„An der Werkbank braucht es keine Worte"

Nachgefragt bei
Kristin Bischoff
Gemeinsames Lernen und Arbeiten beim Berufsschüleraustausch Pforzheim-Irkutsk

Internationale Austausche an Berufsschulen sind eine Seltenheit – doch sie bieten auch viele Chancen, etwa das gemeinsame praktische Arbeiten im eigenen Fachbereich. Die Eberhard-Schöck-Stiftung engagiert sich für Völkerverständigung mit den Ländern Mittel- und Osteuropas – und der Modernisierung der Ausbildung von bauhandwerklichen Berufen. Im Interview erzählt Projektleiterin Kristin Bischoff über Erfahrungen und Perspektiven für den deutsch-russischen Berufsschulaustausch.

 

Frau Bischoff, seit 2000 engagiert sich die Eberhard-Schöck-Stiftung für den deutsch-russischen Berufsschulaustausch. Worin liegen die Besonderheiten in diesem Bereich?

Kristin Bischoff, Projektleiterin der Eberhard-Schöck-Stiftung in Baden-Baden

Kristin Bischoff: Ganz klar im gemeinsamen produktiven Arbeiten an einem Projekt, das über den Austausch hinaus Bestand hat. Im deutsch-russischen Tandem an der Werkbank braucht es oft keine Worte, die jungen Leute sind vom Fach, wissen, was zu tun ist, helfen sich gegenseitig und lernen gemeinsam bei dem, was sie tun. Häufig sind es Projekte, die am Ende einem gemeinnützigen Zweck oder auch der Schule selbst dienen und allen Schülerinnen und Schülern zugutekommen: z. B. Betten für einen Kinderhort, Regale für eine Jugendeinrichtung, ein Pavillon für den Schulhof, die Wandgestaltung der Schulmensa. Ein solches zusammen geschaffenes Ergebnis verbindet natürlich.

Wie ist das Programm für einen Berufsschüleraustausch bei der Eberhard-Schöck-Stiftung gewöhnlich aufgebaut?

Zunächst gibt es vorbereitende gegenseitige Besuche von Mitgliedern der Schulleitung, Ausbilderinnen und Ausbildern. Damit beide Seiten sich vorstellen können, aus welcher Lebensumgebung die Gäste kommen. Das Programm selbst beinhaltet dann neben der täglichen Arbeit, die den Hauptanteil ausmacht, auch offizielle Termine, wie z. B. einen Empfang bei der Stadt. Aber natürlich gibt es auch gemeinsame Unternehmungen wie Fachexkursionen zu Firmen und Ausstellungen, landeskundliche Ausflüge in regionaltypische Museen, gemeinsamen Sport, den Besuch kultureller Veranstaltungen von Eishockeyspielen bis Ballett, gemeinsames Kochen – wichtig ist hier, nicht nur die Wünsche der Schülerinnen und Schüler einzubeziehen, sondern die Gastgebenden  aktiv an der Gestaltung des Rahmenprogramms zu beteiligen. Der Kreativität der Jugendlichen sind hier (fast) keine Grenzen gesetzt.

Da die Gäste auf beiden Seiten in der Regel nicht in Gastfamilien, sondern in Gemeinschaftsunterkünften wohnen, muss das Freizeitprogramm entsprechend umfangreich und vielseitig organisiert werden. Das ist durchaus aufwendig, macht den Jugendlichen aber viel Freude.

Inwieweit ist Ihre Stiftung in die Projektplanung und -durchführung eingebunden?

Die Projektplanung und Durchführung überlassen wir weitgehend den beteiligten Schulen. Sie sind die Experten und wissen um ihre Möglichkeiten am besten. Sie bilden auch die Schnittstelle zu den Betrieben, wenn es um Freistellungen, Einbindung von Gästen etc. geht.

Wir stehen aber in der Vorbereitungsphase, in der es in der Regel viele Fragen gibt, immer mit Rat und Tat zur Seite. Unsere Erfahrung ist, dass der Beratungsbedarf sehr unterschiedlich ist, die Schulen aber sehr dankbar sind, in uns einen verlässlichen und inzwischen erfahrenen Ansprechpartner zu haben.

Die gemeinsame Arbeit steht im Mittelpunkt. Teilnehmer am Berufsschüleraustausch Jekaterinburg-Augsburg

Warum haben Sie sich ausgerechnet für Berufsschüler*innen als Zielgruppe Ihrer Austauschprogramme entschieden?

Unsere Stiftung wurde vom Bauingenieur und Unternehmer Eberhard Schöck gegründet, sie engagiert sich seit 1992 für Völkerverständigung mit den Ländern Mittel- und Osteuropas. Die Stiftung möchte mit der Modernisierung der Ausbildung von bauhandwerklichen Berufen nach europäischen Standards junge Menschen fördern und das Handwerk in Georgien, Moldau, Russland und der Ukraine stärken.  

Für die Auszubildenden in unseren Projekten, aber auch an anderen Schulen eine zusätzliche Erfahrung anzubieten lag irgendwann auf der Hand. Hinzu kommt, dass unser völkerverbindender Ansatz in diesem Fall eine gesellschaftliche Gruppe erreicht, die selten solche Erfahrungen machen kann, insbesondere in Osteuropa. Das wollten wir ändern und hier für einen Ausgleich sorgen. Die Beziehungen zwischen den Menschen in Ost und West sollten auf einer breiten Basis entwickelt und gepflegt werden.

Freuen sich über das gemeinsame Werk - Zimmerleute aus Pforzheim und Irkutsk

Wie werden die Begegnungen im Berufsschüleraustauch finanziert?

Die deutsche Seite hat über die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch sehr gute Unterstützungsmöglichkeiten. Diese nehmen die Schulen auch wenn möglich in Anspruch. Da die russischen Schulen solche Möglichkeiten nicht haben, übernehmen wir in der Regel die Reisekosten für die russischen Gruppen, zusätzlich auch ein Taschengeld für die Lehrkräfte. 

Die Berufsschulen in Russland erfüllen auch eine wichtige soziale Funktion. Sie bieten Waisen und anderen sozial benachteiligten Jugendlichen nicht nur Ausbildungsmöglichkeiten, sondern auch ein Zuhause und eine sozialpädagogische Betreuung. Wir wollen unabhängig vom Geldbeutel der Eltern oder von der finanziellen Ausstattung der Schule allen Schülerinnen und Schülern die Teilnahme ermöglichen. Beim Besuch der deutschen Auszubildenden in Russland übernehmen wir das, was die russischen Schulen selbst nicht schultern können. Das ist von Projekt zu Projekt ganz unterschiedlich.

Gemeinsames Lernen und Arbeiten beim Berufsschüleraustausch Pforzheim-Irkutsk

Welche Pläne gibt es für die Zukunft?

In der Zukunft wollen wir vor allem den Berufsschüleraustausch auch für andere Länder ermöglichen. Dabei denken wir zweigleisig: Viele Berufsschulen in Osteuropa wünschen sich Austauschmöglichkeiten mit Deutschland. Hier suchen wir Berufsschulen, die an solchen Partnerschaften Interesse haben. Aber auch den innerosteuropäischen Austausch wollen wir fördern, etwa zwischen der Ukraine und der Republik Moldau. Dieser muss nicht so viele organisatorische und finanzielle Hürden nehmen und bringt den Jugendlichen dennoch viele Erfahrungsmöglichkeiten. Die Beziehungen der osteuropäischen Nachbarn untereinander zu stärken sehen wir außerdem als wichtigen Beitrag zu Stabilität und Frieden.

Bis wieder neue Partnerschaften aufgenommen werden können, versuchen wir in der aktuellen Situation der Pandemie, mit digitalen Formaten zur Projektvorbereitung und zum Erfahrungsaustausch das Leben in den Beziehungen aufrecht zu erhalten. Im stark auf die praktische Zusammenarbeit ausgerichteten Berufsschülerbereich ist das allerdings eine wirkliche Herausforderung. Hier tüfteln wir gerade an kreativen Lösungen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Christine Bertschi.