„Die Kinder würden nun gerne Französisch lernen“

Nachgefragt bei
Heike Meyer
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„Schulaustausch von Anfang an“ heißt die Fortbildung vom Deutsch-Französischen Jugendwerk, die zum Austausch zwischen der Grundschule Reinsfeld in Rheinland-Pfalz, der Grundschule am Urselbach im Taunus und der Ecole Primaire Marcel Aymé in Joigny in Frankreich geführt hat. Die Grundschullehrerin Heike Meyer aus Reinsfeld erzählt, wie es von der Fortbildung zur ersten Drittortbegegnung kam.

Teil 3 unserer kleinen Serie zum Thema Grundschulaustausch. Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2, weitere Interviews folgen!

Frau Meyer, warum soll, Ihrer Meinung nach, internationaler Austausch schon in der Grundschule stattfinden?

Heike Meyer

Heike Meyer: Austausch im Grundschulalter ist hier in der Region gar nicht so selten. Durch das Landesprogramm „Lerne die Sprache des Nachbarn“ mit dem Ziel der intensiveren Vermittlung von französischer Sprache und Kultur in Kindertagesstätten setzt der Austausch oft sogar noch früher an.

Die Kinder sind noch offen, wenn sie positive Erfahrungen machen, sind sie ganz anders motiviert die Sprache zu lernen, sie nehmen eine positive Haltung gegenüber den Nachbarn ein. Vielleicht kommt auch meine persönliche Einstellung und Frankreich-Affinität daher: Ich selbst war im Grundschulalter bei einem Austausch in unserem französischen Partnerdorf.

Grundstein für Ihre Austauschbegegnung war die Fortbildung „Schulaustausch von Anfang an“ des Deutsch-Französischen Jugendwerks, die sich an Lehrkräfte von Schüler*innen unter 12 Jahren richtet. Mit welchen Erwartungen haben Sie daran teilgenommen?

Durch ältere Erasmus+ und Comenius-Projekte an unserer Schule bekomme ich Newsletter vom Pädagogischen Austauschdienst PAD. Dort wurde diese Fortbildung angekündigt, und da ich französischaffin bin, habe ich mich angemeldet. Denn ich fand es immer schade, dass wir so nahe an Frankreich und Luxemburg sind, jedoch keine Partnerschule haben. Grund dafür, dass es bis dahin keinen Austausch gab, war folgender: Ohne Französisch-Vorkenntnisse bei den Schüler*innen schien es schwierig, eine Förderung zu bekommen. Und eine Französisch-AG zu errichten scheiterte stets daran, dass keine Stunden dafür zur Verfügung standen.

Die Fortbildung war im Februar 2019, bereits im Dezember fand die erste Begegnung statt. Welche Schritte lagen dazwischen?

Die Idee der Fortbildung war, dass sich Lehrkräfte kennenlernen und zusammentun. Bedingt durch die geographische Lage und die Altersklasse der Schüler*innen ergab sich bei uns eine Dreiergruppe: Die Grundschule Reinsfeld in Rheinland-Pfalz und die Grundschule am Urselbach im Taunus auf deutscher Seite, und aus Frankreich die Ecole Primaire Marcel Aymé in Joigny, in der Region Bourgogne.

So haben wir direkt während der Fortbildung ein erstes Konzept entworfen und sogar schon bei der Jugendherberge angerufen und unseren Wunschzeitraum reserviert. Wieder zuhause, haben wir an unseren Schulen den Plan vorgestellt sowie die Kinder und Eltern mit ins Boot geholt. Virtuell haben wir Organisatorinnen rege kommuniziert, an unserer Schule habe ich mit dem Schulelternbeirat und dem Elternverein eine zusätzliche Finanzierung abgesprochen.

Um das Projekt an meiner Schule anzustoßen und den Aufwand verhältnismäßig gering zu halten, sollte zur ersten Begegnung meine eigene Klasse fahren. Da meine Schüler*innen damals erst die zweite Klasse besuchten, war klar: die Begegnung muss hier in der Nähe stattfinden. Damit die Eltern, sollte das Heimweh zu groß werden, ihre Kinder abholen könnten. Dies war auch für die Eltern beruhigend. Um die französischen Kinder braucht man sich diesbezüglich weniger Sorgen zu machen, die sind anders gestrickt, sie sind es gewohnt auch mal in der Krippe zu übernachten.

Die zukünftigen Begegnungen sollen an unserer Schule allen Grundschüler*innen offenstehen. In die Vogesen, wo dieses Jahr im Mai eigentlich unsere zweite Begegnung hätte stattfinden sollen, wären eher die älteren Kinder gefahren, da dies mit über vier Stunden Fahrt verbunden ist.

Bei der Fortbildung wurde uns auch direkt kommuniziert, dass wir gute Chancen auf eine Förderung vom DFJW haben. Letztlich mussten die Eltern nur einen zweistelligen Beitrag bezahlen für die fünftägige Fahrt.

Warum haben Sie sich für eine Drittortbegegnung und nicht Besuch-Gegenbesuch entschieden? Worin liegen die Vor- und Nachteile, gerade bei jüngeren Kindern?

Ich persönlich würde mich jederzeit wieder für einen Drittort entscheiden! Besuch-Gegenbesuch bietet sich an, wenn man in Familien geht. Was ich aber oft von Kolleg*innen höre: es werde je länger je schwieriger, Kinder zu finden, die sich fünf Tage auf eine fremde Familie und eine fremde Sprache einlassen wollen.

Ein weiterer Vorzug eines Drittorts: Keiner hat einen Heimvorteil, für jede*n ist es etwas Neues – dies beeinflusst die Gruppendynamik.

Die Jugendherberge in Tholey liegt nur knappe 40 Kilometer von Reinsfeld entfernt. Die An- und Abreise konnte deshalb mit Privat-PKWs der Eltern erfolgen. Und auch zu den nahegelegenen Weihnachtsmärkten begleiteten uns Eltern, anders wäre die Betreuung schwierig gewesen.

Aus Deutschland haben zwei Schulen unterschiedlicher Jahrgangsstufen an dem Austausch teilgenommen, aus Frankreich jedoch nur eine Schule. Hat sich diese Konstellation bewährt?

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Es hat gut funktioniert! Aus Joigny sind es aus zwei Klassen jeweils 15 Kinder, aus Deutschland von jeder Schule 15 Kinder. Meine Vermutung war, dass es für uns als kleine Schule schwierig wird, ausreichend Kinder zusammenzubekommen und wir mit unserem französischen Austauschpartner diesbezüglich nicht „mithalten“ können – schließlich sind in meiner Klasse nur 15 Kinder. Für den Rücktausch hatte ich das Luxusproblem von 38 Interessent*innen aus unserer Schule! Selbst meine "Kleinen" wollten mitfahren, womit ich niemals gerechnet hätte. Das zeigt auch noch einmal, welch positive Erfahrung der Austausch gewesen sein muss. Denn da waren sogar Kinder interessiert, die auf der Fahrt in die Nähe leichtes Heimweh hatten.      

Natürlich ist der Organisationsaufwand ein bisschen größer, wenn man zu dritt ist. Aber es gibt auch viele Vorteile: Für die Fahrt in die Vogesen, zur zweiten Begegnung, hätte sich die Hessische Schule mit uns einen Reisebus geteilt.

Bezüglich des Altersunterschieds war ich skeptisch – immerhin waren meine jüngsten Schüler*innen erst 7 Jahre alt, die ältesten der beiden anderen Schulen schon 11 Jahre. Aber es hat erstaunlich gut geklappt. Diskussionen gab es eher unter Gleichaltrigen.

Wie haben Sie Kinder und Eltern überzeugt von Ihrem Vorhaben, und wie lief die Vorbereitung?

Das Überzeugen der Kinder und Eltern ging erstaunlich gut. Ich hätte nicht gedacht, dass alle mitfahren wollen, ich hätte mit Widerstand gerechnet. Beim Elternabend gab es gar keine kritischen Nachfragen. Der einzige Punkt, wo sie Bauchweh hatten: die Zimmeraufteilung. Denn wir wollten Kinder aus allen drei Schulen gemeinsam in einem Zimmer unterbringen. In der Praxis hat das auch sehr gut funktioniert. Obwohl die Aufteilung tatsächlich knifflig war, wir Lehrkräfte haben überlegt, wer mit wem harmonieren könnte, es waren ja auch große und kleine Kinder gemischt, jedoch sollten nicht mehrere Lebhafte in ein Zimmer… 

Als Vorbereitung haben wir Steckbriefe verfasst, ein bisschen Smalltalk auf Französisch geübt, die Kinder haben sich gegenseitig ihre Schulen vorgestellt usw. Eine AG gab es bei uns nicht, ich habe dies einfach in meinen Unterricht eingeflochten: etwa Packlisten schreiben im Deutsch-Unterricht.

Wie funktionierte die Verständigung unter den Kindern?

Mit Fremdsprachen, Sprachanimation, Dolmetschen, Händen und Füßen. Die französischen Kinder konnten zum Teil ein bisschen Deutsch und haben dies gerne angewendet. Wenn gar nichts mehr ging, wurde im Zweifelsfall eine Lehrkraft zu Rate gezogen. Oder auch ein Schüler aus Hessen, der zweisprachig ist.

Wir Lehrer*innen haben Sprachanimation vorbereitet, zum Thema Advent und Weihnachten. Wir haben deutsche und französische Weihnachtslieder gesungen, unser Musiklehrer aus Reinsfeld kam dafür dazu. Zudem haben die französischen Kolleginnen zweisprachige Sprachspiele vorbereitet, aus dem Fundus des DFJW. Und auch das Kennenlernspiel, das wir bei der Fortbildung selbst gespielt haben, kam zum Einsatz. Die französischen Kinder haben sich auch sehr gefreut, die deutschen Lieder vorzusingen, die sie zuhause vorbereitet haben.

Bei der Durchmischung haben wir generell etwas gelenkt: beim Abendessen sollten zum Beispiel nicht nur Deutsche an einem Tisch zusammensitzen, und auch die Bastelgruppen waren gemischt. Nur bei den Führungen haben wir die Sprachen getrennt. 

Der Austausch hat Interesse am Französisch-Unterricht geweckt. Die Kinder würden nun gerne Französisch lernen. Eine Französisch-AG als Vorbereitung für die Vogesen wurde gegründet, der Zulauf war enorm, das hing mit dem Austausch zusammen. Und zwar nicht mit dem Bevorstehenden, denn die Teilnahme an der AG wäre keine Voraussetzung gewesen. Im Gegensatz zu Hessen: da die Schule dort größer ist und sie ein Auswahlkriterium brauchen, darf nur mit, wer die AG besucht.

Fünf gemeinsame Tage verbrachten die Kinder – was stand auf dem Programm und wer hat sich um die Inhalte gekümmert? 

Kollegium in Reinsfeld

Vorbereitet haben wir das Programm gemeinsam. Zwei französische Lehrerinnen kamen hierher zu Besuch, wir haben alle Programmpunkte abgefahren.

Unser Thema war Advent und Weihnachten, denn die Begegnung fand im Dezember statt. Wir haben zwei Weihnachtsmärkte besucht, eine deutsch-französische Führung im Landesmuseum in Trier bekommen und eine Stadttour, die leider buchstäblich ins Wasser gefallen ist, so verregnet war es. In der Jugendherberge haben wir Sprachanimationen durchgeführt und verschiedene Stationen mit Bastelarbeiten vorbereitet. So konnten wir Brauchtum rund um Weihnachten vermitteln, sogar der Nikolaus kam uns besuchen. Und nicht zu vergessen der Besuch auf dem Schaumbergturm in Tholey, der eine deutsch-französische Begegnungsstätte ist und bei unserem Besuch gerade eine Ausstellung zu Klimawandel und Nachhaltigkeit zeigte.

Fünf Tage finde ich persönlich sehr lang für Grundschüler*innen. Da kürzere Aufenthalte jedoch nicht den Förderrichtlinien entsprochen hätten, haben wir es gewagt und es hat auch sehr gut geklappt. Organisatorisch ist dies aber an einer kleinen Schule wie unserer sehr schwierig. Wenn – wie letzten Winter – meine Klasse mit mir und der Referendarin für eine Woche weg sind, ist das nicht schlimm. Wenn aber eine gemischte Gruppe und zwei Lehrkräfte fehlen, wird es kompliziert.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Christine Bertschi.