„Wer einmal angefangen hat, macht auch weiter“

Nachgefragt bei
Lenka Uschold
Auf der linken Seite befinden sich Schüler*innen aus der tschechischen Schule Plesna, mit Lehrerin Hanka Hirmanova. Auf der rechten Seite sind die Schüler*innen aus der Markus-Gottwalt-Schule Eschenbach, zusammen mit Lenka Uschold abgebildet.

Internationale Begegnungen ab der 1. Klasse in der Grundschule – ja sogar schon im Kindergarten. Möglich macht dies in der Oberpfalz die geographische Nähe zu Tschechien, und besonders erfolgreich wird es durch den Einsatz von Sprachanimation. Lenka Uschold ist Fachlehrerin für Tschechisch sowie Sprachanimateurin, sie leitet an fünf Schulen die Tschechisch-AG und betreut die deutsch-tschechischen Partnerschaften mit dazugehörender Austauschfahrt.

Teil 1 unserer kleinen Serie zum Thema Grundschulaustausch. Weitere Interviews folgen!

 

Wie alt sind die Kinder, mit denen Sie Sprachanimationen machen oder die an einem Ihrer Austausche teilnehmen?

Lenka Uschold

Lenka Uschold: Die Grundschulkinder sind ab der 1. Klasse dabei, und im Kindergarten die Vorschüler*innen, also ab dem 5. Lebensjahr. Ein wichtiges Argument dafür, so früh anzufangen, ist: Wer einmal angefangen hat, macht auch weiter! Wenn die Motivation stimmt und die Vorarbeit geschafft ist, fällt die Fortsetzung nicht schwer. Das sehe ich schon beim Übergang zwischen Kindergarten und Schule: Ich bekomme viele Anmeldungen von Kindern, die schon im Kindergarten dabei waren.

Welche Rolle spielen Fremdsprachen für den Austausch im Grundschulalter?

Auf jeden Fall eine große Rolle. Die Kinder werden vorab mithilfe von Sprachanimation für die Sprache sensibilisiert, sie lernen den Klang kennen. Auch wenn sie beim Austausch natürlich nicht alles verstehen, ist ihnen die Sprache dann nicht mehr ganz fremd. Wenn sie beim Austausch mit ihren Fremdsprachkenntnissen am Ende sind, verständigen sie sich einfach ohne Sprache, oder jede*r in seiner.  

Ideal ist natürlich, wenn beide Seiten mit Sprachanimation auf die Sprache des Partnerlands vorbereitet werden. Das ist bei meinen Grundschul-Austauschen leider nicht der Fall, in den Kindergärten hingegen können beide Seiten Sprachanimation über die Förderprogramme „Von klein auf“ bzw. „Odmalička“ bezahlt bekommen.

In der Sprachanimation kommt zum Beispiel folgendes Farbenspiel zum Einsatz: „Čáp ztratil čepičku, měla barvu barvičku...“, das heißt übersetzt: „Der Storch hat die Mütze verloren, die hat die Farbe … gehabt.“ Die Lehrerin sagt diesen tschechischen Reim auf und zum Schluss eine beliebige Farbe – auf Tschechisch – von der Mütze. Die Schüler*innen bewegen sich im Klassenzimmer, KiTa- Raum oder draußen. Sie müssen die angesagte Farbe suchen bzw. berühren. Danach kommt die nächste Farbe…

Sie sind Fachlehrerin für Tschechisch in Grundschulen und Sprachanimateurin in Kitas. Wie sieht Ihr Berufsalltag aus?

Der Tschechisch-Unterricht findet im Rahmen von AGs statt, freiwillig. Je nachdem wie viele Kinder sich für die AG anmelden, gibt es ein, zwei oder drei Stunden die Woche. So arbeite ich an fünf Schulen. Im Idealfall gibt es pro Schule je eine Stunde für die Erst- und Zweitklässler*innen gemeinsam, für die Dritt- und Viertklässler*innen gemeinsam sowie für die Hauptschüler*innen. Im Extremfall jedoch lernt eine Viertklässlerin, die die Tschechisch-AG seit Beginn ihrer Vorschul- und Schulkarriere belegt, gemeinsam mit einem Erstklässler, der noch nie etwas von Tschechisch gehört hat.

Ich muss das Beste daraus machen: differenzieren, verschiedene Materialien einsetzen, denn alle wollen gefördert und gefordert werden. Aber natürlich wäre es wünschenswert, wenn in den Grenzregionen mehr Mittel für den Fremdsprachunterricht da wären.  

Es geht darum, den Kindern die Sprache schmackhaft zu machen. Nicht zuletzt in meinem eigenen Interesse: Die Schulen schließen mit mir nur Jahresverträge ab.

Wie kamen Sie dazu?

Vor 12 Jahren habe ich an einer Schule – auf Wunsch von Eltern, die bei mir angefragt haben – als Selbstständige angefangen zu unterrichten. An einer anderen Schule habe ich mich beim Schulleiter vorgestellt und meine Dienste angeboten. Dieser hatte schon zwei Partnerschaften mit Schulen in Tschechien, aber keine Tschechisch-Lehrerin. Ich habe mich dem Elternbeirat vorgestellt, danach wurden Anmeldungen verteilt und ich habe auch an dieser Schule angefangen.

Es hat fünf Jahre gedauert, bis offiziell über das Schulamt, bzw. über die Regierung der Oberpfalz, zwei Unterrichtstunden für die AG Tschechisch an den jeweiligen Schulen zugeteilt wurden. Diese muss die Schulleitung jedes Jahr beantragen. Ab dem Zeitpunkt wurde ich bei den Schulämtern registriert und bei Bedarf auch an anderen Schulen zugeteilt.

Gleichzeitig habe ich bei Tandem, dem Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch, an einigen Fortbildungen teilgenommen. Ich wurde ausgebildet für grenzüberschreitende Projekte und arbeite seit September 2012 als Honorarkraft für diese Organisation und habe mehrere Projekte im Vor- und Grundschulbereich durchgeführt.

Zwei deutsche Kitas habe ich mit zwei Kindergärten in Tschechien zusammengeführt. Bei der einen besteht nun schon seit Oktober 2014 diese Partnerschaft und bei der anderen seit Mai 2019.

Im Grundschulalter sich an eine Fremdsprache ranzutasten ist schon eine Leistung für sich – warum belassen Sie es nicht bei der AG im vertrauten Rahmen der Schule, sondern fahren mit den Kindern ins Nachbarland?

Von den fünf Schulen, an denen ich unterrichte, gibt es an dreien einen Austausch. Dort gilt: Nur wer die AG besucht, darf auch an dem Austausch mit einer tschechischen Partnerschule teilnehmen. An den anderen beiden ist die Motivation und Anzahl der Kinder deutlich geringer. Die Beteiligten – Kinder, Eltern, Lehrkräfte – werden offener und interessierter, wenn man Partnerschulen und Austausch hat.

An den drei Schulen sind Sie verantwortlich für den Austausch. Welche Entfernungen und Formate kommen infrage?

Wir führen mit den Kindern eintägige Austausch-Fahrten durch. Dadurch darf die Fahrtzeit mit dem Bus eine oder anderthalb Stunden nicht überschreiten, sodass wir gegen 9:30 Uhr an der Partnerschule ankommen. Das Programm stellt jeweils die Gastschule zusammen: Sprachspiele, Singen, Turnen, unterschiedliche Stationen. Nach einem gemeinsamen Mittagessen geht es wieder nach Hause. Einmal pro Jahr fahren die deutschen Kinder nach Tschechien, und einmal bekommen sie Besuch von den tschechischen Kindern. Und sie freuen sich jedes Mal riesig darauf!

Die eintägigen Fahrten lassen sich auch gut finanzieren: Vom Bayerischen Jugendring bekommt jede interessierte Schule über ein Förderprogramm dafür 500 Euro pro Jahr, das reicht für die Buskosten. Und das Mittagessen übernimmt der jeweilige Bürgermeister.

Im Kindergarten waren die Eltern erst auch gegen eine eintägige Fahrt. Viele hatten Angst. Sie konnten sich nicht vorstellen, wie sowas abläuft und was die Kinder im Nachbarland erwartet, teilweise durch Vorurteile, bis hin zu: „In Tschechien wird man beklaut, dort klauen sie auch unsere Kinder…“ Daraufhin haben wir beschlossen, dass pro Kind ein Elternteil mitfahren darf. Für das gemeinsame Kennenlernen organisieren wir jeweils eine kleine Wanderung, ein Grillfest, oder auch einfach freies Spiel für die Kinder. Und siehe da, die Eltern sind begeistert!  

Damit haben wir ein wichtiges Ziel erreicht: Wir wollen auch mit den Vorurteilen der Eltern aufräumen, Vorurteile kommen schließlich nicht von den Kindern!  

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Christine Bertschi.