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Immer besser werden - Qualitätsmanagement im Schüler- und Jugendaustausch

Qualitätsmanagement

Das Ringen um die Qualität einer internationalen Begegnung dürfte für die meisten Praktiker*innen im Schüler- oder Jugendaustausch keine neue Erfahrung sein. Auch das Bedürfnis, das eigene Projekt besonders gut zu gestalten, speist sich meist nicht primär aus der Beschäftigung mit Qualitätssicherung oder -entwicklung. Dennoch kann eine kritische Auseinandersetzung mit entsprechenden Instrumenten helfen, das Streben nach guter Praxis zu strukturieren und zu demokratisieren.

Qualität ist eine Frage des Maßstabes im Auge des Betrachters

Wollen wir die Qualität eines Produktes, einer Dienstleistung oder in unserem Fall, eines internationalen Austausches bestimmen, stellt sich zunächst die Frage, an welchen aber auch an wessen Maßstäben diese gemessen werden soll. Anders formuliert: Was zeichnet eine gute internationale Begegnung aus und wer bestimmt eigentlich, was ein gutes Austauschprojekt ist?

Als Leitungspersonen oder -team haben wir meist bewusste und unbewusste Vorstellungen davon, was einen guten Austausch ausmacht. Häufig speisen sie sich aus Erfahrungen mit vergangenen Projekten, die man selbst als gelungen bewertet. Um aber die Qualität der eigenen Praxis systematisch zu bewerten und weiterzuentwickeln, ist es hilfreich, die eigenen Ziele und Anforderungen auch explizit zu formulieren. Dabei sind wir selten völlig autonom, sondern werden auch mit Qualitätsvorstellungen von außen konfrontiert. Wenn wir z.B. Anträge auf finanzielle Unterstützung unserer Maßnahme stellen, liegen den Förderrichtlinien in Regel bestimmte Mindeststandards zu Grunde. Letzteres bringt uns direkt zur Frage nach dem „Wer bestimmt“? Sind es allein die Maßstäbe der deutschen Gruppeleitung an denen die Qualität des Austausches gemessen wird, oder wird die Partnerorganisation einbezogen? Sollen die Erwartungen der Teilnehmenden, der Schule oder des Trägers entscheiden oder sind es am Ende die Vorgaben des Fördermittelgebers? Hier zeigt sich bereits, dass die Definition von Qualität immer auch eine Machtfrage ist, die mal mehr, mal weniger demokratisch verhandelt werden kann.

Qualität hat unterschiedliche Dimensionen

Qualität im internationalen Schüler- und Jugendaustausch kann unterschiedliche Bezugspunkte haben. Die in unserem Zusammenhang wichtigsten sind:

  • Wirkung: Welche Effekte hatte die internationale Begegnung? Hierzu zählen zunächst die Bildungswirkungen des Austausches für Jugendliche und Fachkräfte. Sie können sich aber auch auf die Weiterwicklung der eigenen Organisation oder die Kooperation mit den internationalen Partnern beziehen. Die beabsichtigten Wirkungen werden in der Regel durch die Ziele einer Maßnahme definiert.
  • Prozess: Wie gut wurde die Begegnung durchgeführt? Gemeint ist die Qualität aller Maßnahmen, die vor oder während des Austausches ergriffen wurden um die gesetzten Ziele zu erreichen (Programm, organisatorischer Rahmen, Unterstützungsangebote für die Teilnehmenden, Zusammenarbeit mit der Partnerorganisation etc.…). Die Prozessqualität ist häufig Gegenstand von Fördermittelanträgen und Verwendungsnachweisen.
  • Struktur: Wie gut sind die Partnerorganisationen für die Durchführung des Austausches ertüchtigt? Dabei geht es meist um Fragen der finanziellen oder personellen Ausstattung, der Qualifizierung der Leitungspersonen oder Rahmenkonzeptionen für internationale Bildungsprojekte.
  • Zufriedenheit: Wie zufrieden sind die Beteiligten mit dem internationalen Austausch? Hierbei können unterschiedliche Perspektiven gemeint sein: Die der Jugendlichen, der Fach- und Lehrkräfte, der Eltern, der Schulleitung oder des Trägers.

Am Anfang der Auseinandersetzung nach der Qualität stehen also eine Reihe von Entscheidungen: Es gilt zu klären, welche Qualitätsdimensionen für das eigene Verständnis von gutem Austausch wichtig sind, welche Ansprüche wir an uns selbst stellen bzw. welche wir von außen akzeptieren und welche Stimmen dazu gehört werden sollen.

Qualitätsstandards für den Schüler- und Jugendaustausch

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist die Anzahl von Veröffentlichungen zu Qualitätsstandards des internationalen Schüler- und Jugendaustausch noch überschaubar. Als Beispiele seien genannt:

Qualität im Schüler- und Jugendaustausch managen

Die Beschäftigung mit der Qualität eigner Austauschprojekte, kann unterschiedlichen Zielen dienen. In der Variante Qualitätssicherung geht es vor allem darum zu überprüfen, in wie weit das Projekt eigene oder fremde Anforderungen erfüllt. Das zentrale Anliegen der Qualitätsentwicklung hingegen ist, Qualität nicht nur sicher zu stellen, sondern diese auch kontinuierlich zu verbessern. Sie erfordert neben kritischer Analyse der eigenen Praxis auch Kreativität bei der Weiterentwicklung vom Konzepten und eine planvolle Umsetzung von Verbesserungsmaßnahmen. Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung werden in der Regel unter dem Begriff des Qualitätsmanagements zusammengefasst.

Qualitätsmanagement liegt häufig der sog PDCA-Zyklus („Plan-Do-Check-Act“-Zyklus) zu Grunde. Er beschreibt vier Phasen eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses, der in der nachfolgenden Darstellung auf internationale Austauschprojekte angewendet wird.

PDCA Cycle

1. Planen (Wie soll es sein?)
In der ersten Phase werden gemeinsam mit der Partnerorganisation Ziele und Maßnahmen des Austausches geplant. Dabei wird immer auch implizit verhandelt, was eine gute internationale Begegnung ausmacht. Externe Qualitätsstandards können in diesem Zusammenhang Orientierung geben. Je expliziter Ziele und Qualitätsstandards formuliert werden, desto besser lassen sie sich am Ende überprüfen.

2. Steuern (Was tun wir wie?)
In der zweiten Phase wird die internationale Begegnung durchgeführt. Dabei wird darauf geachtet, dass die vorab festgelegten Ziele nicht aus dem Blick geraten bzw. die Praxis tatsächlich dem vorab festgelegten Qualitätsanspruch entspricht.

3. Überprüfen (Was haben wir erreicht?)
Die dritte Phase dient der Prüfung, in welchem Maße die gewünschte Qualität erreicht wurde. Die in der Umsetzungsphase gesammelten Erfahrungen werden reflektiert. Dies erfolgt idealerweise gemeinsam mit der Partnergruppe und Beteiligung der Jugendlichen.

4. Verbessern (Was ist noch zu tun?)
In der vierten und letzten Phase werden konkrete Verbesserungsmaßnahmen für die Zukunft geplant, beschlossen und dokumentiert. Auch diese Phase sollte möglichst partizipativ gestaltet werden.

Eine Kultur kontinuierlicher Verbesserung schaffen

Bei allen Versuchen die Qualität der eigenen Projekte möglichst genau zu planen, zu steuern und zu evaluieren, ist zu bedenken, dass die gegenwärtige fachliche Diskussion um Qualitätsmanagement immer noch stark von ihrem Ursprung in der industriellen Produktion geprägt ist. Qualitätsmanagementsysteme basieren meist auf der Annahme, dass a) ihr Gegenstand ein weitgehend standardisierbares Produkt oder Dienstleistung ist und b) eine weitreichende Kontrolle über die „Produktionsbedingungen“ existiert. Wer schon mal Projekte im deutsch-russischen Austausch organisiert hat, weiß um die Grenzen beider Annahmen in diesem spezifischen Handlungsfeld: Jeder Austausch ist einzigartig und verläuft selten genauso wie geplant. Oft ist es erforderlich, während der Durchführung zu improvisieren. Nicht nur die Programmplanung, auch die eigenen Erwartungen müssen mit unter spontan der Wirklichkeit des Gastlandes angepasst werden. Letzten Endes kann die Bewältigung entsprechender Herausforderungen auch wertvoller Teil eines interkulturellen Lernprozesses sein.

Wichtiger als mit mathematischer Präzision die Erreichung bestimmter Standards zu messen, erscheint es deshalb, in der eigenen Schule oder dem eignen Träger, eine Kultur der kontinuierlichen Verbesserung zu schaffen. Sie erschöpft sich in isolierten Maßnahmen und sollte nicht in Form einer individuellen Zuständigkeit delegiert werden. Sie ist gekennzeichnet durch

  • eine regelmäßige und offene Verständigung über die qualitativen Ansprüche an die eigenen Austauschprojekte auf Basis eigener Erfahrungen und fachlicher Empfehlungen
  • die laufende Überprüfung der eigenen Praxis
  • Mut und Kreativität bei der Planung von Verbesserungsmaßnamen sowie
  • die Einbindung möglichst vieler Betroffenen, d.h. neben dem Leitungsteam auch die Teilnehmenden, die Leitung der Schule oder des Trägers und selbstverständlich auch die Partnergruppe- bzw. deren Organisation.

Eine Kultur kontinuierlicher Verbesserung zielt nicht auf ständige Revolutionen, sondern vielmehr auf stetige Weiterentwicklung in kleinen Schritten. Die Behandlung des Themas Qualität wird in diesem Sinne zu einer Grundströmung professionellen Handels im Team oder der Organisation.

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