Good Practice

„Austausch für alle“ als Schulkonzept

Ein Portrait des Rudi-Stephan-Gymnasiums Worms
Palermo: Abschied am Bus

Am Rudi-Stephan-Gymnasium Worms ist der internationale Austausch im Leitbild verankert, an einem Austausch kommt keine*r vorbei. Die Neuntklässler*innen fahren auf Klassenfahrt ins Ausland und bekommen Besuch von ihren Austauschpartnern, das Kollegium wird miteingebunden, hinzu kommen Individualaustausche und zum Beispiel Choraustausche.

Seit 2018 ist das Rudi-Stephan-Gymnasium Europaschule des Landes Rheinland-Pfalz. Die Schule führt zahlreiche Aktivitäten in den Bereichen Demokratie- und Menschenrechtserziehung, Fremdsprachen und interkulturelle Begegnungen durch.

In der 9. Klasse finden Austausche mit Frankreich und Italien statt, in Klasse 11 für Interessierte nach Genf und im 2-Jahres-Rhythmus nach Pennsylvania in den USA. Diese Austausche sind im Schulprofil verankert. Dort heißt es: „Klassenfahrten der 9. Jahrgangsstufe führen in Form eines Schüleraustauschs ins Ausland.“ Das Anliegen ist: Jede Schülerin und jeder Schüler nimmt an mindestens einem Austausch teil – und einige sogar an mehreren: neben Genf und Pennsylvania in der 11. Klasse gibt es zum Beispiel auch noch den Choraustausch. „Unsere Erfahrung ist: Der erste Austausch bricht das Eis und macht Mut und Lust auf mehr internationale Erfahrungen“, erzählt Daniel Wolf, beauftragter Studiendirektor und Koordinator für Fahrten und Schüleraustausche am Rudi-Stephan-Gymnasium Worms.  

Die dreizügige Schule braucht also drei Partnerklassen, um ihren Bedarf abzudecken. Wer wohin fährt, obliegt der Absprache der Klassenleiter*innen untereinander: Je nach Präferenz der Sprache, auch der Sprachkompetenz der Kolleg*innen an der Partnerschule, und nach eigenen Erfahrungen als Begleitperson.

Alle Lehrkräfte miteinbeziehen

Während sich an anderen Schulen Einzelkämpfer*innen, meist aus dem Bereich Fremdsprachen, für den internationalen Austausch stark machen, ist am Rudi-Stephan-Gymnasium der internationale Austausch im Leitbild verankert:  

Mit unserem [...] altsprachlich orientierten, breit aufgestellten Bildungsangebot schaffen wir (Lehrerinnen und Lehrer) das Fundament für die Entwicklung der Persönlichkeit und einer europäischen Identität. [...] Wir Schülerinnen und Schüler [...] setzen uns gegen Diskriminierung und Rassismus ein. Für uns sind das Lernen von Sprachen und das Kennenlernen anderer Kulturen das Fundament von Weltoffenheit. Dieses leben wir auch durch unsere zahlreichen Austauschprogramme.“

Palermo: Empfang am Flughafen

Entsprechend kommen auch die Lehrkräfte kaum an einem internationalen Austausch vorbei: als Begleitpersonen sind vor allem die Klassenlehrkräfte und ihre Stellvertreter*innen im Einsatz. „Die Zuteilung von Klassenleitungen hängt auch von der jeweiligen momentanen Möglichkeit ab, einen solchen Austausch zu begleiten“, erklärt Daniel Wolf. In seiner Funktion als Koordinator für Fahrten und Schüleraustausche unterstützt er die Lehrkräfte bei Fragen rund um die Austauschvorhaben. Klassenleiter bekommen im Jahr der Austauschfahrt eine Entlastungsstunde aus dem Pool der Kollegiumsentlastungsstunden.

Wenn Partnerschulklassen zu Besuch sind, wird das Kollegium der Gastgeber mit involviert. „Besonders wichtig ist, dass die Schulleitung dahintersteht und die Kollegen dazu ermuntert, mitzumachen und sich zu beteiligen“, erklärt Daniel Wolf das Erfolgsrezept seiner Schule.

Persönliche Kontakte

Es versteht sich, dass auch Daniel Wolf als Studiendirektor in die Schüleraustausche involviert ist. Zu seinen Aufgaben gehört, den Kontakt zu den Partnerschulen zu pflegen, jeweils nach den Sommerferien den neuen Austausch anzustoßen und mit den Klassenleitern ihre Aufgaben zu besprechen und beratend zur Seite zu stehen. Beim Elternabend unterstützt er die Klassenleitung, und wenn die Gäste an der eigenen Schule sind, nutzt er die Gelegenheit sie zu begrüßen und neue Kolleg*innen kennenzulernen.

Empfang im Ratssaal der Wormser Partnerstadt Parma

Seine Partnerschulen hat das Rudi-Stephan-Gymnasium oft über persönliche, manchmal sogar zufällige Kontakte gefunden. Mit Kaltakquise hat die Schule unterschiedliche Erfahrungen gemacht: In Parma wurden vier Gymnasien angeschrieben, zwei haben sich zurückgemeldet, mit einem der beiden besteht nun eine Partnerschaft. Im Elsass hingegen haben sich beim ersten Anlauf von 40 Schulen nur eine einzige zurückgemeldet – die in den Corona-Wirren jedoch auch wieder den Rückzieher gemacht hat.  

Gastgeber sein

Eine für die Schule wichtige Frage beim gesamten Vorhaben ist das Prinzip der „Gastgeberschaft“, die Aufnahme ausländischer Schülerinnen und Schüler in Gastfamilien. „Bemerkenswert ist, dass die Eltern im Nachhinein meist positiv über einen Austausch sprechen, auch wenn vorher viele Probleme gesehen werden“, so Daniel Wolf.

Die Zuteilung der Gäste erfolgt dabei durch die Klassenleitung, und es sind viele Kriterien zu beachten: Geschlecht, Allergien und Allergene, Essensgewohnheiten, Freundschaften oder auch die Frage: sollen strenggläubige Muslimas zu Nur-Frauen-Familien? Für die Unterbringung hat natürlich nicht jede Familie ein eigenes Gästezimmer zur Verfügung, Daniel Wolf empfiehlt hier, pragmatisch zu sein: „Der Gast bekommt das Bett vom Gastgeber, und der Gastgeber eine Matratze auf den Boden. Oder die Zimmer von Geschwisterkindern so tauschen, bis eins frei wird.“ Wenn es gar nicht geht, oder auch, wenn die Zahl nicht aufgeht, können auch zwei Gästen bei einer Familie der Klasse unterkommen, oder bei anderen Familien der Schule.

Finanzierung sichern

Palermo: Abschied am Bus

Wenn ein Austausch Pflicht ist, müssen die Kosten überschaubar bleiben.  Die Gesamtkosten für eine Teilnahme sind deshalb von der Schulkonferenz mit max. 200 Euro festgelegt. Bei finanziellen Problemen wird über die Schule das Teilhabepaket genutzt. Die Begleitkosten für Lehrkräfte werden durch den Förderverein getragen.

Durch die Akkreditierung bei Erasmus+ im Frühjahr 2022 gehören finanzielle Sorgen allerdings der Vergangenheit an.

Was wäre wenn…

Mit Beginn der Covid-Pandemie ließ das Rudi-Stephan-Gymnasium seine internationalen Kontakte nicht einschlafen: Auf der Website sind Berichte zu lesen wie „Die Corona-Pandemie an unserer französischen Partnerschule Ribeauvillé“. Besonderes Interesse hat das Gymnasium nun an der Ausweitung der internationalen Zusammenarbeit. Ein Ziel ist auch die Verknüpfung der verschiedenen Schulpartnerschaften über mehrere Jahrgangsstufen hinweg sowie der Partnerschulen untereinander. „Mögliche Entwicklungsfelder in diesem Zusammenhang sind die schulinterne Arbeitsorganisation, neue Fahrtenkonzepte, die Beratung von Schülerinnen und Schülern sowie die Kooperationen mit außerschulischen Partnern“, erklärt Daniel Wolf.

Wie hoch wäre der Anteil an Austausch-Teilnehmenden wohl, wenn es kein Konzept „Austausch für Alle“ gäbe? Das sei schwer zu beantworten, denn Austausch ist Teil des pädagogischen Konzepts, und das schon länger, so Daniel Wolf. „Es hat sich als gut erwiesen, aufgrund der Entscheidung der Gesamtkonferenz den Ansatz „Klassenfahrten = Austausche für alle“ zu verfolgen. Es gab zwar immer wieder Diskussionen – aber letztlich haben aufgrund der vielen positiven Erfahrungen alle immer an einem Strang gezogen.“

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