Internationale Bildungserfahrungen dürfen kein Privileg sein
Der nationale Bildungsbericht untersucht die Bedingungen des Lernens und Lehrens in Deutschland, 2026 mit einem Schwerpunkt auf „Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft“. Internationale Austausch- und Mobilitätserfahrungen bleiben dabei jedoch weitgehend außen vor. Damit fehlen wichtige Erkenntnisse darüber, wer Zugang zu Schüleraustausch und internationalen Jugendbegegnungen hat und welche Barrieren die Teilhabe erschweren. „Austausch macht Schule“ fordert dazu auf, internationale Bildungserfahrungen künftig systematisch in die Bildungsberichterstattung einzubeziehen ein Indikatorenset für den nächsten Bildungsbericht zu entwickeln.
Internationale Bildungserfahrungen und Bildungsgerechtigkeit
Seit 20 Jahren liefert der alle zwei Jahre erscheinende Bericht „Bildung in Deutschland“ eine zentrale empirische Grundlage für die Weiterentwicklung des Bildungssystems und für bildungspolitische Entscheidungen. Die Ausgabe 2026 widmet sich schwerpunktmäßig den „Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft“. Wir begrüßen die kontinuierliche Berichterstattung und die sorgfältige Zusammenführung wesentlicher Erkenntnisse. Besonders wertvoll ist das breite, am Lebenslauf orientierte Bildungsverständnis, das unterschiedliche Bildungsorte und -phasen mit einbezieht.
Interkulturelle Bildung oder Lernerfahrungen, wie sie junge Menschen bei Begegnungen und im Jugend- und Schüleraustausch machen, finden im Bericht jedoch keine Berücksichtigung. Dies fällt besonders vor dem Hintergrund des aktuellen Schwerpunkts ins Gewicht, denn solche Bildungsgelegenheiten gelten häufig als freiwillige Zusatzangebote und sind im Bildungssystem bislang nicht selbstverständlich verankert. Der Zugang zu ihnen hängt in besonderem Maße von familiären Ressourcen, verfügbaren Informationen, persönlicher Ermutigung und institutioneller Unterstützung ab (vgl. Becker/Thimmel (Hrsg.): Zugangsstudie zum Internationalen Jugendaustausch. Zugänge und Barrieren. Frankfurt/M. 2019).
Zugleich prägen Begegnungen im Rahmen von Schulpartnerschaften oder in der Jugendarbeit, Schüleraustausche und Auslandspraktika die Biografien der Teilnehmenden, ermöglichen Perspektivwechsel und stärken junge Menschen im Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt und unterschiedlichen Sichtweisen (vgl. Thomas/Chang/Abt: Erlebnisse, die verändern. Langzeitwirkungen der Teilnahme an internationalen Jugendbegegnungen. Göttingen 2007). In einem chancengerechten Bildungssystem dürfen solche Erfahrungen kein Privileg weniger sein. Alle jungen Menschen sollten unabhängig von Herkunft, familiären Voraussetzungen, Wohnort oder Schulform die Möglichkeit zu einer passenden internationalen Erfahrung erhalten.
Werden internationale Bildungserfahrungen in Forschung und Bildungsberichterstattung nicht systematisch berücksichtigt, bleiben auch bestehende Ungleichheiten und Zugangshürden unklar. Daher braucht es eine belastbare empirische Datengrundlage, um Handlungsbedarfe abzuleiten und politische Maßnahmen für chancengerechte Zugänge zu entwickeln.
Internationale Erfahrungen als Teil von Bildung anerkennen
Angebote des internationalen Austauschs sind Lernräume mit eigenständigem Bildungswert. Sie ermöglichen das Heraustreten aus vertrauten Zusammenhängen, fördern Selbstreflexion und interkulturelle Kompetenzen und lassen sich nicht auf Spracherwerb, Unterrichtsinhalte oder formale Leistungsnachweise reduzieren. Sie sollten in Bildungsstrategien, der Schulentwicklung und pädagogischen Konzepten sowie in der Aus- und Fortbildung von Lehr- und Fachkräften berücksichtigt werden.
Vielfältige und chancengerechte Zugänge ermöglichen
Das Vorhandensein und die formale Offenheit einzelner Programme schaffen noch keine Chancengerechtigkeit. Angebote müssen sichtbar, verständlich, finanzierbar und für unterschiedliche Zielgruppen tatsächlich zugänglich sein. Dafür braucht es vielfältige Formate, zielgruppengerechte Informationen, persönliche Beratung und verlässliche Begleitung. Schule ist ein zentraler Ort, an dem grundsätzlich alle jungen Menschen – unabhängig von sozialem Hintergrund und familiären Möglichkeiten – angesprochen werden können.
Schule und internationale Jugendarbeit systematisch verbinden
Die Zusammenarbeit von Schulen und Trägern der internationalen Jugendarbeit verbindet die schulische Reichweite mit pädagogischer Erfahrung, internationalen Kontakten, Umsetzungskompetenz und Methoden der non-formalen Bildung. Dafür braucht es flexible und durchlässige Rahmenbedingungen, die helfen, getrennte Systemlogiken zu überwinden. Gerade angesichts des Fachkräftemangels können Kooperationen entlasten und vorhandene Ressourcen wirksamer einsetzen.
Dauerhafte Strukturen statt einzelner Projekte schaffen
Für die Schaffung chancengerechter Zugänge zu internationalen Bildungserfahrungen brauchen Schulen und andere Bildungsorte eine verlässliche fachkundige Unterstützung bei der Partnersuche und Formatentwicklung sowie bei der Förderung, Organisation und pädagogischen Begleitung.
Fach- und Förderstellen wie die bilateralen Jugendwerke und Koordinierungszentren oder Austauschorganisationen verfügen über die notwendige Erfahrung und Infrastruktur dazu. Damit sie ihre öffentliche Aufgabe langfristig wahrnehmen können, benötigen sie ausreichende Ressourcen, Planungssicherheit und eine regelmäßige ressortübergreifende Abstimmung.
Gemeinsamer Handlungsauftrag
Internationale Bildungserfahrungen zu ermöglichen ist Teil des gemeinsamen Bildungsauftrags.
Für den chancengerechten Zugang aller jungen Menschen zu diesen Angeboten tragen Bildungs- und Jugendpolitik, Verwaltungen und Bildungsforschung gemeinsam Verantwortung.
Damit ergeben sich folgende Notwendigkeiten:
- Internationale Austausch-, Begegnungs- und Mobilitätserfahrungen müssen in Bildungsstrategien, der Bildungsforschung und -berichterstattung angemessen berücksichtigt werden.
- Für den Bildungsbericht 2028 sollten geeignete Indikatoren entwickelt und aufgenommen werden, die die Teilnahme an internationalen Austausch- und Mobilitätserfahrungen einschließlich non-formaler Angebote nach sozialer Herkunft und Schulform erfassen und bestehende Zugangshürden sichtbar machen.
Nur so lässt sich die notwendige Datengrundlage verbessern – sie ist eine Voraussetzung für gezieltes politisches Handeln.
Ein dauerhafter Abbau von Zugangshürden erfordert
- eine bedarfsgerechte und verlässliche Finanzierung internationaler Bildungsangebote,
- die Förderung und strukturelle Verankerung der Zusammenarbeit von Schule und internationaler Jugendarbeit sowie
- langfristig abgesicherte, flächendeckende und passgenaue Informations-, Beratungs- und
Unterstützungsstrukturen.
Internationale Bildungserfahrungen müssen selbstverständlicher Bestandteil der Bildungsbiografien junger Menschen aller gesellschaftlichen Gruppen werden.
Diese Stellungnahme wird getragen von den Organisationen in der Initiative „Austausch macht Schule“:
AJA – Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustausch, ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch, DFJW – Deutsch-Französisches Jugendwerk, DGJW – Deutsch-Griechisches Jugendwerk, DPJW – Deutsch-Polnisches Jugendwerk, DTJB – Deutsch-Türkische Jugendbrücke, IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland, Stiftung Juve – Jugend verbindet Deutschland mit Osteuropa und Zentralasien, Tandem – Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch, UK-German Connection – Deutsch-Britische Schul- und Jugendbegegnungen