Fachbeiträge

Das Beste beider Welten

Warum schulische und außerschulische Bildungsarbeit zusammenfinden müssen!
Jugendliche arbeiten bei einem Austausch zusammen

Noch immer zerfällt der junge Mensch in Deutschland in zwei Teile – vormittags ist er Schüler(in), am Nachmittag aber „Jugendliche(r)”. Diese scharfe Trennung, obsolet schon seit Längerem, wird immer mehr zu einem Entwicklungshindernis auch für die Internationale Jugendarbeit in Deutschland. Das braucht aber nicht so zu sein

– meint MALTE KOPPE.

Im April 2015 wurde die Eurobarometer Umfrage „European Youth“ veröffentlicht. 13.000 Jugendliche in ganz Europa im Alter von 15 bis 30 Jahren wurden unter anderem zu den Themen freiwilliges Engagement und kulturelle Aktivitäten befragt. Das Eurobarometer zeigt, dass das allgemeine Engagement junger Europäerinnen und Europäer an außerschulischen Aktivitäten sinkt.

49 % der Befragten antworteten, dass sie 2014 zumindest an einer organisierten Aktivität teilgenommen haben.
Dies sind um sieben Prozent weniger als 2013 und  immerhin um drei Prozent weniger als 2011.*

Für Deutschland ist der Trend kein anderer. Außerschulische Institutionen der Jugendarbeit verlieren an Anziehungskraft, auch wenn nach der Umfrage organisierte außerschulische Aktivitäten hier 2014 noch 59 % der Jugendlichen erreichten. 2011 waren es noch 64 %. In Polen hat sich mit 33 % der Wert im Gegensatz zu 2011 nicht verändert.

Kooperationen von Schulen und außerschulischen Partnern

Wenn außerschulische Angebote Jugendliche nicht mehr erreichen, sind Schulen in der Verantwortung, entsprechende Formate in ihre Arbeit zu integrieren. So können beispielsweise internationale Schüler- und Jugendbegegnungen gemeinsam mit außerschulischen Partnern organisiert und durchgeführt werden. Durch solche Kooperationen bekämen viele junge Menschen die Möglichkeit, an Auslandsaufenthalten teilzunehmen. Wie aber kann eine Annäherung von Jugendarbeit und Schule gestaltet werden?

Auch im deutsch-polnischen Jugendaustausch gewinnt die schulische Komponente an Bedeutung. Der Anteil der durch das Deutsch-Polnische Jugendwerk (DPJW) geförderten Gruppenaustauschprojekte mit außerschulischen Partnern an der Gesamtheit der bezuschussten Projekte des DPJW geht kontinuierlich zurück; die Zahl von Projekten im Rahmen von Schulpartnerschaften nimmt entsprechend zu. Waren 2012 noch 55,1 % aller geförderten Projekte des Jugendwerks rein schulisch, so sind es 2014 schon 59 %.**

Die Initiative „Austausch macht Schule" hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, dass

„Wenn Austausch also Schule machen soll, […] 4. die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern unterstützt werden [muss].”

Eigentlich sind die Voraussetzungen zur schulisch-außerschulischen Zusammenarbeit günstig, auch (und gerade?) weil die Bindungskraft außerschulischer Strukturen abnimmt. Die einen (Schule) haben Zugang zu jungen Leuten, die anderen (außerschulische Einrichtungen) interessante pädagogische Angebote, Know-how in interkultureller Pädagogik und gefestigte Strukturen. Und über die Schule lässt sich, ganz im Sinne der Inklusion, zumindest theoretisch das ganze Spektrum der Gesellschaft und das Land in seiner Breite erreichen.

Nichts liegt näher, als dass sich beide Bereiche einander annähern, eint sie doch dasselbe Ziel, nämlich jungen Menschen die bestmöglichen Bildungserfahrungen zu bieten. In der Praxis scheint dies jedoch nicht so einfach. Unterschiedliche Überzeugungen der Akteure aus Schule und Jugendverein, wie man mit jungen Menschen arbeiten sollte, sind keine Seltenheit.

Hinzu kommen strukturelle Unterschiede – besonders öffentliche Förderstrukturen und -mittel sind oft exklusiv an den schulischen oder außerschulischen Bereich gerichtet. Für den/die Organisator/-in einer Jugendbegegnung ist diese Trennung und ihr Grund nicht nachvollziehbar.
Dann sind da noch Aspekte wie die chronische Überbelastung von Schule durch Reformen, zum Beispiel G8, und die Tatsache, dass ein gegenseitig miteinander konkurrierendes außerschulisches (Über)angebot in die Schulen drängt.

Grundlegende Weichenstellungen rechtlicher Art sind notwendig, damit Schule und außerschulische Bildungswelt miteinander barrierefrei kooperieren können. Der Förderalismus darf hier keine wohlfällige Ausrede sein. Und grundsätzlich muss Platz neben dem Lehrplan für außerunterrichtliche Aktivitäten bleiben.

Aber auch alle Beteiligten – Jugendleiterinnen und Jugendleiter, Lehrerinnen und Lehrer, Mitarbeitende von Fördereinrichtungen und Verwaltung müssen beide Welten – die schulische und außerschulische – besser verstehen lernen. In Schule lässt sich nun einmal (noch) nicht alles umsetzen, was in kreaktiven Köpfen von Jugendgruppenleitern vor sich geht. Andersherum muss Lernen – wie oft in der Schule – nicht immer ernst sein und darf auch einmal am Lehrplan vorbeilaufen um Sinn zu machen.

Wie könnte eine Kooperation also aussehen?

In meiner idealen Welt baut der Lehrer oder die Lehrerin in der Schule die Angebote außerschulischer Träger ganz selbstverständlich Modulen gleich immer wieder in den klassischen Unterricht ein. Und der Jugendleiter oder die Jugendleiterin formuliert seine/ihre Angebote von vornherein so, dass diese in der Schulrealität ihren Platz finden. Diese Hand-in-Hand-Kooperation trägt das Gütesiegel der Ministerien und wird auch von externen Stiftungen gefördert und immer wieder ausgewertet und verbessert.

Wenn wir uns eine solche Welt vorstellen können und wollen, dann lohnt es sich, auch Stück für Stück dafür zu arbeiten. Machen wir uns ans Werk.

Malte Koppe
(bis 2016 Deutsch-Polnisches Jugendwerk)


* Quelle: http://ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl_408_en.pdf
2011 wurde die Frage nicht wortwörtlich gleich, aber in einem ähnlichen Kontext gestellt.

** Die Statistik bezieht sich mehrheitlich auf Austausche mit zwei ungefähr gleichgroßen Jugendgruppen (ca. 17 Personen im Durchschnitt) aus Deutschland und Polen. Die durchschnittliche Dauer des gemeinsamen Programms beträgt 7 – 8 Tage.