Bildungsbericht 2026: Bildungsungleichheiten im Blick – internationale Bildungserfahrungen noch nicht
Der Bildungsbericht 2026 nimmt soziale Bildungsungleichheiten umfassend in den Blick. Er untersucht, wie stark Herkunft, Ressourcen und institutionelle Bedingungen Bildungswege und Teilhabechancen prägen. Internationale Austausch- und Mobilitätserfahrungen spielen in dieser Betrachtung bislang jedoch kaum eine Rolle. Dabei stellt sich gerade mit Blick auf Bildungsgerechtigkeit die Frage, welche jungen Menschen Zugang zu solchen Bildungsgelegenheiten haben – und welche nicht.
Bildungschancen hängen weiterhin stark von sozialer Herkunft ab
Der nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2026“ gehört zu den zentralen regelmäßigen Veröffentlichungen zur Entwicklung des deutschen Bildungswesens. Alle zwei Jahre legt eine wissenschaftlich unabhängige Autor:innengruppe unter Federführung des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) eine indikatorengestützte Analyse vor – von der frühen Bildung über Schule und berufliche Bildung bis zu Hochschule und Weiterbildung.
Mit seinem Schwerpunkt auf Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft greift der Bericht 2026 eine der drängenden Herausforderungen des deutschen Bildungssystems auf. So wird im Schwerpunktkapitel dargestellt, wie die soziale Herkunft Bildungswege, Kompetenzentwicklung und Teilhabechancen über den Lebenslauf hinweg beeinflusst. Dabei richtet er den Blick auch auf familiäre Ressourcen, Bildungsentscheidungen und institutionelle Rahmenbedingungen.
Wie aktuell diese Frage ist, zeigen auch die im September 2026 veröffentlichten Ergebnisse der PISA-Studie 2025. Für Deutschland bestätigen sie erneut einen starken Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Die Bildungsungleichheit nimmt weiter zu.
Der Schwerpunkt des Bildungsberichts ist deshalb hoch relevant. Er macht deutlich: Gleiche formale Möglichkeiten bedeuten noch keine gleichen Bildungschancen. Entscheidend ist es auch, unter welchen sozialen und institutionellen Voraussetzungen Bildungsangebote tatsächlich wahrgenommen werden können.
Bildung über den Lebenslauf und unterschiedliche Lernorte hinweg
Der Bildungsbericht betrachtet, wo und unter welchen Bedingungen Bildung stattfindet und welche Kompetenzen und Bildungsergebnisse damit verbunden sind. Entsprechend untersucht er Bildungsgelegenheiten über den gesamten Lebenslauf hinweg – von früher Bildung und Schule über berufliche Bildung und Hochschule bis zur Weiterbildung. Auch non-formale Lernwelten und Bildungsaktivitäten an außerschulischen Lernorten werden berücksichtigt.
Für die internationale Bildungsarbeit ist dieser Ansatz besonders anschlussfähig. Internationale Jugendbegegnungen, Schüleraustausch, Schulpartnerschaften oder längere Auslandsaufenthalte sind Bildungsgelegenheiten, die häufig an der Schnittstelle formaler und non-formaler Bildung entstehen.
Sie lassen sich nicht immer eindeutig einem einzelnen Bildungsbereich zuordnen. Als prägende internationale Bildungs- und Lernerfahrungen passen sie jedoch zu einem lebenslauforientierten Bildungsverständnis. Gerade deshalb erscheint es naheliegend, dass solche Erfahrungen systematischer in Bildungsforschung und Bildungsberichterstattung berücksichtigt werden.
Was bedeutet der Bildungsbericht für internationalen Austausch?
Doch der Bildungsbericht berücksichtigt den internationalen Jugend-, Schul- oder Schüleraustausch nicht und untersucht auch das Handlungsfeld interkulturelles Lernen nicht. Die Befunde lassen sich deshalb nicht unmittelbar auf diese Felder übertragen. Aber sie werfen Fragen auf, die auch für internationale Bildungserfahrungen zentral sind:
- Wenn Bildungsentscheidungen von Informationen, Ressourcen und Unterstützung abhängen: Wie entscheiden junge Menschen und ihre Familien über die Teilnahme an einem internationalen Austausch? Wer kennt die Angebote, wer hält sie für passend – und für wen erscheint eine Teilnahme überhaupt realistisch?
- Wenn Bildungs- und Lerngelegenheiten sozial unterschiedlich genutzt werden: Wie unterscheiden sich die Teilnahmechancen an Jugendbegegnungen, Schüleraustausch oder längeren Schulaufenthalten im Ausland nach sozialer Herkunft und Schulform?
- Wenn institutionelle Bedingungen Bildungsungleichheiten verstärken oder ausgleichen können: Welche Rahmenbedingungen an Schulen und anderen Bildungsorten erleichtern internationale Erfahrungen – und wo entstehen schwer überwindbare Hürden?
- Wenn auch non-formale Bildungsangebote sozial ungleich genutzt werden: Gilt dies ebenso für Angebote der Internationalen Jugendarbeit? Welche Gruppen werden bislang weniger erreicht – und warum?
Gerade diese Fragen kann der Bildungsbericht für internationale Austausch- und Mobilitätserfahrungen bislang nicht beantworten. Das ist bedauerlich, denn damit bleibt ein Teil der Teilhabechancen in den Bildungsbiografien von Kindern und Jugendlichen unscharf.
Internationale Erfahrungen eröffnen prägende Lernräume, in denen neben fachlichen oder sprachlichen Fähigkeiten auch soziale, persönliche und interkulturelle Kompetenzen gefördert werden. Umso wichtiger wäre zu wissen, wer Zugang zu solchen Erfahrungen hat, unter welchen Bedingungen – und wo soziale oder institutionelle Hürden bestehen.
Für mehr Bildungsgerechtigkeit fehlen wichtige Daten
Wer sich dafür einsetzt, internationale Erfahrungen als Bildungs- und Lerngelegenheiten auch jungen Menschen zugänglich zu machen, die bislang nur geringe Chancen darauf haben, braucht Antworten auf sehr konkrete Fragen:
- Wen erreichen bestehende Angebote – und wen nicht?
- Welche Zugangshürden wirken besonders stark?
- Wie müssen Information, Beratung und Unterstützung gestaltet sein, damit soziale Herkunft und Schulform die Teilnahme an internationalem Austausch möglichst wenig begrenzen?
- Welche Rahmenbedingungen an Schulen und in der Internationalen Jugendarbeit helfen dabei, bislang wenig erreichte Gruppen besser anzusprechen?
Ohne belastbare empirische Daten lässt sich nur eingeschränkt beurteilen, wo Zugänge verbessert werden müssen und welche politischen und strukturellen Maßnahmen dafür geeignet sind. Gerade mit Blick auf Bildungs- und Chancengerechtigkeit ist das eine relevante Leerstelle.
Internationale Bildung an der Schnittstelle von Schule und Jugendarbeit
Internationale Bildungserfahrungen lassen sich häufig gerade deshalb schwer eindeutig zuordnen, weil sie Systemgrenzen überschreiten. Darin liegt zugleich ein besonderes pädagogisches Potenzial.
Internationale Jugendbegegnungen sind überwiegend Angebote non-formaler Bildung. Schüleraustausch und internationale Schulpartnerschaften sind dagegen im schulischen Kontext angesiedelt, eröffnen aber Erfahrungs- und Lernräume weit über den regulären Unterricht hinaus.
Bei Begegnungen, gemeinsamen Projekten oder der Verständigung über Sprachgrenzen hinweg können formale, non-formale und informelle Lernprozesse ineinandergreifen.
Diese Verbindung ist auch für chancengerechte Zugänge relevant. Schule kann junge Menschen grundsätzlich unabhängig davon erreichen, ob ihre Familien selbst nach internationalen Bildungsangeboten suchen. Die Internationale Jugendarbeit wiederum bringt pädagogische Erfahrung, internationale Partnerschaften, Umsetzungskompetenz und Methoden non-formaler Bildung ein.
Damit daraus verlässliche Bildungsgelegenheiten für möglichst viele junge Menschen entstehen, braucht es geeignete Rahmenbedingungen und dauerhaft verfügbare Unterstützungsstrukturen.
Bildungsbericht 2028: Internationale Erfahrungen sichtbar machen
In einer Stellungnahme zum Bildungsbericht 2026 fordert „Austausch macht Schule“, internationale Bildungserfahrungen bei Jugend- und Schüleraustausch, internationalen Begegnungen und Mobilitäten künftig stärker in Bildungsforschung und Bildungsberichterstattung zu berücksichtigen.
Nur wenn sichtbar wird, wer internationale Bildungsangebote nutzen kann und wer bislang kaum durch sie erreicht wird, können Handlungsbedarfe erkannt und gezielte politische Maßnahmen für chancengerechtere Zugänge entwickelt werden.
Ein konkreter nächster Schritt betrifft bereits den kommenden Bildungsbericht:
Für den Bildungsbericht 2028 sollten geeignete Indikatoren entwickelt werden, die die Teilnahme an internationalen Austausch- und Mobilitätserfahrungen einschließlich non-formaler Angebote nach sozialer Herkunft und Schulform erfassen und bestehende Zugangshürden sichtbar machen.
Darüber hinaus benennt die Stellungnahme weitere strukturelle Voraussetzungen für chancengerechtes internationales Lernen:
- bedarfsgerechte und verlässliche Finanzierung internationaler Bildungsangebote
- Förderung und strukturelle Verankerung der Zusammenarbeit von Schule und Internationaler Jugendarbeit
- langfristige Absicherung flächendeckender und passgenauer Informations-, Beratungs- und Unterstützungsstrukturen
Der Bildungsbericht betrachtet Bildungschancen konsequent über unterschiedliche Lebensphasen und Bildungsorte hinweg. Künftig sollte diese Perspektive auch die Möglichkeiten zu internationalen Bildungserfahrungen stärker mit einschließen.
Denn für die Bewertung von Bildungsgerechtigkeit ist letztlich auch entscheidend zu beantworten, welche internationalen Bildungs- und Lerngelegenheiten welchen jungen Menschen tatsächlich offenstehen.
Stellungnahme zum Download
Stellungnahme „Internationale Bildungserfahrungen dürfen kein Privileg sein“ als PDF herunterladen