Good Practice

Tallinn – Hamburg: Ein Austausch zum Staunen, nicht nur digital

Bildungskooperation zwischen dem Gymnasium Hoheluft (Hamburg) und der Tallinna Rahumäe Põhikool
Schülerinnen bei der Entwicklung einer Anwendung

Ganz im Zeichen der Digitalisierung stand der Schüleraustausch zwischen dem Gymnasium Hoheluft in Hamburg und der Tallinna Rahumäe Põhikool in Estlands Hauptstadt. Die zwei Begegnungen im April und September, an denen jeweils 22 Schüler*innen des 8. (später 9.) Jahrgangs teilnahmen, widmeten sich dabei der Frage „Was verbindet und was trennt uns als junge Europäer*innen im digitalen Zeitalter?“

Gemeinsamkeiten herausfinden und miteinander Einblicke in die jeweils eigene und fremde Lebenswelt erfahren, darum ging es auf den je einwöchigen Begegnungsfahrten. Die gemeinsame Geschichte der beiden Hansestädte war nur ein Aspekt, sich mit eigenen und fremden Haltungen auseinanderzusetzen, etwa beim Besuch des Europäischen Hansemuseums in Lübeck sowie des Historischen Museums in Tallinn.

Digital verbunden

Erlebnis Digitalisierung auf der Tincon

Noch spannender wurde es beim Thema Digitalisierung: Die Schüler*innen konnten sich Inhalte immer auch auf eine sehr aktive Weise bei gemeinsamen Projekten und in Workshops erarbeite. So in Tallin bei einem schulischen Robotics-Workshop und im Baltischen Filmmuseum - hier kreierten die Schüler*innen selbst einen Animationsfilm – oder beim Besuch der Messe Tincon, der Teenage Internetwork Convention, in Hamburg. Die Schüler*innen lernten bei einem Workshop an der Universität Hamburg sogar die Grundlagen der App-Programmierung kennen und entwickelten verschiedene Quiz-Apps, die schließlich in der Schule den Mitschüler*innen präsentiert wurden. Die Gestaltung des Quiz war den Schüler*innen überlassen, so dass etwa Bilderrätsel oder ein Quiz zu den Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen Estland und Deutschland entstanden. Bei vielen anderen Programmpunkten wurden Geschichte, Kultur und Digitalisierung miteinander verknüpft, etwa bei digitalen Stadtrallyes mit Smartphones in Tallinn und Lübeck.

Am Austausch teilhaben lassen

Besonderes Anliegen des 2012 gegründeten Hamburger Gymnasiums war es, den Austausch von Beginn an langfristig und nachhaltig zu denken und ihn für die ganze Schulgemeinschaft erfahrbar zu machen.

Bei Workshops erfahren die anderen Klassen ebenfalls mehr über Estland

Die Schüler*innen waren dazu auf vielfältige Weise selbst aktiv, etwa indem sie mit ihren Austauschpartner*innen Workshops zur estnischen Kultur und Sprache durchführten oder anderen Schüler*innen die selbst entwickelte Smartphone-App zeigten und sie in ihrem Gebrauch anleiteten. Die estnischen Austauschschüler*innen hospitierten in unterschiedlichen Lerngruppen und führten in Unterrichtsstunden Präsentationen und Workshops mit deutschen Schüler*innen durch. So konnten auch die Schüler*innen anderer Klassen und Jahrgänge an diesem Austausch und den Erfahrungen ihrer Mitschüler*innen teilhaben.

Anregungen für jeden

„Es war ein sehr intensiver Austausch, der uns interessante und teilweise unerwartete Einblicke in das Leben in Estland brachte“, sagt Timo Trunk, der beide Austauschbegegnungen mitorganisiert und begleitet hat. „Viele waren überrascht und beeindruckt davon, wie souverän estnische Austauschschüler*innen in englischer Sprache kommunizierten, obwohl ihre Muttersprache ganz anderen Regeln folgt. Auch die Selbstverständlichkeit, mit der digitale Medien in Estland im Alltag und Schulalltag verwendet werden, war für uns erstaunlich. Gerade in diesem Bereich, der zurzeit auch in unserer Schulentwicklung eine wichtige Rolle spielt, bekamen wir ganz wichtige Impulse.“

Den größten Ertrag hatte die Austauschbegegnung sicher für die direkt beteiligten Schüler*innen, die trotz trennender Aspekte (z.B. die für uns sehr komplexe estnische Sprache) viele gemeinsame Interessen erkannt und verfolgt haben.

„Estland ist uns durch die Begegnung deutlich näher gerückt und als europäischer Partner für die Schulgemeinschaft sichtbar geworden – hat Gesicht(er) bekommen“, sagt Inga Sönnichsen, die den Austausch ebenfalls von Beginn an begleitet hat. „Die Begegnung regte uns zur Selbstreflexion an: Sind wir so weltgewandt und hochentwickelt, wie wir denken? Solche Überlegungen haben uns motiviert, auch über unsere weitere Schulentwicklung nachzudenken, etwa wenn es um Digitalisierung und die fremdsprachliche Kommunikation geht.“

Für beide Schulen war dieser erste Austausch ein gelungener. Solche Begegnungen sollen zu einem festen Teil des schulischen Austauschkonzeptes werden. Noch ist jedoch unklar, ob eine Weiterführung des Austausches angesichts knapper Personalressourcen von den jeweiligen Schulen befürwortet und personell unterstützt wird.

Die diesjährige Begegnung kam dank des persönlichen Engagements einzelner Lehrkräfte zustande und war nur durch die Förderung des Pädagogischen Austauschdienstes und einer Unterstützung durch »Austausch macht Schule« möglich.

Die kontinuierliche Fortführung des Austausches wird sicherlich auch davon abhängen, ob die Schule erneut Fördergelder einwerben kann. Es heißt also Überzeugungsarbeit leisten und Daumen drücken.