Wie lässt sich Safeguarding im internationalen Austausch umsetzen?
Safeguarding rückt die Gewährleistung der Rechte von Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt – über klassische Schutzkonzepte hinaus. Gerade in internationalen Kontexten stellt sich die Frage, wie trotz unterschiedlicher rechtlicher Rahmenbedingungen, kultureller Prägungen und Verantwortlichkeiten gemeinsam sichere Begegnungsräume geschaffen werden können.
Im Interview erklärt Gregor Christiansmeyer, Mitarbeiter des Sozialinstituts Kommende Dortmund, warum der Safeguarding-Ansatz gerade für internationale Begegnungen besonders relevant ist, wie es zur Entwicklung der Safeguarding Toolbox kam und wie sie Teams im Jugend- und Schulaustausch konkret unterstützen kann.
Was ist Safeguarding – und wie verhält es sich zu Schutzkonzepten?
Gregor Christiansmeyer: Unser Einstieg in das Thema hatte viel damit zu tun, dass uns die Debatte um Schutzkonzepte mit ihrem starken Fokus auf sexualisierte Gewalt als eine sehr deutsche Herangehensweise erschien. International sind andere Fragen oft deutlich präsenter.
Safeguarding ist ein Konzept aus dem angelsächsischen Raum. Es rückt die Rechte junger Menschen in den Mittelpunkt – ausgehend etwa von der UN-Kinderrechtskonvention. Die zentrale Frage lautet: Was brauchen junge Menschen, was steht ihnen zu, und wie können diese Rechte geschützt werden?
Dabei geht es nicht nur um sexualisierte Gewalt, sondern um Sicherheit und Wohlbefinden insgesamt – also auch um Vernachlässigung, um allgemeine Gefährdungen, um Selbstgefährdung oder um Situationen, in denen junge Menschen einander gegenseitig gefährden.
Wichtig ist: Safeguarding ersetzt nicht die bekannten Schutzkonzepte. Es erweitert sie um eine rechtebasierte Perspektive. Nicht die Defizitorientierung steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie Rechte, Sicherheit und Beteiligung junger Menschen konkret gewährleistet werden können. Daher wundert es auch nicht, dass im englischsprachigen Raum statt Schutzkonzept oft von Safeguarding Policy die Rede ist.
Warum ist Safeguarding gerade für internationale Begegnungen relevant?
In der internationalen Jugend- und Bildungsarbeit arbeiten fast immer mehrere Partner zusammen, oft aus unterschiedlichen Ländern. Damit treffen unterschiedliche Konzepte, Erfahrungen und Selbstverständlichkeiten aufeinander – egal, ob sie schriftlich fixiert sind oder nicht.
Das betrifft sehr praktische Fragen: rechtliche Rahmenbedingungen, Aufsichtspflichten, Altersgrenzen, Nähe-Distanz-Regelungen oder Vorstellungen von Partizipation. Diese Dinge müssen zwischen den Partnern abgestimmt werden. Das passiert nicht automatisch.
Hier setzt unser Safeguarding-Verständnis an: Es bietet keine fertigen Vorgaben, sondern Methoden, um genau diese Verständigungsprozesse anzustoßen. Gerade international ist es zudem hilfreich, nicht ausschließlich mit dem Thema sexualisierte Gewalt einzusteigen, das in vielen Kontexten tabuisiert ist. Safeguarding ermöglicht einen breiteren Zugang, wenn über Sicherheit allgemein, Rechte der teilnehmenden Jugendlichen und die Verantwortung der beteiligten Partner gesprochen wird.
Was bietet die Safeguarding Toolbox konkret?
Unsere Toolbox ist ein Praxishandbuch. Im Kern stehen rund 15 Methoden, die Teams dabei unterstützen können, Safeguarding in der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Begegnungen mitzudenken und konkret umzusetzen.
Die Methoden sind bewusst niedrigschwellig gestaltet. Sie lassen sich ohne spezielle Vorkenntnisse einsetzen und flexibel an unterschiedliche Kontexte anpassen. Ziel ist nicht, ein fertiges Konzept vorzugeben, sondern Teams handlungsfähig zu machen und gemeinsame Verständigung zu ermöglichen.
Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Mehrsprachigkeit. Internationale Teams können mit denselben Methoden in ihrer jeweiligen Sprache arbeiten und sich anschließend gemeinsam austauschen. Ein Glossar hilft dabei, zentrale Begriffe einheitlich zu klären – denn ohne ein gemeinsames Begriffsverständnis ist eine Auseinandersetzung mit Safeguarding kaum möglich.
Wie ist die Toolbox entstanden?
Unser Ausgangspunkt war die Erfahrung, dass Schutzkonzepte wichtig sind, aber für die konkreten Situationen und Abstimmungsbedarfe in internationalen Maßnahmen allein nicht ausreichen.
Im internationalen Netzwerk socioMovens wurde schnell deutlich, dass es etwas Praktischeres braucht – ein Angebot, das Teams hilft, miteinander ins Gespräch zu kommen, ohne dass die Verantwortung einzelner Partner aufgegeben wird oder zurückstehen muss.
Die Methoden wurden gemeinsam entwickelt, in internationalen Kontexten getestet und mehrfach überarbeitet. Entscheidend war für uns, dass sie sich in realen Begegnungssituationen bewähren und für unterschiedliche Teams verständlich bleiben.
Und, welche Rückmeldungen gibt es inzwischen aus der Praxis?
Die Rückmeldungen kommen aus sehr unterschiedlichen Richtungen. Besonders häufig werden Methoden genutzt, die rechtliche Unterschiede in den beteiligten Ländern sichtbar machen. Viele gehen davon aus, dass etwa Altersgrenzen überall gleich sind – das stimmt gerade im Jugendschutz nicht. Die gemeinsame Recherche führt oft zu Aha-Momenten.
Sehr positiv aufgenommen werden auch die Fall-Karten „What if …?“. Sie greifen typische Problemsituationen auf, die Teams gemeinsam diskutieren. Ziel ist dabei nicht die eine richtige Lösung, sondern ein bewusster, reflektierter Umgang mit schwierigen Situationen.
Für wen ist die Toolbox geeignet?
Die Toolbox eignet sich sowohl für die internationale Jugendarbeit als auch für einen Austausch im schulischen Bereich. Wir sehen das daran, dass an unseren Fortbildungen regelmäßig auch Lehrkräfte teilnehmen und mit den Methoden arbeiten.
Generell richtet sich das Handbuch an Projekte, bei denen mehrtägige Begegnungen mit Übernachtungen in interkulturellen Gruppen stattfinden – unabhängig davon, ob sie schulisch oder außerschulisch organisiert sind.
Was kann die Toolbox bewusst nicht leisten?
Die Toolbox ersetzt keine Schutzkonzepte und ist keine rechtliche Beratung. Sie liefert auch keine Übersichten zu nationalen oder internationalen Vorschriften – das wäre weder realistisch noch sinnvoll.
Stattdessen gibt sie Orientierung und Anregungen. Die konkrete Recherche und die Abstimmung auf das jeweilige Projekt müssen bei den Teams selbst liegen.
Wie geht es für Euer Team weiter? Was sind die weiteren Pläne?
Ein großer Bedarf besteht weiterhin darin, den Begriff Safeguarding in Deutschland zu erklären und verständlich zu machen. Für viele ist er noch neu oder schwer einzuordnen.
Gleichzeitig wollen wir das Thema stärker im Feld verankern – durch Fortbildungen und durch die Weiterentwicklung von Methoden, insbesondere mit Blick auf den internationalen Schulaustausch und die Qualifizierung von Lehrkräften.
Vielen Dank!
Zur Person
Gregor Christiansmeyer, M.A. arbeitet am Sozialinstitut Kommende Dortmund und koordiniert das internationale Netzwerk socioMovens. Er ist Mitentwickler der Safeguarding Toolbox, die praxisnahe Methoden für internationale Jugend- und Bildungsbegegnungen bündelt.