Good Practice

Kaffee zum Glück – für polnische und deutsche Jugendliche

Kaffee zum Glück

Das Café „Kaffee zum Glück“ im Schloss Trebnitz in Brandenburg bietet jedes Wochenende in der Saison Kaffee und selbst gemachten Kuchen an. So weit, so unspektakulär: Doch geführt wird das Café seit 2012 als Juniorfirma von Jugendlichen aus Deutschland und Polen, mit ganz unterschiedlichen sozialen und Bildungshintergründen. Ein internationaler Austausch, der gleichzeitig als Sprungbrett ins Berufsleben dient.

 

Kaffee zum Glück

Ob als Verschnaufpause auf einer Fahrradtour oder als Treffpunkt für die lokale Bevölkerung: Das Café „Kaffee zum Glück“ lädt zum Verweilen ein. Doch es wird dort auch viel gelernt – und zwar von Schüler*innen aus dem deutsch-polnischen Grenzgebiet. Servieren, Kaffeekochen und Kuchenbacken, aber auch Warenbestellung und Buchhaltung gehören zu dem Bildungsprojekt unter Federführung des Schloß Trebnitz Bildungs- und Begegnungszentrum e.V. Die Jugendlichen sammeln hier erste eigenverantwortliche Erfahrungen im und mit realem Geschäftsbetrieb, Waren und Geldströmen. Und nicht zuletzt lernen und arbeiten sie zusammen mit Gleichaltrigen aus dem Nachbarland.

Am Projekt nehmen zurzeit drei Schulen teil: die Kleeblatt Schule Seelow (eine Förderschule), das Marie-Curie-Skłodowska-Schulzentrum in Kostrzyn an der Oder (eine Art Gymnasium mit dem beruflichen Schwerpunkt Gastronomie und Hotelwesen) und die Kinderheime in Żary und Lubsko. Die Schüler*innen nehmen nicht klassenweise, aber meist in Gruppen teil – vor allem die Jugendlichen aus Polen, da sie im Rahmen einer Auslandsreise immer von einer betreuenden Person begleitet werden.

Gefördert wird das Projekt vom Deutsch-Polnisches Jugendwerk (DPJW) und über Erasmus+. Aufgrund der Förderperioden letzterer fängt ein neuer Projektdurchgang meistens im Februar an und für November ist in der Regel die letzte Begegnung geplant:

Beata Rauch, Projektleiterin

„Auch wenn das Projekt nicht wirklich an das Schuljahr angepasst werden kann, kommen die Projektpartner mit diesem Rhythmus ganz gut klar. Bisher gab es nur einzelne Fälle, in denen jemand nach den Sommerferien z.B. aufgrund eines Schulwechsels nicht mehr mitmachen konnte. Die Vertreter*innen der Projektpartner sind darauf eingestellt und akquirieren ihre Teilnehmenden so, dass sie dann ggf. auch zwei Jahre im Projekt bleiben können. Was eine gute Multiplikator*innenfunktion erfüllt: So werden bei dem nächsten Projektdurchgang die neu Dazugekommenen von den bereits erfahrenen Teilnehmenden geschult und mitgezogen“,

erklärt Projektleiterin Beata Rauch.

Kaffee zum Glück

Im Café fallen vielseitige Aufgaben an: von Kaffee kochen bis zur Buchhaltung. Grundsätzlich werden alle Schüler*innen in allen Bereichen ausgebildet, alle nehmen an allen Kursen und Schulungen – z.B. einem Barista- oder Backkurs – teil. „Selbstverständlich übernehmen die Jugendlichen bei den Einsätzen an den Wochenenden ihre Lieblingsaufgaben oder die, in denen sie die besten sind. Sie teilen die Aufgaben untereinander auf“, so Beata Rauch. Da die Einsätze in gemischten und wechselnden Gruppen erfolgen, sei es trotzdem wichtig, dass alle alles können. Und: An den Wochenenden ist immer auch ein*e Betreuer*in mit dabei, der*die die Arbeit und Aufgaben verteilt und im Auge behält.

Austausch im Grenzbereich und Sprachvermittlung

Kaffee zum Glück

Im Rahmen des Projekts finden regelmäßige Aktivitäten aus dem Bereich der Sprachanimation statt: „So können die Jugendlichen auf spielerische Weise Wörter und einfache Sätze in der jeweiligen Fremdsprache lernen“, erklärt Projektkoordinatorin Magdalena Stojer-Brudnicka die Vorzüge.

Magdalena Stojer Brudnicka, Projektkoordinatorin

Zudem wird jedes Projekttreffen verdolmetscht – schließlich ist es für den Cafébetrieb wichtig, dass alle Teilnehmer*innen alles verstehen. „Bei den Wochenendeinsätzen ist immer eine zweisprachige Person mit dabei. Nichtsdestotrotz versuchen die Jugendlichen auch miteinander direkt zu kommunizieren, mit Händen und Füßen oder mit Online-Wörterbüchern. Die polnischen Jugendlichen lernen auch meistens Deutsch in der Schule“, so die Projektkoordinatorin.

Außerhalb des Projekts kommen die Jugendlichen ebenfalls in Kontakt mit dem Partnerland, aber auf ganz unterschiedliche Weise, wie Beata Rauch schildert:

„Die Jugendlichen aus Kostrzyn fahren öfter privat nach Brandenburg oder Berlin zum Einkaufen oder organisieren sich ein Praktikum auf der deutschen Seite der Grenze. Die Jugendlichen aus Lubsko hingegen – wegen der Entfernung und auch der Tatsache, dass sie in einer Betreuungseinrichtung leben – kommen nicht so oft nach Deutschland. Die Jugendlichen aus Seelow fahren mit ihren Eltern regelmäßig auf die polnische Seite einkaufen oder tanken. Außerdem nehmen die beteiligten Schulen auch öfter an anderen Projekten im Schloss Trebnitz teil.“

Von der Inklusion profitieren alle

Kaffee zum Glück

Vor allem den Jugendlichen, die es nicht so leicht haben und die nicht so schnell einen guten Ausbildungsplatz bekommen, will das Projekt „Kaffee zum Glück“ eine Chance geben, erste Berufserfahrungen zu sammeln. Es bietet ihnen die Möglichkeit, etwas zu lernen und zu erleben – und sie können bereits mit ersten Erfahrungen und Referenzen auf den Praktikums- oder Arbeitsmarkt gehen. „Außerdem sind es oft auch Jugendliche aus sozial schwachen Familien, denen wir zeigen können, dass das Zusammenleben auch anderes organisiert werden kann, wie man miteinander respektvoll kommunizieren kann und dass man auch Kinder und Jugendliche wie Partner*innen behandeln sollte“, so Magdalena Stojer-Brudnicka.  

Letztlich bietet der inklusive Ansatz für alle einen Mehrwert:

„Alle Teilnehmenden erfahren, dass die Welt vielfältig ist, dass es nicht immer am wichtigsten ist, die besten Leistungen zu erzielen, sondern auch der Weg dahin sehr von Bedeutung ist. Die Gymnasiast*innen lernen, Verantwortung zu übernehmen, für die „Schwächeren” zu sorgen und sie mitzuziehen. Und die Förderschüler*innen werden durch die Gymnasiast*innen mehr gefordert“,

erläutert Beata Rauch.

2012 startete das Projekt. Dass das Konzept nachhaltig wirkt, zeigen die beruflichen Laufbahnen der Absolvent*innen, erzählt Beata Rauch:   

„Wir haben kleinere und größere Erfolge zu vermerken: Ein ehemaliger Teilnehmer führt heute ein Café in Zielona Góra, ist professioneller Barista und leitet für uns den Baristakurs für Anfänger*innen, den wir jedes Jahr zu Projektbeginn anbieten. Viele andere arbeiten auch in der Gastronomie oder im Hotelwesen. Ein anderer ehemaliger Teilnehmer wurde zum Manager unseres Schülercafés. Darüber hinaus bekommen wir auch manchmal zu hören, dass z.B. ein ehemaliger Teilnehmer aus der Förderschule zuerst ein Praktikum und dann eine Stelle in einem Supermarkt bekommen hat, was auch ein großer Erfolg ist. Es ist immer ein Beweis dafür, dass die Teilnehmenden die Chancen genutzt haben, die wir ihnen hier gegeben haben!“

Corona: Backbuch statt Cafébetrieb

Kaffee zum Glück

Letztes Jahr konnte die Auftaktveranstaltung im Februar noch normal stattfinden, seither ist es kompliziert: „Wir haben es geschafft, in der zweiten Hälfte 2020 zwei kleinere Begegnungen umzusetzen, dank denen wir das Gefühl der Zugehörigkeit zu dieser Gruppe und zu diesem Projekt aufrechterhalten konnten“, so Magdalena Stojer-Brudnicka. An Cafébetrieb ist weiterhin nicht zu denken, doch vor den Sommerferien möchte sie eine Online-Begegnung mit allen organisieren. „Es ist jedoch nicht leicht, solche Veranstaltungen zu organisieren, da die Voraussetzungen bei den Partnern unterschiedlich sind. Einerseits was die Technik angeht, andererseits sind zurzeit alle Teilnehmenden in Polen im Homeschooling, während die deutschen Jugendlichen zur Schule gehen. Dies erschwert die Organisation“, erklärt Beata Rauch.

Doch untätig bleiben ist keine Option: Mit den Partnerorganisationen steht das Team vom Schloss Trebnitz in Verbindung, sie treffen sich regelmäßig per Videokonferenz und schmieden neue Pläne für nach Corona. „Darüber hinaus ist es uns letztes Jahr in der Pandemie gelungen, ein Backbuch mit Rezepten, die wir im Schülercafé verwenden, zusammenzustellen. Zurzeit befindet sich die Publikation bereits in der letzten Korrekturphase“, freut sich Beata Rauch. 

Ein Beitrag von Christine Bertschi