Good Practice

Austausch über Länder- und Konfliktgrenzen hinweg

Ein Beitrag über das Projekt „Model International Criminal Court“ (MICC)

Das Projekt „Model International Criminal Court“ (MICC) ermutigt junge Menschen, sich mit Menschenrechten und deren Durchsetzung im Rahmen des internationalen Strafrechts  zu beschäftigen. Ein Format, das auch für Schüleraustausche geeignet ist und Schüler*innen Menschen Zugänge zu diesem anspruchsvollen Thema eröffnet. MICC fördert den Austausch nicht nur über Länder-, sondern auch über Konfliktgrenzen hinweg.

„Stellen Sie sich vor, Sie diskutieren Völkermord und Verbrechen in einem freundlichen Kontext mit Menschen, die Sie nicht persönlich kennen und die nicht die gleiche Meinung wie Sie haben“, sagt Kerim Somun, Projektkoordinator bei der Kreisau-Initiative e.V. Das „Model International Criminal Court“ (MICC) sei ein Projekt, wo so etwas passiere und wo alle beteiligten Seiten sehr viel voneinander lernen. „Beeindruckend finde ich, dass sich Menschen aus der ganzen Welt treffen und über extrem komplizierte Fragen diskutieren“, so Kerim Somun.

Das Projekt bringt dabei Jugendliche und Lehrkräfte zusammen, die sich sonst nie getroffen hätten – oft sei es für alle Beteiligten der erste Kontakt über die Konfliktgrenze hinweg. Etwa aus Georgien, Aserbaidschan und Armenien, oder aus Bosnien, Kroatien und Serbien. Die Gruppe wird dabei jeweils so zusammengesetzt, dass alle Seiten voneinander lernen können: „80% der Zeit vor Ort beim Projekt versuchen wir, argumentativ über die Narrative zu sprechen“, erklärt Kerim Somun.

Heranführung an Menschenrechte

MICC ist eine Simulation des Internationalen Strafgerichtshofes für Schüler*innen und Studierende aus Deutschland, Polen und weiteren Ländern. Das Projekt wurde 2005 in enger Zusammenarbeit zwischen der Trägerin, der Kreisau-Initiative e.V., der polnischen Stiftung „Kreisau" für Europäische Verständigung (Fundacja Krzyżowa dla Porozumienia Europejskiego) und der deutschen Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ erstmals umgesetzt.

Kreisau / Krzyżowa

 

Krzyżowa, das frühere Kreisau, ist ein kleines Dorf in der Nähe der niederschlesischen Metropole Wrocław (Breslau).

Im Berghaus auf dem Schlossgelände des deutschen Adligen und Juristen Helmuth James Graf von Moltke fanden 1942 und 1943 drei geheime Treffen der Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreis“ statt. Mitglieder des politischen, juristischen, religiösen und militärischen Widerstands hatten sich organisiert und planten eine Zukunft nach Beendigung der NS-Herrschaft. Heute ist das Kreisauer Schlossgelände eine internationale Begegnungsstätte mit diversen Bildungsseminaren und Begegnungen, für die eine Beteiligung polnischer und deutscher Teilnehmer ein Prinzip ist.

Bei der Gründung der Stiftung Kreisau im Jahre 1989 einigten sich der polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki und Bundeskanzler Helmut Kohl auf dieses Kooperationsprinzip im Sinne der deutsch-polnischen Verständigung.

Die jungen Teilnehmer*innen schlüpfen in die Rollen von Strafverfolger*innen, Verteidiger*innen, Richter*innen und Journalist*innen und beschäftigen sich mit historischen Fällen, die vor internationalen Tribunalen (Nürnberger Prozesse, ICTY und dem ICTR) verhandelt wurden. Sie werden dabei an zentrale Problemstellungen des Menschenrechtsschutzes, grundlegende Gerechtigkeitsvorstellungen und Rechtsstaatlichkeit herangeführt.

Das MICC School ist offen für Schüler*innen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren, meist als Team von sechs bis zehn Schüler*innen begleitet von einer Lehrkraft. „Wir bauen unser Angebot an Projekten gerade aus – die Chancen für die Teilnahme stehen also sehr gut!“, motiviert Kerim Somun zur Bewerbung.

Steile Lernkurve

Einmal im Jahr fährt ein Team aus Tecklenburg, aus dem nördlichen Westfalen, nach Kreisau. Jeweils fünf bis 12 Schüler*innen aus der Oberstufe des Graf-Adolf-Gymnasiums nehmen am MICC School teil. Die Schule ist schon von Anfang an dabei, begleitet werden die Jugendlichen seit einigen Jahren von ihrem Lehrer Tobias Sechelmann: „Wir fahren meist im Februar. Kreisau liegt abgeschieden, oft auch tief verschneit – so hat es etwas von einer Klausur.“

Das Simulationsspiel findet in englischer Sprache statt. „Das ist anspruchsvoll und kann durchaus auch überfordern. Deswegen ist es wichtig, dass die Schüler*innen über die nötigen Sprachkenntnisse und Aufgeschlossenheit verfügen, damit es nicht zu Enttäuschungen kommt.“, so Tobias Sechelmann.

Eine steile Lernkurve beobachtet der Lehrer bei allen Teilnehmenden, er lobt das Projekt: „Es wir sehr hart gearbeitet und man hat ein klares Ergebnis.“ Die Teilnehmenden würden jedoch nicht im Glauben gelassen, dass es die eine perfekte Lösung gäbe: „Die Urteile werden besprochen und mit den realen Ergebnissen – die jedoch auf anderen rechtlichen Grundlagen entschieden wurden – verglichen. Zudem gibt es einen Ausblick auf andere Fälle“, erklärt Tobias Sechelmann.

Internationales Netzwerk

Durch das MICC Projekt ist ein internationales, ständig wachsendes Netzwerk entstanden, in dessen Rahmen Kenntnisse und Methoden der non-formalen Bildung ausgetauscht werden sowie eine Diskussion zu aktuellen menschenrechtlichen Themen und Untersuchungen des ICC geführt wird. „Unsere Teilnehmer*innen werden darin bestärkt, aktiv für die Einhaltung von demokratischen Prinzipien einzutreten. Durch kritische Reflexion und Austausch lernen sie verschiedene Sichtweisen kennen und verstehen“, erklärt Kerim Somun.

Das klingt sehr anspruchsvoll, ja gar elitär? „Ja und nein“, sagt Tobias Sechelmann, „wir sind oft am wenigsten elitär von allen.“ Bei Partnern zum Beispiel aus Serbien oder der Türkei handle es sich natürlich nicht um irgendwelche Schulen. „Und wenn beispielsweise die Schüler*innen aus Osteuropa dann unglaublich gut Englisch sprechen, wird auch so manches Vorurteil abgelegt.“ Da seine Schule über sehr viele Angebote verfüge, gebe es selten mehr Anmeldungen als Plätze. Auf ein paar Aspekte achtet Tobias Sechelmann jedoch: Geschlechterparität und keine Versetzungsgefährdung, zudem finde eine Rücksprache mit der Englischlehrkraft statt.

An Schulen aus anderen Ländern sehe dies anders aus – was auch für die Schüler*innen jeweils eine Erkenntnis sei: „Aus New Mexico (USA) zum Beispiel ist es eine Weltreise nach Kreisau. Da muss man sich mit einem Essay bewerben und danach gibt es ein Vorstellungsgespräch“, erzählt Tobias Sechelmann.

Auch die Zusammenarbeit mit den außerschulischen Trainer*innen schätzt Sechelmann: „Diese young professionals sind sehr divers, haben ein tolles Händchen und erfüllen eine Vorbildfunktion.“ Nicht zuletzt wegen ihnen freut sich der Lehrer auch persönlich jedes Jahr wieder auf die Reise: „Die Trainer-Gemeinschaft ist auch für mich eine Bereicherung.“

Straffes Programm

Einen Monat vor der Begegnung erhalten die Teilnehmer*innen Information über den historischen Fall und über ihre Rolle: ob sie Strafverfolger*in, Verteidiger*in, Richter*in oder Journalist*in sind. Aufgeteilt in internationale Teams bekommen sie die Aufgabe, gemeinsam ein Positionspapier zu entwickeln.

Die Lehrkräfte sollen dabei nicht zu stark eingreifen, erklärt Tobias Sechelmann seinen Part: „Es ist natürlich eine große Herausforderung für die Schüler*innen. Vor der Reise bin ich bei Rückfragen für sie da, wir planen gemeinsam unseren Beitrag für den interkulturellen Abend. Ich frage nach, ob sie alles verstanden haben – aber es gibt keinen Unterricht dazu, ich bin einfach Begleitperson.“

Vor Ort präge ein ebenso straffes wie vielseitiges Programm das Projekt, erzählt Kerim Somun:

„Nach der Ankunft wird ein Abendessen organisiert, danach folgen die Eröffnungszeremonie und ein informelles Get-Together, bei dem die Teilnehmer*innen sich gegenseitig und die Trainer*innen besser kennenlernen.

Am zweiten Tag erfahren die MICC-Teilnehmer*innen in einem Workshop mehr über die Entwicklung und Bedeutung der Menschenrechte. Zudem können sie bei einer Führung durch Freiwillige der Stiftung Kreisau mehr über diesen Ort und seine Geschichte, aber auch seine Bedeutung im heutigen Europa lernen. Am Nachmittag vom zweiten Tag machen sich die Teilnehmer*innen mit den historischen Hintergründen der Fälle vertraut.

Am dritten Tag werden sie in Kleingruppen gemäß ihrer Rollen eingeteilt, bereiten mit ihren Trainer*innen die Fälle vor, während das Presseteam an der MICC Zeitung und dem Film arbeitet. Während des vierten und fünften Tages finden die simulierten Gerichtsverhandlungen und Diskussionen statt.

Der formale Teil des Programms endete mit der Abschlusszeremonie, bei der die Teilnehmenden Zertifikate erhalten und wo das Presseteam die Zeitung und den Film präsentiert. Am letzten Tag können die Teilnehmer*innen Wroclaw besuchen, bekommen eine Führung durch die Innenstadt und auch ein bisschen Zeit die Stadt selbst zu entdecken.“

„Vor Ort wird vieles gut aufgefangen. Zuhause brauchen die Schüler*innen keine Betreuung mehr. Die lange Rückreise mit Bus und Bahn hilft aber auch, die Woche nochmal Revue passieren zu lassen“, so Tobias Sechelmann. Ein Nachbereitungstreffen finde trotzdem statt: beispielsweise um gemeinsam eine Präsentation für den Tag der offenen Tür der Schule vorzubereiten.

„Mir persönlich hat es sehr viel Spaß gemacht und ich würde es jedem weiterempfehlen. Denn es ist ein großartiges Projekt für das Verständnis und Gefühl fürs internationale Rechtswesen, aber vor allen Dingen auch für Völkerverständigung und internationale Freundschaften, um gemeinsam für das einzustehen, was uns allen wichtig ist: Gerechtigkeit“, erzählt Tiana Marie Rogge, Schülerin aus Tecklenburg und Teilnehmerin 2017. Besonders beeindruckt habe sie, wie selbstverständlich alle Jugendliche aus so unterschiedlichen Nationen zusammengearbeitet haben, um gemeinsam solch komplexe Sachverhalte für ihre Position zu verdeutlichen.

Diese Sicht teilt auch Inessa Dobler, die 2019 aus Tecklenburg nach Kreisau gefahren ist: „Es war sehr interessant mit Menschen aus so vielen unterschiedlichen Orten und mit unterschiedlichen Hintergründen über internationale Dinge und auch injustice zu sprechen. Dies ist etwas, was ich in meinem Alltag nun auch erlebe und was mich sehr zum Nachdenken - und zum Überdenken meiner Meinung anregt.“ Außerdem helfe ihr die gesammelte Erfahrung dabei, Dinge kritisch zu hinterfragen und über ihre eigene Meinung zu reflektieren.

„Die Erfahrungen beim MICC haben mich darin bestärkt, dass ich einen Beruf ausüben möchte, indem ich anderen helfen kann. Ob ich dies als Verteidigerin, oder auf anderen Wegen erreichen möchte, weiß ich noch nicht“, so Tiana Marie Rogge. Allerdings sei ihr durch MICC bewusst geworden, dass Jura eine mögliche Studienwahl für sie ist.

„Jura wäre etwas für mich“ – oder auch nicht

4.500 Alumni gibt es mittlerweile, aus über 50 Ländern weltweit. „Wir können natürlich nicht den Werdegang jedes Teilnehmenden weiterverfolgen. Trotzdem bekommen wir immer wieder interessante Lebenszeichen, etwa Mails von Leuten, die erzählen, dass wir die Richtung ihres Lebens geprägt haben“, so Kerim Somun. Zum Beispiel von einer Alumna aus Kroatien, die sich nach ihrer Teilnahme am MICC im Jura-Studium auf internationales Strafrecht spezialisiert hat und heute beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag arbeitet. Oder ehemalige Teilnehmende, die sich zu Trainern weiterbilden und die Methode weitertragen möchten. „Viele unserer Alumni sind auch im Bereich der Zivilgesellschaft aktiv“, erklärt Kerim Somun.

Im Anschluss an das Projekt höre er oft „Jura wäre etwas für mich“ – oder auch das genaue Gegenteil, was ebenfalls ein Erkenntnisgewinn sei, so Tobias Sechelmann. Eine ehemalige Schülerin aus dem Presseteam arbeite heute im Journalismus, und auch der Jahrgang 2019 macht sich bereits Gedanken zur Studienwahl: „Ich würde sagen, dass auch wenn das Projekt nicht wirklich meinen Berufswunsch beeinflusst hat, es mir jedenfalls neue Denkanstöße gegeben hat“, so Inessa Dobler. Ihr Mitschüler Patrick Hövels hingegen gehört zur Fraktion „Jura wäre etwas für mich“ und konnte seinen Berufswunsch spezifizieren: „Dieses Projekt hat mir einen tieferen Einblick in das Thema Recht gewährt, und mich dazu veranlasst eventuell Internationales anstatt Deutsches Recht zu studieren“, erklärt er.

Der Grund, warum Patrick Hövels dieses Projekt weiterempfehlen würde, ist allerdings ein anderer: „Weitaus wichtiger als der Einblick in die Welt der Gesetze ist mir die Freundschaft zu Leuten aus vielen verschiedenen Ländern. Es war schlichtweg erstaunlich und beeindruckend, was diese Menschen zu berichten hatten, und ich weiß es sehr zu schätzen, dass ich all diese Leute kennenlernen konnte.“

Ein Beitrag von Christine Bertschi.