„Bei der jungen Generation ansetzen – je kleiner desto besser!“

Nachgefragt bei
Donata Di Taranto
Grundschüler*innen aus Niederbayern und Südböhmen

Das Projekt „Zentrum für Sprachkompetenz Deutsch-Tschechisch“ von der EUREGIO Bayerischer Wald - Böhmerwald - Unterer Inn e.V. möchte, dass sich Menschen im bayerisch-böhmischen Grenzraum besser verständigen können. Möglichst früh soll man damit anfangen, betont Projektmanagerin Donata Di Taranto im Interview. Deshalb setzen ihre Projekte bei Kindergarten und Grundschule an.

Teil 7 unserer kleinen Serie zum Thema Grundschulaustausch, weitere Interviews folgen!
Hier geht es zu den bereits erschienenen Interviews und weiteren Materialien.

 

Donata Di Taranto

Frau Di Taranto, im Februar 2017 hat das Zentrum für Sprachkompetenz Deutsch-Tschechisch seinen Betrieb aufgenommen, mit dem Ziel, die Verbreitung der Nachbarsprache in der Grenzregion zu fördern. Was genau machen Sie?

Donata Di Taranto: Unser Prinzip lautet: Wir organisieren und finanzieren alles, die Schule muss uns nur einen Raum und die Kinder zur Verfügung stellen. Einmal die Woche, ein Schuljahr lang, gibt es eine Tschechisch-Lektion mit Elementen der Sprachanimation – eine von Tandem, dem Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch für den deutsch-tschechischen Kontext weiterentwickelte Maßnahme. Und als Abschluss eine Exkursion nach Tschechien und einen Besuch der tschechischen Partnerschule in Deutschland. Bei diesen Ausflügen können die Schüler*innen ihre Sprachkenntnisse erproben, das Nachbarland erkunden und Gleichgesinnte kennenlernen.

In den letzten drei Jahren haben je 30 Kindergärten und 50 Schulen in Deutschland und Tschechien teilgenommen. Von den 50 Schulen waren 27 Grundschulen – dort lässt sich ein besonders großes Interesse verzeichnen.

Im ersten Jahr waren viele Schulen dabei, die bereits eine Partnerschaft mit Tschechien hatten, aber bisher ohne Sprachvermittlung arbeiteten. Jede Schule durfte nur ein Jahr lang mitmachen, damit das Wissen möglichst breit gestreut wird. In diesem Jahr endet das Projekt, 148 Bildungseinrichtungen und 2269 Projektteilnehmer*innen haben wir in den letzten drei Jahren damit erreichen können.

Weshalb ist Ihre Arbeit gerade in Grenzregionen wichtig, entsteht da der Austausch nicht automatisch?

Schüler*innen beim Austausch des Zentrums für Sprachkompetenz Deutsch-Tschechisch

Zwischen Niederbayern und Südböhmen gibt es kaum Verbindungen. Auch Schulen, die zehn Kilometer von der Grenze entfernt sind, hatten bislang keine Kontakte. Wenn ich eine Austauschgruppe frage, wer von ihnen schon mal in Tschechien war, sieht das Bild so aus: Die Hälfte gar nicht, die andere Hälfte gleich hinter der Grenze, an der ersten Tankstelle Zigaretten kaufen und auf dem Vietnamesenmarkt. Schade: Tschechien scheint so nah zu sein, und doch so fern. Nach unserer Exkursion ins Nachbarland wissen die Kinder: Es gibt dort viel zu sehen und zu erleben, etwa im Zoo, im Nationalpark oder beim Besuch eines Schlosses.  

Gerade in den Grenzregionen gibt es besonders viele Vorurteile – und zwar auf beiden Seiten! Viele deutsche Eltern machen sich z.B. Sorgen um ihre Kinder, da sie nur die negativen Aspekte im Grenzgebiet vor Augen haben. Wenn sie an Tschechien denken, denken sie meist nur an billig Einkaufen und Prostitution, weil sie das Land nie wirklich kennengelernt haben, sondern ihre Perspektive nur auf die paar Kilometer gleich hinter der Grenze beschränken.

Aus tschechischer Sicht hat es wiederum einen Grund, wieso diese „Waren“ gleich an der Grenze angeboten werden, da es die zahlreichen deutschen Abnehmer dorthin näher hätten. Wie man sieht, haben also beide Seiten gleichermaßen ihr Problem damit und ihre festgefahrenen Argumente.

Genau hier wollten wir ansetzen. Auch und vor allem diese Sichtweise auf den jeweiligen Nachbarn wollte unser Projekt ändern. Daher ist es wichtig, neben den Sprachkursen eben auch deutsch-tschechische Schülerbegegnungen einzubauen: Dabei bekommen Kinder und Jugendliche beider Seiten der Grenze die Möglichkeit, Land und Leute ihres Nachbarlandes kennenzulernen, weiter ins Landesinnere zu fahren und festzustellen: In beiden Ländern findet man Menschen, Gleichgesinnte, mit ähnlichen Werten, Ansichten, Gewohnheiten, Bedürfnissen.

Schüler*innen beim Austausch des Zentrums für Sprachkompetenz Deutsch-Tschechisch

Die Schüler*innen sollen eben das kennenlernen, was unser heutiges Europa ausmacht, egal wie lange beide Länder zuvor von einander abgeschnitten waren. Dies hat die heutige Generation nicht mehr miterlebt und sie würde es heutzutage auch nicht sonderlich merken, wenn nicht immer und überall alte Vorurteile den Diskurs beherrschen würden.

Dies ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass viele Eltern der heutigen Schüler*innen, besonders im Grenzgebiet, den Eisernen Vorhang noch real vor Augen haben. Zudem besuchten viele von ihnen direkt nach der Grenzöffnung das Nachbarland, waren anfänglich schockiert und einige seither nie wieder da. Seither hat sich jedoch viel getan. Daher muss man nun bei der jungen Generation ansetzen. Je kleiner desto besser.

Was den Deutschen nicht immer ganz klar ist: das Desinteresse an der jeweiligen Nachbarsprache ist heutzutage gegenseitig. Früher war man es gewohnt, dass irgendwer hinter der Grenze schon Deutsch sprechen könne, dies ist aber immer seltener der Fall. Spanisch und Englisch gelten für tschechische Schüler*innen mittlerweile als viel attraktiver als Deutsch. Viele Jugendliche merken erst nach dem Schulabschluss: Die deutsche Sprache eröffnet im Grenzgebiet auf dem Arbeitsmarkt mehr Möglichkeiten.

Schüler*innen beim Austausch des Zentrums für Sprachkompetenz Deutsch-Tschechisch

30 Einheiten Sprachanimation beinhaltet Ihr Programm für Kindergärten und Grundschulen – wie viel lernt man dabei, was bewirkt die Sprachanimation?

Die Kinder lernen die Anfänge der tschechischen Sprache: sie können sich vorstellen, Essen bestellen… Am Ende sind alle begeistert und bedauern, dass es nicht weitergeht.

Im Fokus steht immer auch die Begegnung: Denn nur durch den aktiven Gebrauch der erlernten Sprache, nur durch das Herantasten und Ausprobieren können aus theoretischen Kenntnissen handfeste und positive Erfolgserlebnisse werden, die nicht selten sogar in eine grenzüberschreitende Freundschaft übergehen.

Warum, finden Sie, soll der Austausch schon im Kindergarten- oder Grundschulalter anfangen? Was ist der Vorteil gegenüber dem klassischen Austausch im Jugendalter?

Die Kinder sind glücklich über ihre Tschechisch-Lektion. Manche Eltern zweifeln erst und sind nicht gleich von Beginn an Feuer und Flamme. Doch letztlich beeinflusst die Eltern, dass die Kinder, die am Tschechischunterricht teilnehmen, Spaß haben, und sie lassen sich dann doch überzeugen und melden ihrer Kinder nachträglich noch zum Unterricht an. Wieder andere Eltern lassen sich teilweise sogar selbst davon anstecken. Manche wagen es dann sogar selbst mal mit ihren Kindern für Wochenendausflüge nach Tschechien, entdecken den Moldaustausee oder andere Schönheiten Südböhmens. Manche lernen selbst ein paar Worte Tschechisch und lassen sich dabei von ihren Kindern bzw. unserer Tschechischlehrkraft helfen. Über die Kinder und ihre Offenheit gelingt es am besten, auch die ältere Generation zu erreichen.

Wie groß ist das Interesse von Grundschulen? Ist der Gedanke eines Austauschs präsent oder müssen Sie viel Überzeugungsarbeit leisten?

Vor Projektbeginn haben wir eine Interessensabfrage durchgeführt. Daher war es für den ersten Jahrgang recht leicht, die bereits informierten und interessierten Schulen zu gewinnen. In den folgenden beiden Jahren stellten wir das Projekt an Schulen aller Schulformen vor. Dabei hat sich gezeigt, dass die Grundschulen die aktivste, motivierteste und größte Gruppe darstellen.

Schüler*innen beim Austausch des Zentrums für Sprachkompetenz Deutsch-Tschechisch

Seit Anfang 2020 läuft ein neues Projekt namens „Gemeinsame Sprache – gemeinsame Zukunft“. Worum geht es in diesem Projekt?

„Gemeinsame Sprache – Gemeinsame Zukunft“ ist für 15 Grundschulen und 15 weiterführende Schulen aus jeweils beiden Ländern konzipiert. Es sind neue Grundschulen dabei, und unter den weiterführenden Schulen auch verstärkt berufsbildende Schulen, die unter anderem durch die Exkursionen einen Einblick in die berufliche Praxis im Grenzgebiet bekommen sollen.

Auch in diesem Projekt verfolgen wir das Ziel, Sprachbarrieren im deutsch-tschechischen Grenzraum abzubauen, pro Schuljahr finden jeweils eine Exkursion ins Nachbarland sowie ein Gegenbesuch der tschechischen Schüler*innen auf bayerischer Seite statt.

Vermehrt kommt es nun auch zu gemeinsamer Projektarbeit, digitale Lernformen spielen dabei ebenfalls eine Rolle. Die Stadtrallyes zum Beispiel gestalten wir neu mit Hilfe von Tablets und der App Actionbound. Und auch der Tschechischunterricht an deutschen Schulen wird digitalisiert: Eine Webapplikation zur Ergänzung des Schulunterrichts befindet sich aktuell in Entwicklung und wird den Schüler*innen nächstes Jahr zur Verfügung stehen.

Durch die Schulschließungen und Reisebeschränkungen mussten dieses Jahr viele Austauschvorhaben ausfallen – wie ist es Ihnen ergangen, was war/ist im grenznahen Raum möglich? 

Für unser neues Projekt „Gemeinsame Sprache – Gemeinsame Zukunft“ war die Pandemie natürlich ein Dämpfer. Schulen zur Teilnahme zu animieren war eine der Hauptaufgaben bis zum Schulstart im September 2020. Selbst gut vernetzte Schulen waren zunächst vorsichtig. Bislang gelang es uns aber doch, 15 Grund- und 10 weiterführende Schulen für das Projekt begeistern zu können.

Der Tschechischunterricht kann glücklicherweise gut und einigermaßen reibungslos in Präsenzform anlaufen – mit allen Hygienemaßnahmen. Die Möglichkeiten und Schwierigkeiten ergeben sich hier aus den Situationen vor Ort: Eine Schule hat bereits Distanzunterricht – auch für Tschechisch. Bei den anderen müssen wir auf jede Entwicklung vorbereitet sein und flexibel bleiben.

Unsere Austauschvorhaben, die Exkursionen der Partnerschulen, könnten aktuell natürlich nicht stattfinden. Sie wären jedoch erst für das Frühjahr und den Sommer 2021 geplant, wobei auch hier fraglich ist, was wann und wie möglich sein wird. Wir denken verstärkt über Onlinebegegnungen nach, damit die Partnerschaften auf diese Weise intensiviert werden können. Digitalisierung ist ein Schlagwort, das bereits bei der Projektentwicklung eine große Rolle gespielt hat. In diesem Bereich gibt es angesichts der Coronasituation gute Entwicklungen, an denen wir uns gerne beteiligen.

Es zeigt sich also im neuen Projekt, dass – trotz weltweiter Pandemie – das Interesse an der Nachbarsprache vorhanden ist. Wir versuchen, dieses Interesse so gut wie möglich zu fördern, ob in Präsenzform oder auf digitalem Weg.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Christine Bertschi.