Fachbeiträge

Austausch und Klimaschutz

Wie vertragen sich diese beiden Themen?
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Der Klimawandel ist auch in vielen Klassenzimmern präsent, spätestens seit der Fridays for Future Bewegung beschäftigt er die Jugendlichen. Da kommt bei internationalen Austauschvorhaben die Frage auf: Wie vertragen sich diese beiden Themen? Darf man für Begegnungen über Kontinente hinweg noch ins Flugzeug steigen? Katharina von Münster, Viktoria Jeske und Jana Niehues vom ENSA-Programm (kurz für: Entwicklungspolitisches Schulaustauschprogramm von Engagement Global) sowie Tobias Rusteberg, Oberstudienrat am Tilman-Riemenschneider-Gymnasium (TRG) in Osterode am Harz und Initiator einer Schulpartnerschaft mit Kaolack (Senegal), haben darüber mit uns gesprochen.


AmS: Fangen wir gleich mit der entscheidenden Frage an: Ist es heute noch vertretbar, einen Schulaustausch, der mit Flugreisen verbunden ist, durchzuführen? Heiligt der Zweck die Mittel?

ENSA: ENSA fördert Schulaustausche zwischen Schulen aus Deutschland sowie ihren Partnern aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Südosteuropa. Und natürlich beschäftigt uns und die beteiligten Schulen die Frage, wie die internationalen Reisen klimaverträglicher gestaltet werden können. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass sich die Schulen im Rahmen der pädagogischen Begleitung von ENSA ja auch intensiv mit Themen der Nachhaltigkeit in ihren sozialen, politischen, ökonomischen und eben auch ökologischen Dimensionen auseinandersetzen. Dabei wird klar, wie schwierig es ist, alle Aspekte unter einen Hut zu bekommen. Immer mehr Schulen leisten beispielsweise als Ergebnis ihrer eigenen Auseinandersetzung mit dieser Frage freiwillig einen Beitrag zur CO2-Kompensation oder überlegen, wie sie anderweitig Flugreisen ökologisch kompensieren können.

Und natürlich gibt es Überlegungen, ob man physische Begegnungen nicht einfach durch virtuelle Austausche ersetzen kann, wie dies in der Corona-Pandemie ja gezwungenermaßen notwendig war. Aber wie wir in den vergangenen zwei Jahren der Pandemie eben auch gelernt haben, können virtuelle Reisen die physische Begegnung nicht ersetzen. Ein wirklicher Perspektivwechsel geschieht erst bei der Begegnung vor Ort, dem Eintauchen in die Lebenswelt der anderen, dem miteinander Lernen und gemeinsamen Arbeiten an handfesten Projekten.

Rusteberg: Oftmals ist es entscheidend, wer bei einer Begegnung reist: Junge Menschen, die noch viele Jahrzehnte eines weltoffenen Lebens vor sich haben, werden genug Zeit haben, dass sich eine Reise und eine internationale Erfahrung als nachhaltige und langfristige Investition in ein global bewusstes Leben erweist. Begegnungsreisen sind kein Selbstläufer, sondern sie sollten immer das Ergebnis eines Abwägungsprozesses sein.
Wichtig ist auch die Frage: Was wird allen Beteiligten durch die wechselseitige Begegnung ermöglicht? Die Erlebbarkeit globaler Zusammenhänge, die Motivation, sich nachhaltig einzubringen (global denken, lokal handeln) und der Abbau von Vorurteilen bzw. der Blick für EINE Welt sind einige von vielen positiven Ergebnissen solcher Begegnungen. Neben der Auseinandersetzung mit dem Thema, ob wir aus ökologischen Gesichtspunkten noch zueinander reisen dürfen, sollte man auch die Frage gelten lassen, was passiert, wenn sich Nord und Süd nicht mehr begegnen. Vielleicht kann man ja aus der Not eine Tugend machen und gemeinsam nachhaltige Klimaprojekte anstoßen, die den ökologischen Fußabdruck kompensieren und viele weitere Akteure ins Boot holen.

Gegen welche weiteren Pro- und Kontra-Argumente gilt es noch, die Entscheidung abzuwägen?

Rusteberg: Die Klimafrage ist ja nicht die einzige Schieflage in der Welt. Deshalb können eine Begegnungsreise und ein vergleichsweise teures Austauschprojekt auch ein lohnender Beitrag zur Umsetzung der Agenda 2030 sein. Es kommt immer auf das Thema und die Akteure an. Eine Begegnungsreise gleicht einem arbeitsintensiven Workshop mit einem Projektergebnis, das über die Begegnungszeit hinausreicht und Mitschüler sowie außerschulische Akteure für globale Zusammenhänge sensibilisiert.

Durch solche Begegnungsprojekte wird bei den Schülerinnen und Schülern ein Bewusstsein für Globale Fragen, für das Leben in tatsächlich Einer Welt erleichtert.

ENSA: Wie Tobias Rusteberg sagt, erleben wir auch, dass mit den Austauschen das Bewusstsein für die EINE WELT wächst. ENSA unterstützt durch sein begleitendes pädagogisches Programm die Teilnehmenden darin, dass sie aufbauend auf den Erkenntnissen auch Möglichkeiten des Handelns und Engagierens für die EINE WELT aufgezeigt bekommen.

Aber können viele Bildungswirkungen nicht auch schon bei Reisen nach Süd- oder Südosteuropa erreicht werden?

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Rusteberg: Ja, aber... Natürlich bieten auch innereuropäische Begegnungen immense Erfahrungen für die Jugendlichen. Der Blick in die Welt, so meine Erfahrung, ist weniger abhängig von der Destination als vielmehr von der inhaltlichen Vorbereitung, vom Thema und der Motivation der Teilnehmenden. Ich rate davon ab, zu vergleichen, welche Zielregionen welchen Nutzen haben. Vielmehr sollten alle Schüler*innen die Möglichkeit zu einer internationalen Erfahrung erhalten. Ganz gleich, ob Polen oder Peru, Kamerun oder Kasachstan - jede Begegnung prägt und bereichert.

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Aber auch der finanzielle Aufwand einer interkontinentalen Reise ist nicht zu unterschätzen – was kommt da auf die Schüler*innen und Lehrer*innen zu?

Rusteberg: Wenn sich Schüler*innen an unserem Gymnasium sowie an der Partnerschule in Kaolack für eine Begegnungsreise entscheiden, dann leisten sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten einen finanziellen Eigenanteil. Dieser ist teilweise selbst durch Schülerjobs erarbeitet und erhöht die Identifikation mit dem Bevorstehenden. Zudem sind alle Jugendlichen in die Themengenese einbezogen, es gibt diverse Vor- und Nachbereitungstreffen und alle Akteure multiplizieren ihre Erfahrungen im schulischen (jüngere Klassen) und außerschulischen (Vorträge) Kontext. Die Projektergebnisse werden bei Wettbewerben eingereicht und natürlich ist es unumgänglich, Förderanträge zur Realisierung der Reisen zu stellen. Auch das machen wir gemeinsam mit unseren Partnern.

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ENSA:  ENSA finanziert 75 % der Kosten der Begegnung, 25 % müssen als Eigenanteil eingebracht werden. Wie Tobias Rusteberg beschrieben hat, erleben wir auch, dass viele Schulen unter aktiver Einbeziehung der Schülerinnen und Schüler sehr kreative Wege finden, um die erforderlichen zusätzlichen Mittel einzuwerben und die individuelle finanzielle Belastung der Teilnehmenden zu reduzieren.

Sie plädieren dafür: Wenn schon eine Fernreise, dann richtig. Welche Parameter sollten dabei eingehalten werden?

ENSA: Beim ENSA Programm unterscheiden wir zwischen Anbahnungs- und Begegnungsreisen. Während die Anbahnungsreisen zum Aufbau und zur Etablierung von Schulpartnerschaften dienen sollen, geht es bei den Begegnungsreisen darum die bestehenden Partnerschaften zu stärken und zu einem entwicklungspolitischen Projektthema zu arbeiten. Dabei wählen viele Schulen in den vergangenen zwei bis drei Jahren Themen der ökologischen Nachhaltigkeit. Eine Gruppengröße von 10-12 Schüler*innen hat sich für Begegnungsreisen und Projektarbeit als ideal erwiesen. Bei Anbahnungsreisen ist die Delegation etwas kleiner: 1-2 Personen der Schulleitung, 1-2 Lehrkräfte, 1-2 Schüler*innen sind sinnvoll.

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Für ENSA ist die Gegenseitigkeit der Besuche Bedingung.  Nur wenn beide Gruppen reisen und sich begegnen, können sie gleichwertig an der Partnerschaft teilhaben, diese gestalten und stetig weiterentwickeln.
Wichtig und sinnvoll sind zudem Kooperationen mit Vereinen und außerschulischen Trägern, Kommunen und anderen Wegbegleitern und –bereitern im Sinne des „Whole School Approach“. Darauf hat Tobias Rusteberg ja auch schon hingewiesen: Diese Partner einzubinden, z.B. für eine Finanzierung, kann helfen, die Bildungswirkung einer Partnerschaft zu multiplizieren.

Und wie schon erwähnt, ist ENSA wichtig, dass die Begegnungen pädagogisch eingebettet sind. Die Teilnehmenden sollen eben nicht „nur“ reisen sondern durch die Begegnungen kombiniert mit der pädagogischen Begleitung zur Verantwortungsübernahme und kritischen Selbstreflexion angeregt und auf ihren möglichen Beitrag zur Gestaltung einer global gerechteren Zukunft unter besonderer Berücksichtigung des Nord-Süd-Verhältnisses vorbereitet werden.

Was wäre Ihr Wunsch: Sollte sich die Politik dafür stark machen, mehr Schulen auch einen Austausch mit Partnern z.B. im Globalen Süden zu ermöglichen, oder sollten es lieber weniger, dafür aber hochwertige Austausche geben?

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Rusteberg: Die Zukunft unserer EINEN Welt beginnt in den Schulen. Ich halte den Austausch mit dem globalen Süden daher als notwendige und nachhaltige Bildungsmaßnahme, die u.a. auch in der Agenda 2030 in Form des SDGs 17 (Internationale Partnerschaften) Erwähnung findet. Wir können so viel voneinander lernen: Weltoffenheit, Akzeptanz und der Wunsch nach Mitgestaltung - all das und noch viel mehr wird in solchen Begegnungstagen geweckt. ENSA und andere Akteure auf Bundes- und Landesebene machen erfreulicherweise deutlich, dass die Notwendigkeit längst auch auf politischer Ebene angekommen ist. Natürlich geht immer noch mehr, doch ein echter Anfang ist erfreulicherweise bereits gemacht. Diesen Weg gilt es, auszubauen. Brücken, die von Jugendlichen gebaut werden, sind das stärkste Fundament für eine friedliche Welt.

ENSA: Zur ersten Frage: ENSA wurde ja aufgrund eines Bundestagsbeschlusses 2005 ins Leben gerufen. Während am Anfang einige wenige Begegnungen gefördert werden konnten, kann ENSA inzwischen pro Jahr bis zu 50 Lernreisen finanziell fördern und pädagogisch begleiten. Jedes Jahr können sich also Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte von 50 Schulen aus Deutschland mit ihren Partnerinnen und Partnern von 50 Schulen aus dem Globalen Süden begegnen. Insofern ist dies schon ein Ausdruck dafür, dass der schulische Austausch mit dem Globalen Süden politisch als wichtig angesehen wird.

Zur zweiten Frage: Wie schon gesagt, diese Begegnungen müssen pädagogisch gut vor- und nachbereitet sowie begleitet werden. Denn nur dann kommt es zum tatsächlichen Perspektivwechsel und führt der Blick über den Tellerrand zu einem Verständnis für das eigene Handeln und hoffentlich damit verbunden auch zu einem langfristigen Engagement für die EINE WELT.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Christine Bertschi.

Die Projektfotos stammen aus Tobias Rustebergs Schulpartnerschaft zwischen dem Tilman-Riemenschneider-Gymnasium (TRG) in Osterode am Harz und dem Lycée Valdiodio Ndiaye aus Kaolack (Senegal)

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