Wenn Lernen Begegnung wird – Erfahrungen einer Schule und einer Bildungsstätte
Internationale Begegnungen eröffnen neue Perspektiven – für Schülerinnen und Schüler ebenso wie für Lehrkräfte und Fachkräfte der Jugendarbeit. Im Interview gehen die Französischlehrerin Marlen Weidhaase aus Jena und der Bildungsreferent Steve Eichler von der Europäischen Jugendbildungs- und Begegnungsstätte Weimar darauf ein, warum ein deutsch-französischer Austausch weit über den Sprachunterricht hinausgeht und solche Projekte schulisches Lernen nachhaltig verändern können.
Was motiviert Sie, neben einem vollen Schulalltag einen internationalen Austausch zu organisieren?
Marlen Weidhaase:
Mich motiviert vor allem die Möglichkeit, meinen Schülerinnen und Schülern authentische Begegnungen mit der französischen Sprache und Kultur zu ermöglichen. Im Unterricht bleibt Französisch trotz aller Bemühungen oft „Schulsprache“. Erst im direkten Austausch erleben die Jugendlichen, dass ihre Kenntnisse tatsächlich Türen öffnen können.
Für viele ist ein Austausch zudem der erste Blick über den eigenen Tellerrand – eine Erfahrung, die sie sprachlich wie persönlich nachhaltig prägt. Trotz des organisatorischen Aufwands sehe ich Austauschprojekte als Investition in Motivation, Weltoffenheit und Toleranz. Wenn Schülerinnen und Schüler begeistert zurückkommen und sichtbar an Selbstvertrauen gewinnen, bestätigt mich das jedes Mal.
Steve Eichler:
Als Jugendbildungsstätte wollen wir Europa erfahrbar machen. Wir schaffen Räume, in denen Jugendliche aus verschiedenen Ländern zusammenkommen und erleben, dass Geschichte und Gegenwart uns alle betreffen – manchmal aus ähnlichen, manchmal aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Der Aufwand lohnt sich, weil diese Erfahrungen Jugendliche langfristig prägen und ihnen zeigen, dass sie Teil eines größeren europäischen Zusammenhangs sind.
Wie verändern Begegnungen außerhalb der Schule den Blick auf den Unterrichtsstoff?
Marlen Weidhaase:
Außerschulische Begegnungen machen Unterrichtsstoff viel greifbarer. Wenn Schülerinnen und Schüler merken, dass sie sich mit ihren Sprachkenntnissen tatsächlich verständigen können, verändert das ihre Haltung zur Sprache grundlegend. Französisch ist dann nicht mehr nur Grammatik oder Vokabeltraining, sondern ein echtes Kommunikationsmittel.
Auch im Geschichtsunterricht zeigt sich dieser Effekt: Der Besuch authentischer Orte und der Austausch mit Jugendlichen aus Frankreich ermöglichen ein emotionaleres Verständnis historischer Zusammenhänge. Werte wie Verantwortung, Solidarität und gegenseitiger Respekt werden konkret erfahrbar und wirken direkt in den Unterricht hinein.
Steve Eichler:
In der Jugendarbeit nutzen wir Methoden wie Theater, Medienarbeit oder biografisches Lernen. Sie ergänzen schulisches Lernen, ohne Inhalte zu wiederholen. Ziel ist die Vertiefung – mit kreativen Formen, die Jugendlichen eigene Ausdrucksmöglichkeiten eröffnen. So verzahnen sich schulisches und außerschulisches Lernen sinnvoll.
Was hat die Arbeit an solchen Austauschprojekten mit Ihnen persönlich gemacht?
Marlen Weidhaase:
Solche Projekte öffnen meinen Blick über den Lehrplan hinaus. Sie bestärken mich darin, im Unterricht konsequent auf Kommunikationsfähigkeit zu setzen – auch wenn Grammatik dabei manchmal in den Hintergrund tritt. Das macht meinen Unterricht authentischer und erinnert mich daran, warum ich Französisch unterrichte: um Brücken zwischen Menschen zu bauen.
Auch ich selbst gewinne immer wieder neue Einblicke – in die französische Kultur ebenso wie in die Lebensrealitäten meiner Schülerinnen und Schüler. Das bereichert meinen Unterricht und gibt mir Motivation und Energie für meinen Berufsalltag.
Steve Eichler:
Wir erleben, wie Jugendliche Verantwortung übernehmen – füreinander, für gemeinsame Projekte und für Erinnerungskultur. Europa wird dadurch greifbar und Teil ihres Alltags. Für uns Fachkräfte bedeutet das ebenfalls Lernen auf Augenhöhe, denn jede Begegnung bringt neue Perspektiven ein. Genau das macht diese Projekte so wertvoll.
Vielen Dank!
Marlen Weidhaase arbeitet als Französischlehrerin an der Lobdeburgschule Jena; Steve Eichler ist Bildungsreferent für Europapolitische Bildung der Europäischen Jugendbildungs- und Begegnungsstätte Weimar (EJBW).
Beide begleiteten 2024 deutsch-französische Schülerbegegnungen in Weimar und Paris. Die Begegnung wurde möglich mit einer Unterstützung des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) im Förderprogramm FOKUS, durch die Siegmund Seligmann Stiftung
sowie die Stadtverwaltung Aubervilliers.
Mehr erfahren: Dieses Interview ist Teil der Publikation „Grenzenlos lernen. Wie internationaler Austausch den Unterricht bereichern kann“. In der Broschüre finden Sie weitere Einblicke in diese deutsch-französische Schülerbegegnung sowie zahlreiche Beispiele guter Praxis, die internationalen Austausch mit dem Unterricht sinnvoll verbinden.