Beratung direkt aus Rom

Nachgefragt bei
Josephine Löffler
Josephine Löffler (links) mit zwei Kolleg:innen des DAAD

VIAVAI berät zu deutsch-italienischen Austauschangeboten. Josephine Löffler ist Projektbeauftragte, für VIAVAI informiert und vermittelt sie direkt aus Rom. Im Interview erzählt sie, wie VIAVAI Schulen in Deutschland unterstützen kann, einen Austausch mit Italien auf die Beine zu stellen.

Können Sie die Angebote von VIAVAI, dem Büro für den deutsch-italienischen Jugendaustausch, kurz umreißen?

Josephine Löffler (VIAVAI)

Josephine Löffler: Das Büro VIAVAI richtet sich an junge Menschen aus Deutschland und Italien zwischen 15 und 30 Jahren, die Interesse an einem Aufenthalt im jeweils anderen Land haben. Wir stellen zu diesem Zwecke eine Online-Plattform mit umfangreichen Informationen, z.B. zu Schul- und Hochschulaustausch, Freiwilligendiensten oder Au-pair-Aufenthalten zur Verfügung, wir vernetzen und bieten zudem kostenlose und individuelle Beratungen an.

Auch wenn wir gelegentlich auch eigene Initiativen, Projekte und Veranstaltungen entwickeln und durchführen, sind wir grundsätzlich als Beratungs-, Informations- und Vermittlungsstelle zu verstehen, die z. B. auf aktuelle Ausschreibungen, Austauschprogramme und Stipendienmöglichkeiten verweist. Zusätzlich zu unserer Online-Plattform verbreiten wir diese Informationen über unsere Social-Media-Kanäle. Auf Facebook und Instagram teilen wir zudem regelmäßig Video-Erfahrungsberichte von jungen Menschen, die bereits eine Erfahrung in Deutschland oder Italien gemacht haben.

Ziel dieses Videoprojektes ist es, stereotypisierte Vorstellungen von beiden Ländern abzubauen und diese mit authentischen Italien- und Deutschlandbildern, persönlichen Erzählungen und erlebten Erfahrungen zu ersetzen. Auf diesem Wege hoffen wir, noch mehr junge Menschen zu einem Aufenthalt in Deutschland oder Italien motivieren zu können. Finanzielle Förderungen für die Umsetzung von Austauschprojekten können wir zum jetzigen Zeitpunkt leider nicht anbieten.

Was empfehlen Sie in Bezug auf die Finanzierung? Gibt es Stellen, auf die Sie hierzu gerne verweisen?

Die Finanzierung ist ein wichtiges Thema. Wir verweisen regelmäßig auf Stipendienmöglichkeiten sowohl im schulischen als auch im universitären Bereich. Uns ist es zudem wichtig, auch auf Projekte und Initiativen hinzuweisen, die mit einem geringen finanziellen Aufwand verbunden sind, wie Freiwilligendienste oder Work Camps.

Ich habe im Laufe meiner Tätigkeit festgestellt, dass einige Missverständnisse bestehen, wenn es um „freiwilliges Engagement“ geht, was oftmals als „kostenlose Arbeit“ abgetan wird. Dass das Europäische Solidaritätskorps aber z.B. Projekte für Freiwillige zur Verfügung stellt, die einen Großteil aller Kosten (Reisekosten, Unterbringung, Verpflegung, Versicherung, Sprachkurs, etc.) abdecken, ist vielen gar nicht präsent.

Daher versuchen wir, jungen Menschen. u.a. durch Schulbesuche, Informationsveranstaltungen und Einzelberatungen einen umfassenden Überblick zu vermitteln, die ihnen die Fülle an Chancen und Möglichkeiten bewusst macht und ihnen zeigt, dass man auch mit wenigen finanziellen Mitteln einen Auslandsaufenthalt organisieren kann. Ob es sich am Ende um ein paar Wochen, Monate oder ein ganzes Jahr handelt – jeder noch so kurze Aufenthalt kann einen entscheidenden Einfluss auf das Leben und den Bildungsweg junger Menschen haben.

Wie groß ist das Interesse von Jugendlichen und Schulen, sowohl in Deutschland als auch in Italien?

Schulklasse bei deutsch-italienischer Begegnung

Das Interesse junger Italiener:innen und junger Deutsche, sich gegenseitig kennenzulernen und miteinander in den Austausch zu treten, ist sehr groß.

Ich berate und vernetze gleichermaßen in beide Richtungen – seien es Schulen, die nach einer Partnerinstitution im jeweils anderen Land suchen, Schüler:innen, die einige Wochen während des Sommers in Deutschland oder Italien verbringen möchten oder Studierende, die an einem akademischen Austausch interessiert sind. Nach einem Rebranding-Prozess, der im vergangenen Jahr zu einer Umbenennung und einer Neugestaltung des Büros führte, hat das Projekt deutlich mehr Sichtbarkeit in beiden Ländern bewirkt, sodass die Beratungen um mehr als die Hälfte gestiegen sind und immer mehr Lehrkräfte in Deutschland und Italien VIAVAI-Informationsveranstaltungen sowohl online als auch in Präsenz an ihren Schulen organisieren.

Für die Schüler:innen ist es ein entscheidender Motivationsfaktor, zu sehen, welche Perspektiven und Möglichkeiten sich für sie durch das Erlernen einer Fremdsprache eröffnen und in welchen Bereichen sie die Sprache aktiv anwenden können.

Seit 12 Jahren gibt es das Büro – mit Sitz in Rom. Können Sie von da aus auch auf die Interessen und Bedürfnisse der deutschen Seite gut eingehen?

Die Pandemie hat glücklicherweise auch einige positive Entwicklungen mit sich gebracht. Viele Kultur- und Bildungseinrichtungen haben in dieser Zeit die Vorteile von virtuellen Formaten entdeckt. Auch das Büro VIAVAI nutzte diese Gelegenheit, um das Informationsangebot auch online auszubauen. Das war ein sehr wichtiger Schritt, der es uns ermöglichte, auch von Italien aus in Deutschland aktiver und sichtbarer zu werden. In den letzten Jahren konnte insbesondere durch die Zusammenarbeit mit den Italienzentren der Universitäten virtuelle Informationsveranstaltungen angeboten werden.

Auch Schulen konnten virtuell besucht werden und die Tatsache, eine Referentin zu haben, die direkt aus Rom zugeschaltet ist, war eine interessante Erfahrung für die teilnehmenden Schulklassen. In diesem Jahr wird das Büro VIAVAI außerdem an der deutsch-italienischen Kulturbörse in Düsseldorf teilnehmen. Im Juli organisieren wir weiterhin, in Zusammenarbeit mit der Villa Vigoni, dem deutsch-italienischen Zentrum für europäischen Dialog, erstmalig einen Sommer-Workshop in Köln für eine Gruppe von 15 jungen Menschen aus Deutschland und Italien, die sich gemeinsam mit den Themen Diskriminierung und Extremismusprävention auseinandersetzen werden.

Auch wenn das Netzwerk in Deutschland zunehmend wächst, wünschen wir uns natürlich, noch mehr junge Menschen in Deutschland erreichen und für einen Italienaufenthalt begeistern zu können. In Zukunft auch einen Sitz in Deutschland zu haben ist in jedem Falle ein Ziel, dem wir aktiv nachgehen.

Gibt es insgesamt Bestrebungen, sich zu vergrößern, vielleicht in Richtung ‚Jugendwerk‘?

Schulklasse bei deutsch-italienischer Begegnung

Wir verfolgen das Ziel, mit der Förderung der Jugendmobilität einen Beitrag zur Verbesserung der deutsch-italienischen Beziehungen zu liefern, um damit dem gemeinsamen Bestreben nach einem vereinten Europa nachzugehen. Wir haben in den letzten Jahren erfreulicherweise gesehen, dass dieser Wunsch mit einem großen Interesse junger Menschen für den jeweils anderen Kulturraum und die jeweils andere Sprache einhergeht, die vermehrt das Informations-, Beratungs- und Vermittlungsangebot von VIAVAI in Anspruch nehmen.

Um die Aktivitäten noch gezielter in beiden Ländern zu verbreiten, ist eine Vergrößerung ein essentieller Schritt und auch eine realistische Perspektive, wobei die Entstehung eines großen Jugendwerks nicht unser primäres Anliegen ist.

Wie sind Sie persönlich zu Italien und zum internationalen Austausch gekommen?

Ich hatte das große Glück, dass an meiner Schule damals das Unterrichtsfach Italienisch angeboten wurde und ich auf diesem Weg bereits erste Kenntnisse der italienischen Kultur und Sprache erwerben konnte. Ich habe anschließend u.a. Italianistik studiert und war während meines Studiums stets bemüht, einen engen Kontakt zum Land und zu den Menschen zu pflegen.

Ich habe bereits früh im Studium einen Erasmus-Aufenthalt in Bologna verbracht und habe dann immer wieder nach Möglichkeiten gesucht, Erfahrungen in Italien zu sammeln. Im Laufe des Bachelor- und Masterstudiums habe ich Praktika an einem Architekturzentrum in Vicenza, und an deutsch-italienischen Kulturinstituten in Padua und Venedig absolviert. Diese Erfahrungen halfen mir, die italienische Arbeitswelt besser kennenzulernen, meine Sprachkenntnisse zu vertiefen und besser zu verstehen, in welchem Bereich ich gerne arbeiten möchte. Diese Verbindungsstellen, in denen die deutsche und italienische kulturelle und sprachliche Arbeit zusammenfließen und ein konkreter Austausch stattfinden kann, haben mich besonders fasziniert, weshalb ich mich dazu entschied, diesen Weg aktiv weiterzuverfolgen.

Zunächst habe ich nach dem Studium als DaF-Dozentin in Integrationskursen gearbeitet und habe dank dieser Lehrerfahrung zwei Jahre später die Möglichkeit erhalten, als DAAD-Sprachassistentin an der Universität „La Sapienza“ in Rom zu arbeiten. Im Anschluss an diese Tätigkeit übernahm ich dann die Leitung des Büros für den deutsch-italienischen Jugendaustausch VIAVAI und kann in dieser Funktion nun jungen Menschen beratend zur Seite stehen.

Italienisch wird in Deutschland nicht an vielen Schulen angeboten – warum legen Sie Schulen trotzdem ein Austauschprojekt mit Italien ans Herz?

Es gibt sowohl in Italien als auch in Deutschland einen besonderen Bedarf, die Sprache des jeweils anderen Landes, vor allem vor dem Hintergrund der starken Präsenz anderer Fremdsprachen wie Englisch, Französisch oder Spanisch, gezielter an den Schulen zu fördern. Daher ist es u.a. wichtig, Schüler:innen in Deutschland ihre Perspektiven in Italien aufzuzeigen und ihnen ebenfalls bewusst zu machen, dass es auch Austauschmöglichkeiten gibt, die keine Italienischkenntnisse beziehungsweise nur Grundkenntnisse voraussetzen. Daher ist es uns wichtig, durch Schulbesuche einen direkten Kontakt zu den Schüler:innen herzustellen, sie zu informieren, ihre Fragen zu beantworten und ihnen ihre Zweifel zu nehmen.

Seitens Italien gibt es ein großes Interesse an deutsch-italienischen Schulpartnerschaften und ich denke, die Perspektive, dass Schüler:innen aus Deutschland an einer Schule in Nord-, Mittel- oder Süditalien lernen können und selbst entdecken können, wie andere junge Menschen in ihrem Alter in einem anderen Land lernen, ist ohne Frage ein unvergessliches Erlebnis. Auch wenn wir u.a. auch die Vorteile von virtuellen Formaten in den letzten Jahren erfahren konnten, sind physische Begegnungen natürlich unersetzlich.

Eine Schulpartnerschaft ist daher ein entscheidender Schritt, junge Menschen aus beiden Ländern einander näherzubringen, in ihnen die Neugier für den jeweils anderen Kulturraum zu wecken und ihnen die Möglichkeit zu geben, freundschaftliche und nachhaltige Beziehungen zueinander aufzubauen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Christine Bertschi.

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