Fachbeiträge

Schülerbegegnungen im berufsbildenden Bereich als politische Bildungsarbeit

von Stefan Doyé
KZ Groß-Rosen

Der Autor leitet den Fachbereich Mathematik und Naturwissenschaften an der Berliner Brillat-Savarin-Schule (Oberstufenzentrum Gastgewerbe) und war 2004 Initiator und seither treibende Kraft einer deutsch-polnischen Schulpartnerschaft mit dem Schulverbund für Hotellerie und Touristik (ZSH-T, „Zespół Szkół Hotelarsko-Turystycznych“) im polnischen Świdnica/Schweidnitz. Für »Austausch macht Schule« stellt er die pädagogischen Ziele dieses Austausches vor und schildert eine beispielhafte Schülerbegegnung.

Austausch im Bereich der Beruflichen Bildung

Austauschprogramme in allgemeinbildenden Schulen oder ein Auslandssemester im Studium sind schon fast selbstverständlich. Aber in der Berufsbildung stellen Auslandsaufenthalte immer noch die Ausnahme dar. Sie sind auch deshalb besonders schwer zu organisieren, weil sich die Berufsbildungssysteme in den meisten anderen europäischen Ländern grundlegend vom deutschen Dualen System unterscheiden: Während in Deutschland der Ausbildungsbetrieb die zentrale Rolle spielt und Berufsschulen eher nachgeordnet sind, ist die berufliche Einstiegsqualifikation in den meisten anderen europäischen Ländern vollschulisch organisiert. Der praktische Unterricht wird dort lediglich in Form kürzerer Praktika durchgeführt.

Dabei sind Auslandserfahrungen von besonderer Bedeutung: Aus Sicht der Ausbildungsbetriebe verbessern die Auszubildenden nicht nur ihre Fremdsprachenkenntnis, sondern bringen auch neue Impulse, Arbeitsmethoden und -techniken mit ins heimische Unternehmen. Außerdem ist das Auslandspraktikum ein gutes Argument im Wettlauf um geeigneten Nachwuchs, mit dem Ausbildungsbetriebe für sich werben können.

Für die Auszubildenden stellt die Teilnahme an einem Austauschprogramm darüber hinaus eine wichtige biographische Erfahrung dar. Gerade gegenüber unserem Nachbarland Polen bestehen oft Vorbehalte und Vorurteile. Viele Jugendliche waren auch noch nie in Polen zu Besuch. Es ist deshalb manchmal nicht einfach, Auszubildende zu motivieren, an einem Austauschprogramm teilzunehmen.

Wenn sie sich aber darauf einlassen, ändern sich die persönlichen Einstellungen oft fundamental. Die Teilnehmer lernen die andere Kultur intensiv kennen und schätzen. Regelmäßig zeigen sich Berliner Jugendliche beeindruckt von der Offenheit der polnischen Gastgeber und von deren Gastfreundschaft, von der Schönheit der Landschaft und der Lebendigkeit der Städte.

Doch selbst wenn viele junge Menschen ein großes Interesse an einem Auslandsaufenthalt haben, ist die Hürde, diesen individuell für sich selbst zu organisieren, sehr hoch. Die Berufsschule hat deshalb eine besondere Bedeutung dabei, Auslandserfahrungen für junge Menschen am Beginn ihrer Berufslaufbahn zu ermöglichen.

Die Schulpartnerschaft der Brillat-Savarin-Schule mit der Hotellerieschule in Świdnica/Schweidnitz

Begegnung in Breslau

Die Berliner Brillat-Savarin-Schule unterhält seit vielen Jahren internationale Partnerschaften mit Organisationen in Frankreich, Polen, Norwegen, Italien, Niederlande, Südafrika und Georgien. Sie alle sollen möglichst vielen Auszubildenden einen interkulturellen Austausch sowie Berufserfahrungen im Ausland ermöglichen, aber sie unterscheiden sich doch deutlich voneinander. Eine besondere Rolle spielt hier die Schulpartnerschaft mit dem „Schulverbund für Hotellerie und Touristik“ (ZSH-T) im polnischen Świdnica/Schweidnitz, denn ihr Schwerpunkt ist wegen der vielschichtigen und konfliktbehafteten Geschichte unserer beiden Länder eindeutig im Bereich der politischen Bildung angesiedelt und hat weniger die Vermittlung berufsspezifischer Kenntnisse und Fertigkeiten zum Ziel.

Die langjährige und intensive Schulpartnerschaft unter dem Motto „Voneinander lernen – miteinander arbeiten“ besteht seit 2004. Schwerpunkt der Beziehung sind jährlich stattfindende Schülerbegegnungen, bei denen Schüler aus den gymnasialen Bildungsgängen oder Berufsschüler jeweils für fünf Tage abwechselnd in Polen später in Berlin gemeinsam mit einer polnischen Partnergruppe verbringen. 

Unsere Partnerschule in Świdnica/Schweidnitz, einer Stadt mit ca. 80.000 Einwohnern im Südwesten Polens, ist von der Schulform her ein „Technikum“. Sie bietet in einer vollschulischen Ausbildung neben dem allgemeinbildenden Abitur berufsspezifische Abschlussprüfungen in den Bereichen Hotellerie und Tourismus an. Die Schule betreibt daneben die Jugendherberge der Stadt Schweidnitz als „Schulfirma“.

Die Partnerschaft wird seit vielen Jahren maßgeblich durch die dortige Deutschlehrerin getragen, zu der sich in dieser Zeit ein enges freundschaftliches Verhältnis entwickelt hat. Darüber hinaus sind an der Organisation und Durchführung der Austauschprogramme mehrere weitere engagierte Kollegen beteiligt. Im Gegensatz zur Brillat-Savarin-Schule, eine der größten Schulen in Berlin, ist unsere Partnerschule sehr klein: In den fünf Jahrgangsstufen von 9 bis 13 gibt es jeweils zwei Parallelklassen. Das Kollegium besteht aus ca. 30 Lehrerinnen und Lehrern.

Pädagogische Zielsetzungen der Partnerschaft

Besuch Gärtnerei

Hauptmotivation und zentrales Ziel des Austausches ist es, unseren Schülerinnen und Schülern internationale Begegnungen zu ermöglichen. Wir stellen fest, dass selbst eine kurze Zeit des Austauschs mit den Schülerinnen und Schülern aus Polen zu einem prägenden Erlebnis und einer motivierenden Erfahrung für den weiteren Lebensweg wurde.

Die strukturellen Unterschiede zwischen den Berufsbildungssystemen beider Länder machen es zuweilen schwer, passende Schülergruppen für ein gleichberechtigtes Begegnungsprogramm zu finden. Da unsere Erfahrung gezeigt hat, dass die Programme am erfolgreichsten sind, an denen auf beiden Seiten feste Klassen teilnehmen (z.B. auf polnischer Seite eine Oberstufenklasse und auf deutscher Seite eine Berufsschulklasse oder eine Klasse der gymnasialen Oberstufe), führen wir die jeweils 5-tägigen Schülerbegegnungsfahrten im Klassenverband durch. Seit 2015 versuchen wir, mit derselben Klasse immer zuerst eine Begegnung in Polen und anschließend eine in Berlin zu organisieren, so dass sich die Jugendlichen in verschiedenen Rollen als Gast bzw. als Gastgeber kennenlernen können. Sowohl in Polen als auch in Berlin sollen die Teilnehmer möglichst den gesamten Aufenthalt gemeinsam verbringen.

Die Schülerbegegnungen im Rahmen der Schulpartnerschaft sind Veranstaltungen der politischen Bildungsarbeit und idealerweise eingebettet in eine intensive Vor- und Nachbereitung im Unterricht. Mit den Schülerbegegnungen sollen die Schüler bzw. die Auszubildenden beider Schulen die Möglichkeit erhalten, das Leben und Arbeiten an der Partnerschule, z. B. durch gemeinsame Teilnahme am theoretischen und am fachpraktischen Unterricht, kennenzulernen. Sie erhalten einen Einblick in den beruflichen Alltag vor Ort, etwa bei Betriebsbesichtigungen in verschiedenen Hotels und Restaurants, aber auch in lebensmittelverarbeitenden Betrieben. Und schließlich geht es darum, das jeweils andere Land, seine Geschichte und Kultur besser kennenzulernen. Auf diese Weise tragen die Teilnehmer an den Schülerbegegnungen zum besseren Verständnis zwischen den Völkern und damit zum Zusammenwachsen Europas bei.

Exemplarische Darstellung einer durchgeführten Schülerbegegnung

Breslau Gruppenbild Dominsel

Eine besonders gelungene Begegnung fand 2017 statt. Die Berufsschulklasse von Koch-Auszubildenden war eine Klasse mit überdurchschnittlich motivierten Azubis, die auf eigenen Wunsch Teil des „Köche+“-Programms unserer Schule waren und in diesem Rahmen zahlreiche Zusatzangebote wie beispielsweise Fach-Workshops oder Schulungen durch Sterne-Köche wahrnahmen. Die Auszubildenden waren sehr interessiert an allen politischen und gesellschaftlichen Fragen und reagierten positiv, als ich ihnen die Teilnahme an einem Austausch mit unserer polnischen Partnerschule vorschlug. Auch wenn einige von ihnen Vorbehalte gegenüber Polen äußerten, ließ sich die Mehrheit gern auf das Projekt ein.

Der überwiegende Teil von ihnen hatte vor Beginn der Ausbildung bereits das Abitur an einem Gymnasium erworben und relativ viele waren extra für die Ausbildung aus anderen Teilen Deutschlands nach Berlin gezogen. Dadurch lagen sowohl das Durchschnittsalter als auch die Bildungsabschlüsse in dieser Klasse deutlich oberhalb des Üblichen in anderen Berufsschulklassen.

Im Rahmen der Vorbereitung auf das Austauschprogramm kam das PolenMobil des Deutschen Polen-Instituts aus Darmstadt ans OSZ Gastgewerbe. Bei einem kreativen Projekttag setzten sich die Teilnehmer mit ausgewählten Aspekten der polnischen Geschichte und Kultur auseinander und lernten z.B. auf spielerische Weise einige polnische Redewendungen.

Die erste Schülerbegegnung fand dann im Mai 2017 in Świdnica statt. An ihr nahmen 18 Koch-Azubis teil, betreut von mir und einem Fachlehrer für Technologie der Speisenverarbeitung. Das gesamte Programm einschließlich der Freizeit wurde gemeinsam mit einer Gruppe polnischer Schüler durchgeführt, so dass möglichst viele Gelegenheiten für direkte Kontakte zwischen den Jugendlichen entstanden. Die Verständigung untereinander war nicht ganz leicht, da nur wenige polnische Schüler über so gute Deutsch- bzw. Englischkenntnisse verfügten, dass eine freie Kommunikation möglich war; von den deutschen Teilnehmern sprach niemand Polnisch. Sehr hilfreich waren Übersetzungs-Apps für Handys.

Das Programm hatte inhaltlich drei Schwerpunkte: 

  • Kennenlernen des Gastlandes: Stadtführungen in Świdnica und Breslau
  • Historisch-politische Bildung: Besuch der Jugendbegegnungsstätte in Kreisau (Ort des Kreisauer Kreises) sowie der KZ-Gedenkstätte in Groß-Rosen
  • Gastgewerblicher Fachaustausch: Workshop zum traditionellen Brotbacken, Besichtigung eines Weingutes sowie verschiedener Spezialitätenrestaurants

Höhepunkt des Programms war das gemeinsame Zubereiten typischer regionaler Gerichte aus Berlin und Schlesien, die anschließend bei einem gemeinsam gestalteten Festessen genossen wurden.

Hier zeigte sich in besonderer Weise, dass ein internationaler Austausch dann besonders gut funktioniert, wenn die Teilnehmer selbst aktiv werden und sich mit ihren Kompetenzen in die Programmgestaltung einbringen können. Das praktische Tun schafft eine Atmosphäre der gegenseitigen Achtung und Verständigung, ohne jedes Wort verstehen zu müssen.

Der Erfolg der Schülerbegegnung zeigte sich auch in der abschließenden Feedback-Runde: Alle Teilnehmer äußerten sich sehr positiv und betonten, dass sich ihr Bild vom jeweils anderen Land durchweg verbessert hatte. Besonders beeindruckt waren die deutschen Teilnehmer von der Gastfreundschaft der polnischen Gastgeber, aber auch vom guten Essen und den schönen Städten sowie den interessanten Einblicken in die Geschichte und Kultur Polens. Wenn man nach den Verbesserungsmöglichkeiten fragte, dann wurde fast durchweg der Wunsch nach noch intensiverem Austausch der Schüler untereinander geäußert.

Nach der Rückkehr waren die deutschen Auszubildenden sehr motiviert, aktiv an der Planung des Gegenbesuchs in Berlin im Oktober 2017 mitzuwirken. Viele ihrer Ideen flossen in das Programm ein, das auch hier durchweg gemeinsam durchgeführt wurde.

Die inhaltlichen Schwerpunkte lagen auch in Berlin in folgenden Bereichen:

  • Kennenlernen von Geschichte und Kultur Berlins: Führungen durch den Reichstag und das Olympiastadion, Empfang durch die Senatskanzlei im Roten Rathaus, Bootsfahrt auf der Spree bei „Berlin leuchtet“
  • Gastgewerblicher Fachaustausch: gemeinsamer fachpraktischer Unterricht am OSZ Gastgewerbe, Teilnahme an einem Patisserie-Workshop, Besichtigung einer Brauerei und der Prinzessinnengärten

Ein besonderer Höhepunkt war die Besichtigung von einigen der Restaurants, in denen die deutschen Auszubildenden ihre Ausbildung absolvierten. Mit großem Stolz zeigten sie den polnischen Gästen ihre Betriebe und führten ihr Können vor. Einige der polnischen Teilnehmer wollten darauf hin auch, zu einem späteren Zeitpunkt, selbst ein Praktikum in einem dieser Betriebe in Berlin absolvieren.

Für viele der Auszubildenden war das Austauschprogramm mit unserer polnischen Partnerschule ein Höhepunkt ihrer Ausbildung. Sie haben einen tiefen Einblick in Geschichte und Kultur unseres Nachbarlandes gewonnen und dabei so manches Vorurteil über Polen überwinden können. Und sie haben die Lebenswirklichkeit polnischer Jugendlicher kennengelernt und erfahren, wie viel sie miteinander verbindet. Das sind Erfahrungen, die prägend sind für das gesamte weitere Leben, nicht nur in beruflicher Hinsicht, sondern vor allem auch im persönlichen Bereich.

Gruppenbild Berlin
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