„Von Schoolovision ausgehend kann man den ganzen Unterricht gestalten“

Nachgefragt bei
Steffen Töppler
Schoolovision Jubiläumsjahr

Im Stil des Eurovision Song Contests führt Schoolovision jährlich hunderte von Grundschulkindern aus zahlreichen Ländern in einem musikalischen Wettbewerb zusammen. Über das Musik- und Videoprojekt bei eTwinning erzählt uns Steffen Töppler von der Freien Schule Kassel.

Teil 5 unserer kleinen Serie zum Thema Grundschulaustausch, weitere Interviews folgen! Hier geht es zu den bereits erschienenen Interviews und weiteren Materialien.

Herr Töppler, wer kam auf die Idee von Schoolovision?

Steffen Töppler, auf dem Europatag in Breslau

Steffen Töppler: Die Idee kommt von unserem schottischen Partner Michael Purves: er saß damals mit seiner Frau aus St. Petersburg in der Küche und hat ihr von der Idee erzählt, dass Schulklassen mit eigenen Liedern miteinander in Kontakt und gegeneinander antreten könnten. „Wie beim Eurovision Song Contest?“, fragte sie, und so war der Rahmen und bald auch der Name gegeben.

Entsprechend kann pro Land nur eine Schule teilnehmen. Wie finden Sie diese in ganz Europa, und was sind das für Schulen?

Es ist ein eTwinning-Projekt. Über die Plattform können Partner gefunden und Initiativen aufgebaut werden. So vernetzen wir uns mit Schulen in ganz Europa. Am Anfang war ich mit dem schottischen Partner gemeinsam für die Administration des Projekts zuständig, zwischenzeitlich habe ich sie ganz von ihm übernommen und leite das Projekt seitdem zusammen mit dem polnischen Partner Marek Fularz.

30 Grundschulen waren dieses Jahr dabei. Wir haben einen stabilen Stamm, die meisten sind über viele Jahre dabei. In meinen Netzwerken, auf Kongressen und immer, wenn ich irgendwo bin, erzähle ich natürlich über Schoolovision, und so kommen auch neue Partnerschulen und neue Partnerländer dazu.

Unsere Schulen sind sehr unterschiedlich: einige haben einen ausgeprägten musikalischen Schwerpunkt – Island zum Beispiel. Dort, an der Flataskóli, gibt es einen schulinternen Contest namens Flatovision. Die Sieger dürfen dann an Schoolovision teilnehmen. Ich selbst bin einfach musikalisch interessiert. Jede Schule hat komplett unterschiedliche Voraussetzungen: unsere ganz kleine Partnerschule auf Lesbos zum Beispiel filmt mit Handys und schnippelt die Filme selbst.

Was lernen die Kinder durch Schoolovision über Europa?

Sprachen, Kultur, Traditionen, Bräuche – durch die Lieder und die Videos wird sehr viel vermittelt. Zum Beispiel sehen die Kinder, dass in England Schuluniformen getragen werden. Oder sie bestaunen im Hintergrund der Videos die hypermoderne Schule in Tallinn, generell die Einrichtung der Klassenräume in anderen Ländern. Zudem lernen sie neue Musikinstrumente kennen, hören die erstaunlich dunklen Stimmen der Mädchen in Georgien und den Profi-Chor der ukrainischen Partner. Das war für meine Schüler*innen auch sehr spannend: die ukrainischen Kinder treten in Trachten auf, sind sehr diszipliniert, und mit welchem Stolz und nationalem Bewusstsein sie ihre Fahnen schwingen!

Für Israel haben eine arabische und eine jüdische Schule mit einem gemeinsamen Beitrag teilgenommen. Was für ein Zeichen dies setzt, dessen sind wir Lehrkräfte uns natürlich bewusst, und wir versuchen das auch unseren Schüler*innen zu vermitteln.

Zudem sehen die Kinder auch, dass manche Themen in anderen Ländern genauso wichtig und aktuell sind wie bei uns, zum Beispiel Umweltschutz.

Wie ist das denn im Klassenzimmer – schaut man sich zusammen das Video der Ukraine an und guckt dann auf der Karte, wo das Land liegt? Wie betten Sie Schoolovision in den Unterricht ein?

Ja, wir schlagen auch öfter mal zusammen den Atlas auf. Mein polnischer Kollege meinte: Von Schoolovision ausgehend kann man den ganzen Unterricht gestalten. Zum Beispiel schreiben die Kinder unter die Videos Kommentare – auf Englisch. Natürlich wird getanzt und gesungen, Medienerziehung spielt ebenfalls eine Rolle, und Deutsch beim Verfassen der Liedtexte.

Dieses Jahr haben wir in Kassel das Schoolovision-Projekt im Rahmen einer Projektwoche durchgeführt. Die Kinder der 1. bis 6. Klasse haben sich eingewählt und zusammen darüber gesprochen, welche Musikrichtung diesmal zum Zuge kommen soll. Sie haben am PC Beats erstellt, den Text geschrieben und zusammen darüber nachgedacht, welche Spielszenen für das Video aufgenommen werden sollten.

In manchen Jahren sind es bei uns aber auch Klassenverbände, die teilnehmen. So oder so: Schoolovision involviert durch die Begeisterung für Musik und die große Tragweite der internationalen Kooperation schon seit jeher die ganze Schulgemeinde.

Die Kinder lernen dabei, miteinander zu kooperieren, Arbeitsabläufe zu gestalten, Rollen zu verhandeln, Arbeitsteilung vorzunehmen und dabei Erfolge zu feiern und Misserfolge zu bewältigen.

Digitalisierung ist ein großes Thema, gerade durch Corona. Welche Entwicklungen hat Schoolovision in seinen 12 Jahren durchlaufen?

Wenn wir uns jetzt die Videos vom ersten Jahrgang anschauen, stellen wir große Fortschritte in der Filmqualität fest. In den aktuelleren Videos kommen die allerneusten technischen Entwicklungen zum Einsatz: 3D-Effekte, Drohnenaufnahmen… Andererseits ist es uns auch sehr wichtig, die Schüler*innen zu involvieren. Ich bin eher dafür, dass die Kinder selbst mit Handys drehen, also eine Inhouse-Produktion. In Polen schneiden die Kinder das Video auch selbst. Island hat letztes Jahr mit einem Beitrag teilgenommen, den vier Mädchen komplett selbst gemacht haben – es war nicht perfekt, aber sehr unterhaltsam und hat einen Spitzenplatz erreicht.

Der Umgang mit Handys ist heute selbstverständlicher, vielleicht auch ein eigener YouTube-Kanal oder ein Instagram-Account, wo ratzfatz alles gepostet wird. Es sind Kinder bis 12 Jahre, die bei Schoolovision mitmachen. Da fängt das erst an. Singen und Tanzen vor der Kamera haben die Kinder aber schon immer gerne gemacht.

Corona stellte auch Schoolovision vor Herausforderungen – wie haben Sie sie gemeistert?

Anders als der große Bruder wurde unser Projekt nicht von Corona in die Knie gezwungen. 10 der ursprünglich 30 Partner haben allen Schwierigkeiten zum Trotz Schoolovision auch im 12. Jahr des Bestehens zu etwas ganz Besonderem gemacht. Schottland zum Beispiel: die Choraufnahme war schon vor der Schulschließung fertig. Die Eltern haben dann zuhause ihre Kinder gefilmt. Oder Polen: deren Video wurde diesmal komplett zuhause und per Videokonferenz sowie unter Einbeziehung digitaler Lernmedien erstellt.

Wir in Deutschland mussten wegen der Schulschließungen unsere Arbeit mitten in den Video- und Audio-Aufnahmen unterbrechen. Nach Wochen des Online-Unterrichts wurde klar, dass wir vor der Upload-Deadline nicht mehr in die Schule zurückkehren würden. Deshalb wurden die letzten Szenen von den Kindern bei sich zu Hause gedreht.

Wie jedes Jahr haben die Partnerschulen dann ein Video von ihrer musikalischen Produktion auf die Webseite eingestellt, und alle konnten sich die Videos von zuhause aus ansehen. In einem Abstimmungsprozess erarbeiten sich alle Schulen eine Wertung mit Rangfolge für die Videos der Partnerschulen. Diese werden in einer gemeinsamen Live-Videokonferenz bekanntgegeben, was klassischerweise von den Kindern übernommen wird. Durch die Schulschließungen war dies in den meisten Ländern diesmal nicht möglich. Stattdessen wurde die Konferenz live auf YouTube gestreamt, sodass alle sie von Hause aus ansehen konnten.

Zum Jubiläum 2018 haben sich einige Partnerschulen in Kreisau getroffen. Wie haben Sie gefeiert? Gibt es in anderen Jahren ebenfalls Begegnungen im „real life“?

Schoolovision Jubiläumsjahr

Natürlich ist es immer ein Highlight, wenn man sich im echten Leben trifft. Eine Woche lang haben wir in Kreisau gefeiert, mit 100 Leuten, mit dabei waren fünfjährige Kinder aus Russland, Zwölfjährige aus der Ukraine. Außerdem waren noch Delegationen aus der Türkei, dem Baskenland, der Slowakei, Belgien und natürlich Deutschland und Polen dabei. Manche Lehrkräfte haben sich vorher schon privat oder auf Konferenzen getroffen, aber für die Schüler*innen war es das erste Mal. Wir hatten Auftritte auf dem Marktplatz in Breslau, es war gerade Europatag. So etwas soll es hoffentlich bald mal wieder geben – vielleicht zum 15-jährigen Bestehen von Schoolovision.

Außerdem wollen wir Schoolovision über Erasmus+ nun auch direkt auf Reisen schicken. Zu fünft mit unseren Partnern aus Polen, der Slowakei, Slowenien und Bulgarien haben wir das beantragt. Für zwei Jahre wollen wir in dieser Konstellation über die Online-Kooperation hinaus zusammenarbeiten und einander besuchen. Inhaltlich soll es an Schoolovision anknüpfen: Wir wollen Choreographien entwickeln, uns mit dem Filmschnitt vertraut machen und Lieder schreiben.

Mit Polen zusammen hatten wir auch schon ein bilaterales Projekt, gefördert vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk. Dabei ist unsere Schoolovision-Hymne „The Sky is the Limit“ entstanden. Zudem gibt es auch Überschneidungen zu anderen Projekten, etwa der European Chain Reaction. Dort sieht man sich dann wieder.

Wie soll es in den nächsten Jahren weitergehen mit Schoolovision?

Es soll immer weitergehen. Das Projekt ist für mich als Administrator echt anstrengend und erschöpfend: Team-Mails, Gestaltung der Projekt-Webseite, Erklärungen zum Upload der Videos… Ein herausragender Moment dabei ist, nach Wochen der Arbeit, das fertige Projekt zum ersten Mal online zu sehen. Doch es ist auch toll als internationale Lehrergemeinschaft. Und die Ergebnisse geben uns jedes Jahr neue Kraft und zeigen uns, dass sich der Einsatz lohnt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Christine Bertschi.

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