Fachbeiträge

Orte der Geschichte

Die historisch-politische Bildungsarbeit des Deutsch-Polnischen Jugendwerks
Eisenbahnwaggon mit stilisiertem Bild über Häftlingstransporte (KZ-Gedenkstätte Neuengamme)

Bei vielen Projekten im Schul- und Jugendaustausch, nicht nur zwischen Ländern in Europa, spielt die Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Geschichte eine wichtige Rolle. Häufig werden im Rahmen von Begegnungen auch Gedenkstätten besucht. Die Fach- und Förderstellen legen auf diese historisch-politische Bildungsarbeit großen Wert, es werden besondere Programme ausgeschrieben und Materialien sowie didaktische Hilfen angeboten.

Am Beispiel der Angebote des Deutsch-Polnischen Jugendwerkes (DPJW) soll gezeigt werden, wie der Besuch von Gedenkstätten im Rahmen eines Austauschprojektes gelingend gestalten werden kann. 

von Piotr Kwiatkowski

Aufgrund der schwierigen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen in der Vergangenheit spielt die gemeinsame Geschichte während deutsch-polnischer Begegnungen immer eine Rolle. Früher oder später müssen sich die Jugendlichen beim Besuch des Nachbarlands mit leidvollen Erfahrungen, aber auch teils sehr unterschiedlichen Herangehensweisen an die Geschichte auseinandersetzen.

Dem DPJW ist es deshalb ein besonderes Anliegen, dass sich junge Menschen aus beiden Ländern mit der Geschichte des Holocausts, der NS-Herrschaft und des Zweiten Weltkrieges auseinandersetzen. Deswegen fördert das DPJW ganz gezielt deutsch-polnische Projekte an und in Gedenkstätten des nationalsozialistischen Terrors. Ziel der geförderten Begegnungen ist es, den Jugendlichenein Lernen aus der Geschichte für eine gemeinsame europäische Zukunft zu ermöglichen. Sie verstehen sich daher auch als ein Beitrag zur Völkerverständigung.

Bildungsarbeit an historischen Orten von NS-Massenverbrechen

Bei der Förderung und Unterstützung von Gedenkstättenfahrten konzentriert sich das DPJW in seiner aktuellen Arbeit auf die Förderung gemeinsamer deutsch-polnischer aber auch trilateraler Projekte zur Geschichte des NS-Terrors, zum Beispiel mit dem Programm Wege zur Erinnerung. Ziel ist es, möglichst vielen Jugendlichen aus Polen und Deutschland den gemeinsamen Besuch von und Lernerfahrungen an Gedenkstätten für die Opfer von NS-Verbrechen zu ermöglichen. Lernorte sind ehemalige Ghettos, Gefängnisse, „Euthanasie“-Einrichtungen, Arbeitslager oder Konzentrations- und Vernichtungslager in Deutschland und in Polen.

Die Jugendlichen erfahren beim Besuch der Gedenkorte nicht nur, was dort in der Zeit des Nationalsozialismus geschehen ist, sondern erörtern auch Fragen zu den gesellschaftlichen Kontexten und Ursachen der Verbrechen. Die Fragestellungen der Schülerinnen und Schüler selbst stehen dabei im Mittelpunkt. Beim gemeinsamen Lernen aus der Geschichte sollten die Teilnehmenden auch Gelegenheit haben, sich mit aktuellen Problemen wie Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung, Gewalt und Vorurteilen auseinanderzusetzen und Handlungsoptionen zu entwickeln. Zielsetzung ist hier die Förderung von Zivilcourage und zivilgesellschaftlichen Kompetenzen bei den Jugendlichen.

Methodische Unterstützung durch das DPJW

 

Das Deutsch-Polnische Jugendwerk (DPJW) wurde 1991 im Rahmen des „Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit“ von den Regierungen beider Länder ins Leben gerufen. Es ermöglicht die Begegnung und Zusammenarbeit von jungen Deutschen und Polen, damit sie sich kennenlernen, neugierig aufeinander werden, Empathie füreinander entwickeln und Freundschaften schließen können, und baut damit Fundamente für gutnachbarschaftliche Beziehungen zwischen Deutschland und Polen.

Das DPJW ist Partner für Schulen, Jugendorganisationen, Initiativen von Jugendlichen und Einrichtungen für Jugendliche und unterstützt diese bei der Gestaltung von Jugendbegegnungen durch finanzielle Förderung, durch Information, Beratung und Angebote zur Fortbildung

So stellt das DPJW zahlreiche Publikationen und Handreichungen zur Vorbereitung und methodischen Umsetzung von Austauschprojekten zur Verfügung. Darüber hinaus werden in regelmäßigen Abständen binationale Praxisseminare und Methoden-Workshops für deutsch-polnische Gedenkstättenprojekte angeboten, die an den jeweiligen Gedenkstättenorten stattfinden. Hier erfahren die Projektleiterinnen und -leiter, wie sich die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Deutschland und Polen beziehungsweise anderen Ländern unterscheidet und welche Probleme und Konflikte dabei auftreten können.

Zudem hat das Jugendwerk im Laufe der Jahre eine Reihe von Publikationen zur Gestaltung von Geschichtsprojekten herausgegeben, darunter „Deutschland, Polen und der Zweite Weltkrieg“ (Kochanowski/Kosmala 2009), die gemeinsam von deutschen und polnischen Historikerinnen und Historikern erarbeitet wurde.

Begleitend hat das DPJW eine Internetseite mit „Erinnerungsorten an den Zweiten Weltkrieg“ (www.erinnerungsorte.org) eingerichtet. Dort finden Interessierte geografisch und alphabetisch sortiert Informationen zu verschiedenen Erinnerungs- und Gedenkorten in Deutschland und Polen. In seiner Broschüre „Hinweise zum Besuch von Gedenkstätten durch deutsch-polnische Gruppen“ (Bastos/Ziesing/DPJW 2012) weist das DPJW auf praktische Aspekte bei der Planung und Durchführung von deutsch-polnischen Gedenkstättenprojekten hin, die entscheidend für deren Gelingen sind.

 

Besondere Anforderungen an Gedenkstättenprojekte

Vor dem Hintergrund der konfliktreichen gemeinsamen Vergangenheit stellen insbesondere Geschichts- und Gedenkstättenprojekte zum Themenkreis Zweiter Weltkrieg, NS-Massenverbrechen und Holocaust eine besondere Herausforderung im deutsch-polnischen Jugendaustausch dar. Denn beide Gruppen verfügen über ein unterschiedliches Vorwissen zur Geschichte und unterschiedliche Erfahrungshintergründe. Daraus ergeben sich unterschiedliche Erwartungen an ein Gedenkstättenprojekt.

Entscheidend bei der Durchführung solcher Projekte ist daher eine sorgfältige Vorbereitung der teilnehmenden Jugendlichen. Diese sollte zunächst in den nationalen Gruppen vor der Begegnung erfolgen und anschließend gemeinsam in der deutsch-polnischen Gruppe während der Begegnung – vor dem Besuch der Gedenkstätte(n).

Ohne eine ausführliche Vorbereitungsphase besteht die Gefahr, dass die Jugendlichen emotional überfordert sind und abwehrend reagieren. Während des Besuchs der Gedenkorte können sehr unterschiedliche Reaktionen und Emotionen der Teilnehmenden auftreten. Umso wichtiger ist deshalb eine Nachbereitung der Bildungsangebote gemeinsam mit der gesamten Gruppe.

Gemeinsam Erwartungen klären

Das binationale Organisationsteam wie auch die Teilnehmenden sollten sich vor dem gemeinsamen Gedenkstättenbesuch über ihre jeweiligen Erwartungen verständigen. In Deutschland wird eine Gedenkstätte oft als Lernort betrachtet, entsprechend steht bei Gedenkstättenbesuchen von Jugendgruppen häufig der Bildungsaspekt im Vordergrund. In Polen geht es hingegen viel stärker um die emotionale Erinnerung, um das Gedenken an die Gräueltaten und die Opfer. Diese unterschiedlichen Erwartungen können zu Missverständnissen und Problemen im Verlauf des Projektes führen. Daher empfiehlt sich ein gemeinsamer Besuch der Leitungsteams vorab in der Gedenkstätte, um Möglichkeiten und Formen der Umsetzung des Projektes zu besprechen – idealerweise bereits mit den Museumspädagoginnen und -pädagogen vor Ort.

Vorbereitung der Jugendlichen

Die Jugendlichen müssen im Vorfeld des Gedenkstättenbesuchs auf jeden Fall Faktenwissen erhalten, was an den historischen Orten passiert ist, an denen die Gedenkstätten errichtet wurden, wer die Opfer und wer die Täter waren, aber auch, welche Rolle die Zeugen spielten. Die Leitungsteams sollten sich im Vorfeld überlegen, wie sie auf eventuelle Konfliktsituationen sowie auf unterschiedliche emotionale Reaktionen der Jugendlichen (wie Trauer, Scham, Überforderung, Ablehnung) angemessen reagieren können. Wichtig ist auch der Zeitpunkt eines Gedenkstättenbesuchs während einer deutsch-polnischen Jugendbegegnung: Vor diesem schwierigen Programmpunkt sollten die Teilnehmenden sich bereits kennengelernt haben. Nach dem Besuch ist den Jugendlichen ausreichend Zeit einzuräumen, das Erfahrene gemeinsam zu diskutieren, zu  reflektieren und somit zu verarbeiten. Daher empfiehlt das DPJW, den Besuch weder ganz am Anfang noch ganz am Ende einer Begegnung vorzusehen.

Nachbereitung und Weiterarbeit

Von Bedeutung ist auch das unmittelbar nachfolgende Programm. Eine Disko, Sportwettkämpfe oder Schwimmbadbesuche sind nach einem Gedenkstättenbesuch unangemessen, sie führen lediglich dazu, dass das Erfahrene und Erlebte verdrängt wird. In einer gemeinsamen Nachbereitung können die Jugendlichen hingegen ihre Erfahrungen verarbeiten. In Diskussionen können die Teilnehmenden ihre Reflexionen und Gefühle mitteilen. Die Jugendlichen können auch Präsentationen oder Fotoausstellungen erarbeiten, die sie später auch im eigenen Umfeld vorstellen, gemeinsam Tagebücher oder fiktive Briefe an Täter, Opfer oder gegenwärtige Entscheidungsträger verfassen und so ihre Eindrücke verarbeiten.

Bei der Nachbereitung steht häufig die Frage im Raum, wie die Jugendlichen Erfahrungen aus der Geschichte mit der eigenen Gegenwart und aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen in Verbindung bringen: Wie gehen wir heute mit Fremden und Minderheiten um? Welche Diskriminierung und Ausgrenzung erleben wir gegenwärtig in unserer Gesellschaft und in unserem unmittelbaren Umfeld? Welche Völkermorde oder Großverbrechen fanden und finden seit dem Ende des NS-Regimes statt, wie sahen und sehen deren Umstände aus? Welche Analogien und welche Unterschiede bestehen zwischen diesen Ereignissen?

Ein guter Ausgangspunkt für die vertiefende Weiterarbeit in der Nachbereitung ist die Frage, welche Konsequenzen die Beschäftigung mit den NS-Massenmorden für jeden einzelnen der Teilnehmenden im Alltag (Schule, Beruf, Familie, Umfeld) hat. Naheliegend ist daher, die am Veranstaltungsort der Jugendbegegnung gewonnenen Erkenntnisse zu Hause weiter zu vertiefen. Dazu bietet sich etwa die Beschäftigung mit den Ereignissen im Heimatort zur NS-Zeit oder in der eigenen Familiengeschichte an: Wann, wo und wie kam es in meiner Stadt zu Verfolgung und Deportationen? Wer hat sich aktiv beteiligt, wer wusste davon? Welches Schicksal erlitt die jüdische Bevölkerung meiner Stadt? Gibt es noch Zeitzeugen, die von ihren Erlebnissen berichten können?

Sehr häufig besteht bei den Teilnehmenden nach der Rückkehr vom Gedenkstättenbesuch der Wunsch, die eigenen Lernerfahrungen mit anderen zu teilen. Hier sollte das Leitungsteam erfragen, was die Teilnehmenden an andere weitergeben möchten. Beispielsweise können die Jugendlichen den Besuch und die individuelle Auseinandersetzung damit durch Tagebuchaufzeichnungen, eine Fotodokumentation, einen Film, eine Ausstellung, Blogs oder Websites dokumentieren. So erhält das gemeinsame Lernen aus der Geschichte für die Zukunft einen tieferen Sinn und der Gedenkstättenbesuch ist nicht nur ein Erinnern an die Opfer, sondern wird ein wichtiges Element historisch-politischer Bildung.

Übersetzung aus dem Polnischen: Sonja Stankowski und Anke Papenbrock
Redaktionelle Bearbeitung: Anke Papenbrock, Philipp Stemmer-Zorn, Saskia Herklotz
Der vollständige Artikel ist erschienen in:

Martin Langebach und Hanna Liever (Hrsg.) (2017): Im Schatten von Auschwitz. Spurensuche in Polen, Belarus und der Ukraine: begegnen, erinnern, lernen; Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 200 S.,

Literatur zum Weiterlesen

Bastos, Dorota; Ziesing, Hartmut; Deutsch-Polnisches Jugendwerk (Hrsg.) (2012): Hinweise zum Besuch von Gedenkstätten durch deutsch-polnische Gruppen. Potsdam, Warschau: Deutsch-Polnisches Jugendwerk.

Bundeszentrale für politische Bildung u.a. (Hrsg.) (2013): Wegweiser zur Erinnerung. Informationen für Jugendprojekte in Gedenkstätten der NS-Verfolgung in Deutschland, Polen und Tschechien. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.
Kochanowski, Jerzy; Kosmala, Beate (Hrsg.) (2009): Deutschland, Polen und der Zweite Weltkrieg. 2. akt. u. erw. Aufl., Potsdam, Warschau: Deutsch-Polnisches Jugendwerk.

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