Fachbeiträge

Internationaler Jugend- und Schüleraustausch als Beitrag zur Demokratiebildung

Vortrag von Ulrich Ballhausen auf dem Info- und Vernetzungstag Hannover
Ulrich Ballhausen Beitrag der IJA zur Demokratiebildung

1. Selbstverständnis und Tradition des Arbeitsfeldes Internationale Jugendbildungsarbeit

Die internationale Jugendarbeit, d.h. vor allem internationale Begegnungen, Freiwilligendienste und Austauschmaßnahmen sowie europapolitische Bildungsveranstaltungen mit jungen Menschen gehören heute zum Kernbestand der Kinder- und Jugendarbeit in Deutschland und Europa. Neben zahlreichen anderen Zielen steht die Ermöglichung von demokratischen Lernprozessen und demokratischen Erfahrungen dabei im Mittelpunkt; beide Aspekte gehören zum wesentlichen Traditionsbestand und Selbstverständnis dieses Arbeitsfeldes. Sie bilden, vor allem nach 1945, einen Kernpunkt internationaler Jugendarbeit indem sie sowohl auf subjektiver Ebene demokratisches Verständnis und demokratische Kompetenzen fördern, wie auch auf kollektiver Ebene einen Beitrag zur Rückkehr in die demokratische Völkergemeinschaft, zur Völkerversöhnung oder etwa zum interkulturellen Verstehen etc. leisten sollen (Widmaier 2016: 48).

Die besondere Qualität, die Bedeutsamkeit und die Aufgaben internationaler Jugendarbeit lassen sich aus meiner Perspektive besonders deutlich an einem 2003 verabschiedeten gemeinsamen Grundverständnispapier zahlreicher Träger internationaler Jugendarbeit ablesen:

„Internationale Jugendarbeit“, so wird darin ausgeführt, „ist deshalb so bedeutsam, weil sie zur Entwicklung, zum Erhalt des Friedens, der Versöhnung und der Verständigung unter den Menschen beiträgt, sie ein wesentlicher Beitrag und zugleich ein zentrales Instrument zur Gestaltung einer gerechten und solidarischen Welt darstellt, sie junge Menschen zum gesellschaftlichen Engagement motiviert und damit sowohl einen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung als auch einen Beitrag zur Entwicklung der Zivilgesellschaft leistet, sie auf europäischer Ebene ein qualitativer Beitrag zur Entwicklung der Europäischen Union ist“ und sie dazu beiträgt, „Toleranz Fähigkeit, Weltoffenheit und globales Denken und Handeln zu fördern“ und damit „für die Entwicklung, Ausgestaltung und Sicherung des Wirtschafts- und Demokratiestandortes von Bedeutung“ ist (Ballhausen/ Friesenhahn 2003: 3).

Internationale Jugendbegegnungs- und Jugendbildungsarbeit ist damit im weitesten Sinne eine Art „friedens- und gerechtigkeitsorientierte, grenzüberschreitende Politik junger Bürgerinnen und Bürger“ und ein Beitrag zur Entwicklung einer europäischen Innenpolitik, indem sie Nationalismen überwinden helfen, Solidarität und Gerechtigkeit fördern, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung entgegentreten und damit im Kern jene europäischen Ideen vertreten, für die die Europäische Union den Friedensnobelpreis erhalten hat.

2. Wirkungen des Arbeitsfeldes

Für die Bedeutung des Arbeitsfeldes sprechen auch die Wirkungen, wie sie in verschiedenen Studien festgestellt wurden. Die Studie „Langzeitwirkungen der Teilnahme an internationalen Jugendaustauschprogrammen auf die Persönlichkeitsentwicklung der TeilnehmerInnen“, macht beispielsweise deutlich, dass die Teilnahme an internationalen Jugendaustauschprogrammen eine erstaunlich nachhaltige Wirkung auf die Persönlichkeitsentwicklung ausübt (vgl. Thomas/Abt/Chang 2006):

  • 7 % bezeichneten die Begegnung als Ausgangspunkt für eine biographische Wende für sich selbst;
  • 31 % der Befragten gaben an, dass die Begegnung Anstoß für eine Kette weiterer Aktivitäten und Entscheidungen in ihrem Leben war;
  • 75 % lehnten die Aussage ab, die Begegnung hätte gar keine Spuren in ihrer Biographie hinterlassen.

Auch die Studien zu internationalen Maßnahmen im Rahmen des Programms Erasmus+/Jugend in Aktion (Tham/Otten, 2010f) zeigen:

  • über 80 % der Teilnehmenden sagen, das Bewusstsein für gemeinsame Werte – wie Menschenrechte, Demokratie oder Toleranz – ist nach dem Projekt gestiegen;
  • über 60 % berichten, dass sie sich seit ihrer Programmteilnahme verstärkt gesellschaftlich oder politisch engagieren;
  • über 70 % der Teilnehmer setzen sich stärker als früher gegen Diskriminierung Intoleranz und Rassismus ein;
  • über 80 % der Teilnehmenden haben eine bessere Vorstellung davon, wie sie etwas im Interesse der Gemeinschaft oder Gesellschaft umsetzen können.

3. Internationale Jugendarbeit vor dem Hintergrund aktueller gesellschafts- und globalpolitischer Herausforderungen

Angebote der internationalen Jugendarbeit sind immer ein- und angebunden an die jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen. Sie spiegeln diese einerseits wider, andererseits sind internationale Jugendbegegnungen aber auch ein zentraler Ort zur Auseinandersetzung mit diesen Herausforderungen. Obwohl jede geschichtliche Epoche durch spezifische Infragestellungen, Herausforderungen und Krisen begleitet und bedroht wird, erscheinen die aktuellen gesellschaftlichen, globalpolitischen und zwischenstaatlichen Herausforderungen auf Grund ihrer Grundsätzlichkeit meines Erachtens aber einen Bruch darzustellen. Im Folgenden möchte ich nur einige dieser Herausforderungen kurz umreißen.

  1. Da sind zum einen die deutlichen Tendenzen zu einer Re-Nationalisierung und der zunehmende Rechtspopulismus, die wir angesichts der Wahlergebnisse in verschiedenen Ländern der EU wahrnehmen. Die Kinder- und Jugendarbeit als Demokratiebildung ist davon direkt betroffen, vor allem, wenn wir uns die Hauptintention für internationalen Begegnungen in Deutschland nach 1945 vergegenwärtigen: die Rückkehr in die demokratische Völkergemeinschaft, auch bekannt als Reeducation.
  2. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Ich hätte es nie für möglich gehalten, einmal in eine Situation zu geraten, in der ich ernsthafterweise Sorge haben muss, dass die Europäische Union zerfällt. Die aktuellen Krisen in Europa gefährden die Funktionsfähigkeit und den Zusammenhalt der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union in bisher nicht für möglich gehaltener Form und stellen den Vereinigungsprozess in Frage. Hier sehe ich mehr denn je eine aktuelle Aufgabe für die internationale Jugendarbeit.
  3. Als weitere Herausforderungen sind die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu nennen, der sich ausbreitende und radikalisierender (Rechts-)Populismus und Nationalismus, die Erosion der Demokratie und die Krise der politischen Repräsentation, aber auch die gesellschaftlichen Polarisierungsprozesse sowie die aktuellen Migrations- und Fluchtbewegungen.
  4. Darüber hinaus lassen sich in Deutschland, innerhalb Europas und weltweit gesellschaftliche Spaltungsprozesse und Prozesse zunehmender sozialer Ungleichheit feststellen. Dieser Sachverhalt ließe sich eindrücklich durch einen Blick auf die Verteilung der Jugendarbeitslosigkeit in Europa verdeutlichen. Wenn wir im Rahmen der internationalen Jugendarbeit europapolitische Jugendbildungsarbeit im weltbürgerlichen Sinne machen wollen – und unser Traditionszusammenhang sagt uns, dass wir es so verstehen sollten – dann geht uns auch die Jugendarbeitslosigkeit in Italien, in Spanien oder die Lebenssituation in Rumänien etwas an.
  5. Der Politikwissenschaftler Colin Crouch prägte 2004 den Begriff der Postdemokratie, also die Entkernung demokratischer Strukturen auf vielen Ebenen. Demokratie funktioniert hier noch scheinbar, aber ein Blick hinter der Fassade macht deutlich, dass es sich allzu oft um eine leere und entkernte Hülle handelt, in der andere Interessensgruppen agieren. Diese Entwicklungstendenzen tragen zu einer schleichenden Entdemokratisierung bei. Auch mit solchen Entdemokratisierungstendenzen innerhalb der EU, innerhalb der Strukturen in Deutschland, aber auch im konkreten Lebensumfeld der Jugendlichen – z.B. in der Schule -  muss sich internationale Jugendarbeit auseinandersetzen.
  6. Schließlich kann internationale Jugendarbeit unglaublich viel zum großen Thema der Globalisierung und deren Negativfolgen beitragen – nicht nur im Sinne einer Kompetenz- und Wissensvermittlung, sondern als konkreter Erfahrungsraum. Und internationale Jugendarbeit kann und sollte sich (auch) mit weiteren Themen wie Globale Migration, Digitalisierung und Mediatisierung der Lebenswelten, der Gesellschaft, der Produktion oder mit den globalen Klimaveränderungen beschäftigen.

4. Entpolitisierungsprozesse und Hinwendung zur Vermittlung individueller und sozialer Kompetenzen

Internationale Jugendarbeit und internationale Jugendbegegnungen können – wie bereits erwähnt – bei jungen Menschen sehr viel bewegen und zentrale biografische Spuren hinterlassen.

Wenn man die Bildungs- und Lernzielkonjunkturen der internationalen Jugendarbeit der letzten Jahre im Allgemeinen analysiert so lässt sich allerdings feststellen, dass sich eine Entpolitisierung vollzogen hat. Im Rahmen einer „Literaturrecherche zur Sichtbarmachung des Politischen im Diskurs der internationalen Jugendarbeit“ weist Stephan Schäfer – auch in Rekurs auf die Tradition – daraufhin hin, „dass die internationale Jugendarbeit in den letzten Jahren in einem allgemeinen Prozess der De-Thematisierung des Politischen in Pädagogik und sozialer Arbeit verwickelt ist und diesen auch selbst mit produziert“ (Schäfer 2014: 2). Diese These lässt sich, nimmt man eine politik- und gesellschaftswissenschaftliche Perspektive bei der Analyse zentraler Begriffe der internationalen Arbeit – wie etwa Interkulturelles Lernen, Partizipation, Soziales Lernen – und entsprechender Diskurse ein, deutlich nachzeichnen.

Ich bin mir bewusst, dass diese Einschätzung nicht von allen Verbänden oder Jugendwerken in dieser Form geteilt wird, dennoch glaube ich, dass sie als allgemeine Trendbeschreibung im Feld der internationalen Jugendarbeit richtig ist. Als Trend, nicht als Analyse für jede Einzelveranstaltung oder als Analyse jedes Trägers oder Jugendwerkes. Gegenbelege, die insbesondere auf die Bedeutung internationaler Maßnahmen bei Trägern der politischen Bildung, auf das Vorhandensein von politischen Themen in internationalen Begegnungen oder auf den zentralen Zielbegriff von Active Citizenship in den Konzepten der Europäischen Union (EU) zum lebenslangen Lernen verweisen, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass gruppendynamische, psychologisierende, persönlichkeitsbildende, kompetenz- und arbeitsmarkorientierte Zugange – gepaart mit affirmativen Gesellschaftsvorstellungen – einen breiten Raum in der internationalen Jugendarbeit einnehmen.

Am Begriff der Interkulturellen Kompetenz möchte ich das Gemeinte kurz verdeutlichen: Das Bildungsziel Interkulturelle Kompetenz kann ich ausschließlich als individuelle Kategorie verstehen und in einer Begegnung zum Ausdruck bringen. Interkulturelle Kompetenz heißt dann also, dass ich Jugendliche dazu befähigen will, sich in internationalen Kontexten besser bewegen zu können, den anderen besser verstehen zu können, kulturelle Herausforderungssituationen besser meistern zu können oder in internationalen Gruppen – auch im Kontext der Globalisierung der Arbeitsmärkte – kompetenter agieren zu können. Interkulturelle Kompetenz kann aber auch als politischer oder gesellschaftlicher Begriff verstanden werden: er steht dann in einem direkten Zusammenhang mit den Kernbegriffen internationale Solidarität, internationale Gerechtigkeit, globales Weltverständnis, weltbürgerliche Perspektivübernahme usw.

So verwundert es auch nicht, dass vorhandene Studien über die Wirkungen internationaler Jugendarbeit, wie die von Alexander Thomas, die Kategorien des Politischen nur randständig oder in sehr abstrakter Form in den Blick nehmen und diese gerade jetzt erst als Forschungslücke erkannt werden. „Der Forderung nach einer Wiederbelebung der politischen Dimension in Pädagogik und Sozialer Arbeit“, so Schäfer, „kann sich auch die internationale Jugendarbeit nicht enthalten. Dabei ist die geforderte Re-Politisierung der internationalen Jugendarbeit keinesfalls eine lediglich von außen kommende Forderung, der sie gerecht zu werden hat. Auch von innen heraus lassen sich in der letzten Zeit Bestrebungen aus Wissenschaft und Praxis internationaler Jugendarbeit beobachten, die darauf zielen, die internationale Jugendarbeit und ihre Bildungsansätze zu politisieren“ (Schäfer 2014: 2).  

Angesichts der Heterogenität des Arbeitsfeldes und der dort tätigen Akteure ist es naheliegend, dass die Repolitisierungsforderung bzw. die Forderung nach einer Stärkung der Demokratiebildung in internationalen Begegnungen aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht überall nachvollzogen werden kann. Ein Grund liegt auch darin, dass Demokratiebildung in einem politischen Sinne eine eigenständige Fachprofession ist, deren fachwissenschaftliches und fachpraktisches Instrumentarium zumindest in Grundzügen bekannt sein sollte. Demokratiebildung ist eben mehr als Beteiligung- und Partizipationsförderung, auch wenn diese Grundelemente eines Demokratiebildungsprozesses sind. Hierfür bei allen Akteuren eine Sensibilität zu erzeugen sollte wesentliches Ziel einer Qualifizierungsoffensive in der internationalen Jugendarbeit sein.

5. Internationaler Jugend- und SchülerInnenaustausch als idealer – und notwendiger – Ort der Demokratiebildung

Internationalen Begegnungen und SchülerInnenaustausch können in besonderer Weise demokratiebildende Lernprozesse ermöglichen, nämlich auf drei Ebenen: absichts-, anlass- oder interaktionsorientiert. Was meine ich mit diesen drei für mich sehr relevanten Begriffen?

  1. Absichtsorientiert heißt, dass viele Träger, politische oder demokratische Themen mit einer didaktischen-inhaltlichen Konzeption in einer internationalen Begegnung aufgreifen. Sie beabsichtigen also, ein bestimmtes Thema in den Mittelpunkt zu stellen, also beispielhaft Ausgrenzung, Jugendarbeitslosigkeit, antirassistische Arbeit und ähnliches.
  2. Gerade in internationalen Begegnungen erfordern bestimmte Situationen von Teamerinnen und Teamern auf demokratieherausfordernde Situationen – wie etwa nationalistische Äußerungen von Teilnehmenden - anlassbezogen reagieren und aktiv eingehen zu können. Dann spielen plötzlich Themen eine Rolle, die Sie sich in ihrer internationalen Begegnung gar nicht als solche vorgenommen haben, etwa wenn Rassismen oder Renationalisierungsprozesse in Begegnungen festgestellt werden. Wie verhalten sie sich, wenn plötzlich bestimmte Bevölkerungsgruppen mit diskriminierenden Begriffen beschrieben werden? Wie reagieren sie, wenn der Projektpartner sagt, dass das Thema Homophobie innerhalb einer Jugendbegegnung zu jugendkulturellen Lebensformen in Europa keine Rolle spielen darf?
    In solchen Herausforderungssituationen müssen Pädagoginnen und Pädagogen darauf eingehen, denn wenn sie nicht darauf eingehen, haben sie sich bereits positioniert: sie geben diesen Äußerungen einen öffentlichen Raum, sie ignorieren diese Äußerungen, sie sagen, dass diese Thematik hier nicht hingehört oder sie greifen jugendrelevante – aber sensible – Aspekte nicht auf!? All das kann ein Beitrag zur De-Thematisierung sein.
  3. Interaktionsorientiert schließlich heißt, dass das Setting interkultureller Lernprozesse immer auch einen demokratischen Lernprozess hervorrufen kann, umso mehr, wenn Sie ihn als Pädagoginnen und Pädagogen auch aktiv unterstützen und begleiten.

Natürlich bieten internationale Begegnungen auf Grund der besonderen Lern- oder Bildungssituation die Möglichkeit, neue Persönlichkeits-, Sozial- und Demokratieerfahrungen zu machen. Aber das sind unterschiedliche Bereiche. Eine Sozialerfahrung ist nicht unbedingt ein Beitrag zu einer Demokratieerfahrung, denn wir wissen aus wissenschaftlichen Analysen, dass der sogenannte Spill-Over Effekt nicht eintritt.

Was bedeutet das? Sie machen eine gute, gruppendynamische internationale Begegnung mit einer deutschen und einer polnischen Schulklasse, sie verstehen sich alle wunderbar und sie haben das Gefühl, „ja, das ist ein Beitrag zur Völkerverständigung“. Die jungen Menschen haben sich kennen gelernt, es sind keine Konflikte entstanden, alle konnten sich beteiligen und alle haben eine Woche lang Internationalität und Solidarität gelebt. Aus diesen wichtigen Lernerfahrungen für die Teilnehmenden leiten Sie nun eventuell ab, dass es ein demokratiestärkender, solidaritätsfördernder, politischer, nachhaltiger Lernprozess war. Aber: die Forschung merkt an, dass es diesen (gewünschten) Spill-Over-Effekt in dieser Form nicht gibt.

Soziales Lernen in Gruppen wird nur dann ein nachhaltiger Beitrag zur Demokratiebildung, wenn Sie als Teamerin oder Teamer Bezüge zwischen sozialen und politischen Lernfeldern und Lernprozessen pädagogisch aktiv herstellen.  

6. Was internationale Jugendbegegnungen sein können

  1. Natürlich können und sollten internationale Begegnungen auf Mikroebene Erfahrungsorte gelebter Demokratie und Partizipation sein, denn sie sind Ausnahmesituationen. Und dass das vielleicht „Weltgerechtigkeit“ bedeutet, können sie in ihrer Mikrosituation schon leben und damit wesentlich zur Entwicklung eines politischen und demokratischen Bewusstseins bei jungen Menschen beitragen. Und das ist mehr, als eine internationale Begegnung zum Thema Rechtspopulismus zu machen. Denn die Förderung eines politischen, demokratischen und menschenrechtsorientierten Bewusstseins ist mehr als die Auseinandersetzung mit einem (politischen) Thema.  
  2. Internationale Jugendbegegnungen können auf der Basis ihres Settings unverwechselbare sozial-moralische und demokratische Kompetenzvorräte entwickeln und ein Laboratorium für die Zukunft sein.
  3. Sie können vermitteln, dass die Demokratie eine Lebensform ist, eine Vergesellschaftungsform und ein politisches System und als solche immer wieder neu gelernt, gesichert und entwickelt werden muss. Will man einen Beitrag zur Demokratiebildung für junge Menschen leisten, sollte man sich immer bewusst sein, dass Demokratie auf diesen drei Ebenen zu verstehen ist. Durch die Schule wird meist vermittelt, dass Demokratie eine Herrschaftsform (Regierungsform) ist. Aber sie ist auch eine Gesellschaftsform. Deshalb sind zum Beispiel zivilgesellschaftliche Initiativen in Demokratien so wichtig, und ich hoffe, dass wir auch dazu einen Beitrag leisten. Wenn wir junge Menschen zusammenbringen, soll es nicht nur eine individuelle Lernerfahrung bleiben, sondern dass wir sie auch motivieren, sich in ihren Ländern zivilgesellschaftlich zu engagieren und einen Beitrag zu mehr Demokratisierung zu leisten. Und es ist eine Lebensform, der Mikrokosmos in ihrer Gruppe oder Klasse. Und wenn Sie diese drei Aspekte beherzigen, dann sind Sie auf der Höhe der Zeit, was Politikwissenschaft unter Demokratiebildung versteht.

Mein größter Traum wäre ja, dass es eine Jugendbewegung all jener gäbe, die an einer internationalen Jugendbegegnung teilgenommen haben und die als innenpolitische jugendliche Akteure auch etwas gegen die Ungerechtigkeit von offizieller Politik tun. Aber das ist vielleicht ein etwas zu naiver Traum.

7. Schlussfolgerungen

Aus den bisher erwähnten Aspekten möchte ich einige grundsätzliche Schlussfolgerungen für die internationale Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsarbeit ableiten:

  1. Angesichts der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen muss sich Bildung – auch Demokratiebildung und internationale Jugendarbeit – heute antizyklisch verhalten zu dem, was gesellschaftlich vorherrscht. Sie muss sie sich mit ihren Angeboten aktiv an der weiteren qualitativen Ausgestaltung der europäischen Idee beteiligen und zusammen mit Jugendlichen friedensorientierte, soziale und demokratische Zukunftsvisionen für Europa in einem Weltkontext entwickeln. Hierfür sind Begegnungsmaßnahmen die Grundlage, die demokratische und politische Dimension dieser Arbeit sollte aber angesichts der aktuellen Herausforderungen einen breiteren Raum einnehmen.
  2. Internationale Jugendarbeit unter dem Stichwort Demokratiebildung muss sich in der praktischen Arbeit an den universalen Menschenrechten orientieren und diese als Ausgangspunkt und deren Verwirklichung als Ziel der Bildungs- und Begegnungsarbeit verstehen. Jeder sollte sich damit auseinandersetzen, denn wir müssen Jugendliche begeistern, dazu einen Beitrag zu leisten.
  3. Internationale Begegnungen müssen sich auch kritisch mit jeder Form von Nationalismus, Rassismus, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und politischem Populismus  usw. auseinandersetzen – entweder als Thema oder in einem Prozess der Bewusstseinsbildung.
  4. Internationale Jugendarbeit sollte sich, auch im nonformalen Bereich, an den zwei Konzepten der global citizenship education und der inclusive citizenship education orientieren, die in der formalen Bildung eine wichtige Rolle spielen. Sie bringen die genannten Aspekte von Menschenrechtsorientierung, Demokratiebildung und globalem Lernen zusammen und leisten einen integrativen Beitrag in Gesellschaften, in dem sie auch diejenigen einschließen, die sonst keine Chance haben. Wir alle sollten uns auch als Akteure verstehen, die dazu einen Beitrag leisten wollen und eine „demokratische Bildung in weltbürgerlicher Absicht“ verfolgen.
  5. Dabei müssen die lokale Verankerung und ein lokales Bewusstsein mit weltbürgerlicher Perspektive bei jungen Menschen heute nicht Widerspruch zueinander stehen, sondern sind Teil hybrider oder multipler Identitäten.
  6. Aufgabe der internationalen Jugendarbeit sollte es auch sein, die Rolle der demokratischen, an den Menschenrechten orientierten Zivilgesellschaft zu stärken und politische Mündigkeit – auch in der kritischen Auseinandersetzung mit der Realpolitik – zu fördern.
  7. Internationale Jugendarbeit sollte die Interessen junger Menschen in den Mittelpunkt stellen und sie dabei unterstützen, demokratische Kritik-, Urteils- und Handlungsfähigkeiten zu entwickeln und sich aktiv in die Ausgestaltung eines demokratischen Gemeinwesens im globalen Kontext einzubringen.
  8. Sie muss sich immer wieder der Herausforderung stellen, die Entwicklung „gesellschaftlicher Schlüsselkompetenzen“ in den Mittelpunkt zu stellen und sich immer neu zu fragen, welche Kompetenzen Jugendlichen in dem hier insgesamt beschriebenen Sinne vermittelt werden sollten. In Anlehnung an die von Oskar Negt seit den 1980er Jahren entwickelten und beschriebenen Kompetenzbereiche (Negt 2010) könnten für die Arbeit in internationalen Maßnahmen folgende Überlegungen und Fragestellungen weiterführend sein:

Wie und in welcher Form leistet die internationale Maßnahme – unabhängig vom jeweiligen Format und der jeweiligen Thematik – einen Beitrag

  • zur Entwicklung einer historischen Kompetenz, die Zusammenhange herstellt, Entwicklungslinien aufzeigt, das Unabgegoltene zur Sprache bringt (Hoffnungen) und sich damit der postmodernen Idee des Vergessens und der beschleunigten Entwertung von Erfahrungen entgegenstellt?
  • zur Entwicklung einer Zukunftskompetenz (Utopiekompetenz), die ein Denken in sozialen, gesellschaftlichen, globalen aber auch sozialräumlichen Alternativen fordert und sich dem raumgreifenden politischen Konzept von „There is no Alternative“ entgegenstellt?
  • zur Entwicklung einer Gerechtigkeitskompetenz, die die Wahrnehmungsfähigkeit von Gleichheit und Ungleichheit, Recht und Unrecht schärft und Menschen sensibel macht für personale, soziale, kulturelle, gesellschaftliche und politische Enteignung- und Wiederaneignungsprozesse?
  • zur Entwicklung von Identitätskompetenz, die sich den sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Entwurzelungs- und Flexibilisierungsdynamiken entgegenstellt und Bindungskräfte fordert.

Ich greife aus diesen Schlüsselkompetenzen nur eine heraus: Utopiekompetenz. Als Lehrerin oder Lehrer würden Sie vielleicht sagen, das sei doch nicht zu operationalisieren. Aber Sie alle können in ihren Begegnungen zumindest insofern einen Beitrag dazu leisten, als dass Sie – egal welches Thema im Raum steht und egal, welche Gruppen sich treffen – junge Menschen motivieren, in Alternativen zu denken. Zum Beispiel könnte man bei einem Fußballtraining einmal alle Regeln beiseitelassen und die Gruppe auffordern, neue Regeln festzulegen, wie man sich besser und fairer verhält. Das wäre ein kleiner Beitrag – und den kann jede internationale Begegnung leisten.

Einen Beitrag zur Demokratiebildung zu leisten, muss also nicht bedeuten, immer die großen politischen Themen in den Mittelpunkt einer Begegnung zu stellen. Aber es bedeutet, sich als Träger, Teamerin oder Teamer bewusst als demokratiebildende/r Akteur/in zu verstehen. Und es kann bedeuten, sich gegebenenfalls entsprechend zu qualifizieren, um zu verstehen, was es heißt, Demokratie als Lebens, Gesellschafts- und Herrschaftsform zu vermitteln.

Vielen Dank.

Die Nachfragen einer Lehrerin und Organisatorin deutsch-polnischer Austausche an einem Gymnasium betrafen (a) den Spill-Over-Effekt sowie (b) die Auseinandersetzung mit problematischen Äußerungen in der Demokratiebildung.

(a) Die Untersuchung zum Spill-Over-Effekt kommt aus der wissenschaftlichen Forschung zu Service Learning. Ich möchte an dieser Stelle nur den Hinweis geben, dass sich diese beabsichtigten Effekte nicht automatisch in Gänze ergeben, sie aber leicht herzustellen sind, etwa indem man die individuellen Erfahrungen bei einer Begegnung reflektiert, sie gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bewusst macht und einen Transfer in das gesellschaftliche, politische und demokratische Feld herstellt.

(b) Bei aller Sensibilität in internationalen Kontexten haben wir alle ein gemeinsames Fundament: die Grund- und Menschenrechte. Und diese würde ich nicht zur Disposition stellen. Darüber würde ich mit dem Gegenüber gern ins Gespräch kommen. Und wenn wir über Asyl und Humanität sprechen, und wenn wir das Wort Menschenrechte in den Mund nehmen, dann sollte das nicht nur irgendwelche fernen Länder betreffen. Wir reden dabei über die Grundfeste von Demokratien, und dies sind auch die Grundfesten aller Länder, mit denen wir internationale Begegnungen betreiben.

 

Ulrich Ballhausen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Didaktik der Demokratie der Leibniz Universität Hannover

Literaturhinweise

 

Ballhausen, Ulrich/Friesenhahn, Günter J. (2003): Grundverständnis internationaler Jugendarbeit. Beschlusstext der Teilnehmer/innen der Konferenz „Kampagne für Internationale Jugendarbeit“. Weimar, 6.-7. Mai 2003. Weimar.

Negt, Oskar (2010): Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform. Göttingen.

IJAB/Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e. V. (2104) (Hrsg.): Politische Dimension der Internationalen Jugendarbeit. Bonn (Download)

Appell "Europa jetzt!" (verfügbar auf der Website der TH Köln)

Tham, Barbara/ Otten, Hendrik (2010f): Unter der Lupe, Studien zum Programm Erasmus+/Jugend in Aktion

Thomas, Alexander/ Abt, Heike/ Chang, Celine (Hrsg.) (2006): Internationale Jugendbegegnungen als Lern- und Entwicklungschance. Erkenntnisse und Empfehlungen aus der Studie „Langzeitwirkungen der Teilnahme an internationalen Jugendaustauschprogrammen auf die Persönlichkeitsentwicklung“, Studien zum Forscher-Praktiker-Dialog Bd. 4, Thomas-Morus-Akademie, Bensberg

Widmaier, Benedikt: Internationale Jugendarbeit und non-formale politische Bildung, in: Böttger, Gottfried/ Frech, Siegfried/ Thimmel, Andreas (Hrsg.) (2016): Politische Dimensionen internationaler Begegnungen, Schwalbach/Ts., S. 48

Kontakt