshops eingeladen. Es war das erste gemeinsame große Projekt. Immer mehr Personen waren mit beteiligt. So groß hätten wir zu Beginn nicht gedacht!

Dann entstand noch die Idee, ein Video zu drehen. Da die Brüder-Grimm-Schule schon Erfahrung darin hatte, holten wir sie dazu. Über die Initiative „Austausch macht Schule“ haben sie dafür eine extra Finanzierung bekommen.

Mia Biermann-Ratjen, Musiklehrerin an der Brüder-Grimm-Schule: Unsere beiden Schulen befinden sich im selben Einzugsbereich, konkurrieren also auch miteinander. Aber es gibt einen gemeinsamen Musikbereich, darüber kam die Zusammenarbeit zustande. So übernahmen wir den filmischen Bereich. Im Rahmen des Projekts gründeten wir eine Film-AG, die sich im Laufe der folgenden zwei Jahre zu einem Profilkurs entwickelte.

Im Press-Kit schreiben Sie „Wir haben dabei sehr viel Wert auf eine professionelle Umsetzung des Projekts gelegt, damit Song und Video am Ende auch den Seh- und Hörgewohnheiten der Jugendlichen entsprechen.“ Wie konnte dieses Ziel erreicht werden?

Anneke Böhmert: Meinem Musikkollegen war es von Anfang an wichtig, dass es ein richtiger Song wird. Er soll den Geschmack der Schüler*innen treffen, der Text soll von ihnen sein und ausdrücken, was ihnen wichtig ist. Wir haben mit echten Profis zusammengearbeitet: einem Rapper aus London, einer spanischen Chorleiterin, einem hauptberuflichen Hersteller von Musikvideos. Letzterer brachte uns auch auf die Idee, dass wir einen eigenen youtube-Kanal brauchen. Was die Schüler*innen über das Projekt und den Song denken, erzählen sie zum Beispiel in diesem Video .

Wie lief die Zusammenarbeit mit so vielen Partnern aus verschiedenen Ländern und aus dem schulischen und außerschulischen Bereich?

Song4Europe

Anneke Böhmert: Die Zusammenarbeit verlief super, aber es gab natürlich auch Herausforderungen. Zum Beispiel, Termine zu finden, die für vier Schulen passen – da war ich selbst erstaunt, es bleiben zwischen Prüfungs- und Ferienzeiten nur wenige gemeinsame Wochen im Jahr übrig! 

Mia Biermann-Ratjen: Jede Austauschwoche hatte ihren Schwerpunkt. Den Videodreh in Barcelona haben wir mit den internationalen Partnern koordiniert. Dort war ich mit dem Filmteam meiner Schule dabei, wir haben den Entstehungsprozess der Choreographie begleitet und das Musikvideo gedreht.

Wie gelang es, die Jugendlichen aus den verschiedenen Ländern zum Zusammenarbeiten zu bringen? Inwiefern hat dies die Schüler*innen geprägt?   

Mia Biermann-Ratjen: Meine Schüler*innen hatten die Aufgabe, den Videodreh zu koordinieren, sie mussten auf Englisch Anweisungen geben und dafür sorgen, dass ihre eigenen Vorstellungen filmisch umgesetzt werden konnten. Schüler*innen von der 5. bis zur 10. Klasse waren mit dabei, die größeren halfen den kleineren mit Englisch. Und was vor der Kamera genau passieren soll, wurde auch mal mit Händen und Füssen vermittelt, sie haben ihren Weg gefunden und waren super stolz, wenn es geklappt hat. 

Song4Europe

Eine weitere Herausforderung war die Aufmerksamkeitsspanne. Von morgens bis abends hatte jemand eine Kamera in der Hand und stand unter ständiger Bereitschaft etwas zu drehen. Man muss den Moment erwischen – und das haben sie toll hinbekommen.

Anneke Böhmert: Es ist der Wahnsinn, was das mit den Schüler*innen macht, wie dankbar sie für diese Möglichkeit waren. Einerseits steht nun natürlich das Produkt, das Projekt im Vordergrund, andererseits sind Freundschaften, Fremdsprachkenntnisse, Persönlichkeitsbildung, Selbstbewusstsein und Stolz auf den Auftritt und das Produkt ebenso wichtig. Es ist eine Freude für mich, dies zu beobachten. Und wir bekamen auch ganz viele tolle Rückmeldungen, aus dem Kollegium, der Schülerschaft, aber auch von Externen. Ein Beispiel, was mich auch speziell gefreut hat: Eine Schülerin hat sich für eine Ausbildungsstelle beworben und da auch die Teilnahmebescheinigung von Erasmus+ beigelegt. Dies hat sie bei dem Bewerbungsgespräch gleich interessant gemacht und für Gesprächsstoff gesorgt.

Der Auftritt in der Elbphilharmonie war natürlich ein besonderes Highlight – gerade auch weil viele unserer Schüler*innen keine finanziellen Möglichkeiten haben, diese zu besuchen. Und nun durften sie dort selbst auftreten!

Wie viele Jugendliche waren pro Schule beteiligt? Handelte es sich um ganze Klassen oder fand ein Casting statt?

Song4Europe

Mia Biermann-Ratjen: Manche Schüler*innen habe ich explizit angesprochen, zudem konnten sich alle bewerben. 12 Jugendliche waren insgesamt im Filmteam, nicht alle über die ganze Zeit, acht von ihnen waren das Kernteam. Weil das Projekt parallel zum normalen Unterricht lief, gab es eine Probezeit: die Schüler*innen mussten zeigen, dass es bei ihnen trotz des verpassten Unterrichts läuft. Das heißt nicht, dass nur die Leistungsstärksten dabei waren, aber sie mussten sich reinhängen. Wir sind eine Brennpunktschule und haben allen eine Chance gegeben. Für einige war es ein guter Hebel, zum Beispiel auch zu merken, dass sie Englisch brauchen. 

Anneke Böhmert: An unserer Schule gestalteten wir das Projekt als AG: alle, die Lust hatten, durften teilnehmen. Das waren immer ca. 50 Schüler*innen pro Jahr. Sie konnten sich unterschiedlich einbringen und sich zum Beispiel in Social Media oder Choreographie ausprobieren. Pro Reise durften zehn Jugendliche mitfahren. Damit möglichst viele in Genuss einer Auslandsreise kommen, fuhren jedes Mal andere Schüler*innen. Sie konnten Wünsche äußern, jede Reise hatte auch unterschiedliche Ziele in der Projektarbeit. Und manche wollten auch gar nicht verreisen, sondern waren zufrieden, in der AG und natürlich bei der Begegnung in Hamburg dabei zu sein.

Als Schwierigkeit kam hinzu, dass wir Schüler*innen mit Duldungsstatus haben – dass sie nicht in die Türkei reisen dürfen, wurde mir erst mit dem Projekt bewusst. Und manche mussten erst einen Reisepass beantragen. Unter solchen Umständen frühzeitig Flugtickets buchen zu können, war nicht einfach.

Ist ein Folgeprojekt geplant?

Anneke Böhmert: Wir haben zwei neue Anträge bei Erasmus+ gestellt. Sie gehen jedoch in ganz andere Richtungen: einmal zum Thema Physik, mit den gleichen Partnerschulen. Und einmal ein Projekt mit anderen Hafenstädten. Das Musik-Projekt braucht nun erst mal ein Jahr Pause. Da der Aufwand schon sehr groß war, müssen wir einmal durchatmen. Doch nichtsdestotrotz, es hat sich voll gelohnt, daher: wir bleiben dran!

Mia Biermann-Ratjen: An der Brüder-Grimm-Schule sind die Folgeprojekte eher im filmischen Bereich angesiedelt: Wir sind auf Sponsorensuche, um weiterhin einen Kameramann für den mit dem Projekt aufgebauten Profilkurs engagieren zu können, zudem sollen ein Imagevideo für die Schule und kleinere Musikvideos entstehen. Doch auch internationalen Projekten stehen wir grundsätzlich sehr offen gegenüber: Die Bindung zu den anderen Schulen ist bei Song4Europe total intensiv geworden, es ist nun eine finanzielle Frage, ob wir ein Folgeprojekt realisieren können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Christine Bertschi.

Das Video