Fachbeiträge

Internationale Jugendbegegnungen für alle jungen Menschen

Analysen und Überlegungen zu den Ergebnissen der Zugangsstudie am Beispiel des Deutsch-Polnischen Jugendwerks (DPJW)
Deutsch-Polnischer Austausch

von Saskia Herklotz

Erreicht der deutsch-polnische Jugendaustausch wirklich alle jungen Menschen? Obwohl Schule grundsätzlich alle Jugendlichen erreicht – unabhängig von sozialen Schichten, Herkunft, Bildungshintergrund oder Wohnort –, und die Angebote des DPJW allen Schulen gleichermaßen offen stehen, zeigt eine Analyse der Teilnehmendenstruktur von Austauschen und der Trägerstruktur im schulischen Bereich, dass sogenannte „benachteiligte“ Jugendliche – z.B. Beispiel Schüler/-innen, die „kein Abitur anstreben“ – tendenziell weiter unterrepräsentiert sind.

Spätestens seit Veröffentlichung der Langzeitstudie von Thomas, Chang und Abt (2006)1 wird im Feld der internationalen Jugendarbeit intensiv darüber diskutiert, wie es gelingen kann, alle jungen Menschen mit den jeweiligen Angeboten zu erreichen. So macht die Studie neben den Bildungswirkungen internationaler Jugendarbeit auch deutlich, dass Jugendliche, die kein Abitur bzw. Hochschulabschluss anstreben, unter den Teilnehmenden an internationalen Maßnahmen deutlich unterrepräsentiert sind.

Vor diesem Hintergrund wurde 10 Jahre später die Zugangsstudie2 ins Leben gerufen, die sich mit der Frage auseinandersetzt, welche Faktoren dazu beitragen, dass bestimmte Gruppen von jungen Menschen nicht an internationalen Austauschmaßnahmen teilnehmen. Deren Ergebnisse liegen nun vor und sollen im Folgenden aus der Sicht des DPJW als international agierendem Breitenförderer reflektiert werden.

Die Situation bei in Deutschland stattfindenden Projekten schulischer Träger

Im Gegensatz zur Landschaft der außerschulischen Träger ermöglicht die Analyse der Trägerstruktur im schulischen Bereich relativ leicht eine Kategorisierung anhand des für die Bundesrepublik spezifischen dreigegliederten Schulsystems. Grundsätzlich erreicht Schule alle Jugendlichen – quer durch alle sozialen Schichten, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Bildungshintergrund, in städtischen Ballungsgebieten ebenso wie in ländlichen Räumen. Die Angebote des DPJW als Breitenförderer stehen allen Schulen und Schulformen gleichermaßen offen, werden jedoch nicht von allen Schulen gleichermaßen genutzt.

Die Daten in der Tabelle stellen eine Analyse der im Jahr 2017 aktiven schulischen Träger dar. Für die Untersuchung wurden ausschließlich weiterführende Schulen erfasst und zusätzlich Daten über die allgemeine Schulstruktur in Deutschland hinzugezogen. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass sich Schultypen und -formen von Bundesland zu Bundesland unterscheiden und insbesondere der Sektor der nichtgymnasialen Schulformen im Laufe der letzten Jahre vielerorts Umstrukturierungen unterworfen war, jedoch nicht alle Reformen wie geplant umgesetzt oder teilweise wieder zurückgenommen wurden.

Tabelle 2: Vom DPJW in 2017 geförderte Schultypen in Deutschland im Vergleich zur Schulstruktur in Deutschland
Tabelle: Vom DPJW in 2017 geförderte Schultypen in Deutschland im Vergleich zur Schulstruktur in Deutschland

Im deutsch-polnischen Austausch sind Gymnasien die größte Gruppe von schulischen Austauschträgern, gefolgt von berufsbildenden Schulen und Gesamtschulen. Dagegen sind insbesondere die Hauptschulen (0,5% der geförderten Schulen) und die Förderschulen (2,5%), aber auch die Realschulen (6%) unterrepräsentiert. Jedoch muss die Zahl der Schulen nicht zwangsläufig mit der Zahl der Schüler/-innen korrelieren: So besucht in der Sekundarstufe I mittlerweile die Mehrzahl der Schüler/-innen bundesweit ein Gymnasium3, gefolgt von Realschulen und Gesamtschulen. Die absolute Zahl der Hauptschulen ist zwar rund 20% höher als die der Realschulen, an Realschulen werden jedoch mehr als doppelt so viele Jugendliche beschult. Die berufsbildenden Schulen sind mit 17% der Austauschträger vertreten und somit im deutsch-polnischen Austausch ebenfalls eher unterrepräsentiert.

Die besuchte Schulform bzw. der angestrebte Abschluss stellt jedoch nur eines von mehreren möglichen Kriterien zur Bestimmung unterrepräsentierter Zielgruppen dar: Auch ein Gymnasium kann eine Schule an einem „sozialen Brennpunkt“ oder im strukturschwachen ländlichen Raum sein.  Zudem sagt die strukturelle Trägeranalyse noch nichts über die Binnenspezifika der jeweiligen Projekte aus: Bei Schulen mit mehreren Bildungsgängen, Gesamtschulen oder beruflichen Schulen wird nicht erfasst, welche Schülergruppen (Bildungsgänge, Klassenstufen) genau am Austausch teilnehmen. Auch hier wären genauere Untersuchungen notwendig.

Mögliche Ursachen für die Unterrepräsentation bestimmter Zielgruppen

Gründe für die oben ausgeführten Beobachtungen sind zum einen struktureller Art. So sind Schüler/-innen an Realschulen, vor allem aber an Hauptschulen jünger und die Schullaufzeiten kürzer, dadurch werden auch die Zeitfenster für Austauschprojekte weniger und enger. Auch infolgedessen haben vor allem Hauptschulen weniger Möglichkeiten zur Ausbildung eigener Schulprofile etwa im internationalen Bereich. Zusätzlich dürften die bereits erwähnten Schul-reformen hier wirksam werden. So sind Realschule und vor allem Hauptschule auslaufende Schultypen4.

Die beruflichen Ausbildungssysteme wiederum sind in verschiedenen Ländern nicht immer kompatibel, daher haben vor allem Berufsschulen häufiger Schwierigkeiten, im Ausland eine passende Partnerschule zu finden. Das System der dualen Ausbildung bedingt zudem, dass auch die Ausbildungsbetriebe die Durchführung eines Schulaustausches unterstützen müssen. Nicht immer gelingt es, diese für internationale Projekte zu gewinnen. Findet der Austausch ausschließlich im schulischen Rahmen statt, wird teilweise die in Förderrichtlinien vorgeschriebene Mindestdauer der Maßnahmen unterschritten. Auch zeichnen sich Berufsschulen durch eine im Durchschnitt ältere Schülerschaft aus, die dementsprechend häufiger das förderfähige Höchstalter übersteigt. Internationale Austauschprojekte von Berufsschulen fallen somit häufiger durch die etablierten Förderraster5.

Insgesamt bleibt aber festzuhalten, dass in der DPJW-Förderung im schulischen Austausch 2017 rund die Hälfte der Träger Schultypen darstellen, die mit ihren internationalen Maßnahmen unterrepräsentierte Teilnehmende erreichen. Einerseits werden zwar die Gymnasien, andererseits aber auch die Gesamtschulen und die Schulen mit mehreren Bildungsgängen überdurchschnittlich häufig von DPJW-Angeboten erreicht. Hier gilt es in Zukunft die bisherigen Anstrengungen bei der Ansprache unterschiedlicher Schultypen zu verstärken und deutlich zu machen, dass Austausch für jede Schülerin und jeden Schüler unabhängig von der besuchten Schulform ein essentieller Bestandteil schulischer Bildung ist.


Fußnoten

1 Thomas, A.; Chang, C.; Abt, H.: Erlebnisse, die verändern – Langzeitwirkungen der Teilnahme an internationalen Jugendbegegnungen. Göttingen 2006.
2 Warum nicht? Studie zum Internationalen Jugendaustausch: Zugänge und Barrieren.
3 Von ca. 4,1 Mio. Schüler/-innen in der Sekundarstufe I besuchten im Schuljahr 2016/17 34% ein Gymnasium, 21% eine Realschule, 18% eine Gesamtschule, 13% eine Schule mit mehreren Bildungsgängen und 10% eine Hauptschule. Vgl. Schulen auf einen Blick 2018 (aufgerufen am 20.12.2019), Seite 13.
4 Die Hauptschule wurde in mehreren Bundesländern bereits abgeschafft bzw. in andere Schulformen überführt. Seit 1992 hat sich die Zahl der Hauptschulen in Deutschland um fast zwei Drittel, die Zahl der Realschulen um fast die Hälfte reduziert. Auch die Zahl der Förderschulen ist um gut ein Viertel zurückgegangen. Vgl. Statistisches Bundesamt: Bildung und Kultur. Allgemeinbildende Schulen Schuljahr 2017/2018. Fachserie 11 Reihe 1, S. 17.
5 Siehe hierzu auch ausführlich die Dokumentation des Runden Tisches »Internationale Mobilitäten in der Beruflichen Bildung«.


Der Text ist ein überarbeiteter Auszug des Beitrages
Saskia Herklotz, Michael Teffel, Magdalena Zatylna: Internationale Jugendbegegnungen für alle jungen Menschen. Analysen und Überlegungen am Beispiel des Deutsch-Polnischen Jugendwerks (DPJW) in: IJAB (Hg.): Forum Jugendarbeit International 2016–2018, Bonn 2019, S. 155-166

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