Bildungsbericht 2026: Bildungsungleichheiten im Blick – internationale Bildungserfahrungen noch nicht

Warum internationaler Jugend- und Schulaustausch in künftigen Berichten stärker berücksichtigt werden sollte
KI-generierte Illustration zeigt Jugendliche im gemeinsamen Austausch und Gespräch

Der Bericht „Bildung in Deutschland 2026“ untersucht das Lernen und Lehren in der Bundesrepublik umfassend – internationale Austausch- und Mobilitätserfahrungen bleiben dabei jedoch weitgehend außen vor. Damit fehlen wichtige Erkenntnisse darüber, wer Zugang zu Schüleraustausch, internationalen Jugendbegegnungen hat und welche Barrieren die Teilhabe erschweren. In der künftigen Bildungsberichterstattung sollte internationaler Austausch deshalb systematisch einbezogen werden. Schon für die nächste Ausgabe 2028 sollte ein Indikatorenset entwickelt werden, das internationale Bildungserfahrungen, Teilhabe und soziale Zugangsbarrieren sichtbar und vergleichbar macht. Das fordert „Austausch macht Schule“ in einer Stellungnahme. 

Bildungschancen hängen weiterhin stark von sozialer Herkunft ab

Der nationale Bildungsbericht gehört zu den wichtigen regelmäßigen Veröffentlichungen zur Entwicklung des deutschen Bildungswesens. Alle zwei Jahre legt eine wissenschaftlich unabhängige Autor:innengruppe unter Federführung des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) eine indikatorengestützte Analyse vor, die unterschiedliche Bildungsorte und Bildungsphasen über den gesamten Lebenslauf hinweg in den Blick nimmt – von der frühen Bildung über Schule und berufliche Bildung bis zu Hochschule und Weiterbildung.

Mit seinem Schwerpunkt „Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft“ greift der Bericht 2026 eine der drängenden Herausforderungen des deutschen Bildungssystems auf. Im Schwerpunktkapitel wird dargestellt, wie die soziale Herkunft Bildungswege, Kompetenzentwicklung und Teilhabechancen über den Lebenslauf hinweg beeinflusst. Dazu werden u.a. familiäre Ressourcen, Bildungsentscheidungen und institutionelle Rahmenbedingungen untersucht.  

Die Befunde zeigen: Bildungsungleichheiten entstehen früh, setzen sich über den gesamten Bildungsverlauf hinweg fort oder werden verstärkt. Eine gezielte Förderung und institutionelle Unterstützung können jedoch dazu beitragen, sie abzubauen oder teilweise auszugleichen.

Wie aktuell diese Frage ist, zeigen auch die im September 2026 veröffentlichten Ergebnisse der PISA-Studie 2025. Für Deutschland bestätigen sie erneut einen starken Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Sie zeigen sogar, dass Bildungsungleichheit weiter zugenommen hat. In Deutschland hängt der Bildungserfolg deutlich stärker vom sozioökonomischen Status ab als in vielen vergleichbaren OECD-Staaten.

Der Schwerpunkt des Bildungsberichts ist deshalb hoch relevant. Und er macht deutlich: Gleiche formale Möglichkeiten bedeuten noch keine gleichen Bildungschancen. Es ist immer auch entscheidend, unter welchen sozialen und institutionellen Voraussetzungen Bildungsangebote tatsächlich wahrgenommen werden können.

Bildung über den Lebenslauf und unterschiedliche Lernorte hinweg

Der Bildungsbericht betrachtet, wo und unter welchen Bedingungen Bildung stattfindet und welche Kompetenzen und Bildungsergebnisse damit verbunden sind. Er untersucht Bildungsgelegenheiten über den gesamten Lebenslauf hinweg und berücksichtigt dabei auch non-formale Lernwelten oder Bildungsaktivitäten an außerschulischen Lernorten.

Dieser Ansatz ist besonders auch für die internationale Bildungsarbeit anschlussfähig, denn Jugendbegegnungen, Schüleraustausch, Schulpartnerschaften oder längere Auslandsaufenthalte sind Bildungsgelegenheiten, die häufig gerade an der Schnittstelle von formaler und non-formaler Bildung entstehen. Sie lassen sich nicht immer eindeutig einem einzelnen Bildungsbereich zuordnen, aber sie sind prägende internationale Bildungs- und Lernerfahrungen. Als solche fügen sie sich in ein lebenslauforientiertes Bildungsverständnis ein. 

Gerade deshalb erscheint es naheliegend, dass sie systematischer in Bildungsforschung und Bildungsberichterstattung berücksichtigt werden.

Was bedeutet der Bildungsbericht für internationalen Austausch?

Der Bericht beschreibt zwar gesellschaftliche Vielfalt, eine zunehmende Heterogenität sowie die recht unterschiedlichen sozialen, sprachlichen und migrationsbezogenen Voraussetzungen als generelle Herausforderungen des Bildungswesens. Aber es wird nicht untersucht, welche Bildungsgelegenheiten junge Menschen dabei unterstützen, Kompetenzen für einen konstruktiven Umgang mit Vielfalt zu entwickeln. 

Grenzüberschreitendes Lernen, bei dem junge Menschen selbst internationale Erfahrungen machen können, oder auch Angebote der interkulturellen Bildung werden nicht als eigenständige Bestandteile von Bildungsbiografien betrachtet und bleiben weitgehend unberücksichtigt. Die Befunde des Berichts lassen sich deshalb nicht unmittelbar auf diese Felder übertragen. 

Aber sie werfen Fragen auf, die auch für internationale Bildungserfahrungen zentral sind:

  • Wenn Bildungsentscheidungen von verfügbaren Informationen, Ressourcen und gezielter Unterstützung abhängen: Wie entscheiden junge Menschen und ihre Familien über die Teilnahme an einem internationalen Austausch? Wer kennt die Angebote, wer hält sie für passend – und für wen erscheint eine Teilnahme überhaupt realistisch? 
  • Wenn Bildungs- und Lerngelegenheiten sozial unterschiedlich genutzt werden: Wie unterscheiden sich die Teilnahmechancen an Jugendbegegnungen, Schüleraustausch oder längeren Schulaufenthalten im Ausland nach sozialer Herkunft und Schulform?
  • Wenn institutionelle Bedingungen Bildungsungleichheiten verstärken oder ausgleichen können: Welche Rahmenbedingungen an Schulen und anderen Bildungsorten erleichtern internationale Erfahrungen – und wo entstehen schwer überwindbare Hürden?
  • Wenn auch non-formale Bildungsangebote sozial ungleich genutzt werden: Gilt dies ebenso für Angebote der Internationalen Jugendarbeit? Welche Gruppen werden bislang weniger erreicht – und warum?

Gerade diese Fragen können im bisherigen Bericht für internationale Austausch- und Mobilitätserfahrungen bislang nicht beantworten. Das ist bedauerlich, denn so bleibt ein Teil der Teilhabechancen in den Bildungsbiografien von Kindern und Jugendlichen unscharf.

Mit der Zugangsstudie von 2019 liegt zwar eine multiperspektivische Untersuchung zu einigen dieser Fragen vor. Sie erfasst jedoch ausdrücklich nicht das gesamte Bildungssystem; insbesondere institutionelle Rahmenbedingungen der formalen Bildung bleiben bewusst außerhalb des Untersuchungsrahmens.

Internationale Erfahrungen eröffnen prägende Lernräume, in denen neben fachlichen oder sprachlichen Fähigkeiten auch soziale, persönliche und interkulturelle Kompetenzen gefördert werden. Umso wichtiger wäre es, dass Erkenntnisse darüber, welche Gruppen Zugang zu solchen Erfahrungen haben, wo soziale oder institutionelle Hürden bestehen und welche Bedingungen Teilhabe fördern, systematisch in die Bildungsberichterstattung einfließen.

Für mehr Bildungsgerechtigkeit fehlen wichtige Daten

Wer sich dafür einsetzt, internationale Erfahrungen als Bildungs- und Lerngelegenheiten auch jungen Menschen zugänglich zu machen, die bislang nur geringe Chancen darauf haben, braucht Antworten auf sehr konkrete Fragen:

  • Wen erreichen bestehende Austauschangebote – und wen nicht?
  • Welche Zugangshürden wirken besonders stark?
  • Wie müssen Information, Beratung und Unterstützung gestaltet sein? 
    Wie gelingt es, soziale Herkunft und Schulform die Teilnahme an internationalem Austausch möglichst wenig begrenzen?
  • Welche Rahmenbedingungen an Schulen und in der Internationalen Jugendarbeit helfen, bislang wenig erreichte Gruppen besser anzusprechen?

Ohne belastbare empirische Daten lässt sich nur eingeschränkt beurteilen, wo angesetzt werden muss und welche politischen und strukturellen Maßnahmen geeignet sein könnten. Damit bleibt ein relevanter Bereich von Bildungs- und Chancengerechtigkeit bislang unterbelichtet.

Internationale Bildung an der Schnittstelle von Schule und Jugendarbeit

Internationale Bildungserfahrungen lassen sich häufig gerade deshalb schwer eindeutig zuordnen, weil sie Systemgrenzen überschreiten. Darin liegt zugleich ein besonderes pädagogisches Potenzial.

Internationale Jugendbegegnungen sind überwiegend Angebote non-formaler Bildung. Schüleraustausch und internationale Schulpartnerschaften sind dagegen im schulischen Kontext angesiedelt, eröffnen aber Erfahrungs- und Lernräume weit über den regulären Unterricht hinaus. Bei Begegnungen, gemeinsamen Projekten oder der Verständigung über Sprachgrenzen hinweg können formale, non-formale und informelle Lernprozesse ineinandergreifen.

Diese Verbindung ist auch für chancengerechte Zugänge relevant: Schule kann junge Menschen grundsätzlich unabhängig davon erreichen, ob ihre Familien selbst nach internationalen Bildungsangeboten suchen. Die Internationale Jugendarbeit wiederum bringt pädagogische Erfahrung, internationale Partnerschaften, Umsetzungskompetenz und Methoden non-formaler Bildung ein.

Damit daraus verlässliche Bildungsgelegenheiten für möglichst viele junge Menschen entstehen, braucht es geeignete Rahmenbedingungen für die Zusammenarbeit von Schule und Internationaler Jugendarbeit und dauerhaft verfügbare Unterstützungsstrukturen.

Internationale Erfahrungen im Bildungsbericht 2028 sichtbar machen

Für den nächsten Bildungsbericht, der 2028 vorgelegt wird, braucht es Daten, die internationale Bildungserfahrungen und Zugangsbarrieren systematisch sichtbar machen. In einer Stellungnahme zum Bildungsbericht 2026 „Internationale Bildungserfahrungen dürfen kein Privileg sein“ fordert „Austausch macht Schule“: 

Künftig sollten internationale Bildungserfahrungen bei Jugend- und Schüleraustauschen, internationalen Begegnungen und Mobilitäten stärker in Bildungsforschung und Bildungsberichterstattung berücksichtigt werden.

Nur wenn sichtbar wird, wer internationale Bildungsangebote nutzen kann und wer bislang kaum durch sie erreicht wird, können Handlungsbedarfe erkannt und gezielte politische Maßnahmen für chancengerechtere Zugänge entwickelt werden.

Ein konkreter nächster Schritt betrifft bereits den kommenden Bildungsbericht:

Für den Bildungsbericht 2028 sollte ein Indikatorenset entwickelt werden, das internationale Bildungserfahrungen und soziale Zugangsbarrieren sichtbar macht.

Darüber hinaus benennt die Stellungnahme weitere strukturelle Voraussetzungen für chancengerechtes internationales Lernen:

  • internationale Bildungsangebote bedarfsgerecht und verlässlich finanzieren,
  • die Zusammenarbeit von Schule und internationaler Jugendarbeit fördern und strukturell verankern,
  • flächendeckende und passgenaue Informations-, Beratungs- und Unterstützungsstrukturen langfristig absichern. 

Der Bildungsbericht betrachtet Bildungschancen konsequent über unterschiedliche Lebensphasen und Bildungsorte hinweg. Künftig sollte diese Perspektive auch die Möglichkeiten zu internationalen Bildungserfahrungen stärker mit einschließen. Denn für die Bewertung von Bildungsgerechtigkeit muss auch für Lernorte mit internationaler Dimension bestimmt werden können, welche Angebote jungen Menschen tatsächlich offenstehen und welche ihnen strukturell verschlossen bleiben.

Veröffentlicht am: 08.09.2026
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