Good Practice

Erste Berufserfahrungen im Nachbarland

Das Programm „Freiwillige Berufliche Praktika“ in Deutschland und Tschechien von Tandem
Michael Klein

Auch ohne Sprachkenntnisse ein Praktikum absolvieren? Über das Programm „Freiwillige Berufliche Praktika“ von Tandem - Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch können Auszubildende zwei Wochen bis zwölf Monate in die Arbeitswelt des Nachbarlands eintauchen.

„Mein Gefühl aus dem Praktikum ist, dass wir eben etwas Neues gelernt haben, weil wir an unserer Schule keine solchen Möglichkeiten haben, wie hier in der Firma“, erzählt ein angehender Maschinenbauer aus Blansko. In Radebeul bei der Firma KBA bekommt der Azubi aus Tschechien Einblicke in die Produktion von Druckmaschinen.

Auch seine Kollegen aus Deutschland, die zuvor bereits in Tschechien waren, zeigen sich begeistert: „Es macht auf jeden Fall viel Spaß mit den Tschechen, wir haben hier verschiedene Projekte, ich hab jetzt zum Beispiel das Hydraulikgestell betreut, Franz macht die Pneumatik – das sind so die Projekte, die wir mit ihnen begonnen haben.“

Das Programm „Freiwillige Berufliche Praktika“ richtet sich an Berufsschulen, Ausbildungsbetriebe und überbetriebliche Ausbildungseinrichtungen, die mindestens zweiwöchige Praktika für Azubis aus Deutschland und Tschechien im jeweiligen Nachbarland anbieten möchten. Dabei handelt es sich um Gruppenpraktika, die empfohlene Gruppengröße liegt bei fünf bis acht Teilnehmenden.

„An unserem Programm nehmen nicht ganze Klassen teil, sondern nur „ausgewählte“ Interessent*innen“, erklärt Jana Kremling, pädagogische Mitarbeiterin bei Tandem und Verantwortliche für das Programm „Freiwillige Berufliche Praktika“. Die Gruppengröße hänge auch von den Möglichkeiten der aufnehmenden Einrichtung ab: Pro Einsatzstelle sollen ein oder zwei Praktikant*innen arbeiten, zudem muss die Gruppe untergebracht und betreut werden.  

Vielfalt der Berufsrichtungen

Sprachanimation

Im letzten Jahr waren es über 300 Jugendliche, die ein Berufspraktikum in Tschechien bzw. Deutschland absolviert haben. Die Teilnehmer*innenzahlen sind dabei in beiden Ländern ähnlich hoch. Ein Blick auf die vertretenen Berufsrichtungen zeigt die Vielfalt des Programms: Besonders gefragt sind kaufmännische Büroberufe, Hotel- und Gaststättenberufe, Berufsrichtungen im Bauwesen und im sozialen Bereich. Doch auch Künstler*innen, Konditor*innen und Werkzeugmacher*innen gehören zu den Teilnehmer*innen.

Tandem unterstützt seit 18 Jahren interessierte Schulen und Betriebe bei der Kontaktaufnahme zum passenden Partner in Tschechien, beantragt die Förderung aus EU-Mitteln (Erasmus+) sowie aus Mitteln des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und berät bei Planung und Durchführung der Praktika. Dabei kann es sowohl um die Aufnahme der Auszubildenden aus Tschechien zu einem Praktikum in Deutschland gehen als auch um die Entsendung von  Auszubildenden aus Deutschland zum Praktikum beim Partner in Tschechien. Ein Austausch in beide Richtungen – wie bei den Maschinenbauern aus Blansko und Radebeul – kommt etwa bei 40 % der Maßnahmen vor.  Das Interesse am Programm bestehe deutschlandweit, so Jana Kremling, allerdings seien Bayern und Sachsen als angrenzende Bundesländer am aktivsten.

PeXmory

Sprachkenntnisse nicht vorausgesetzt

Sprachkenntnisse werden für eine Teilnahme nicht vorausgesetzt. Aber natürlich spielt die Sprache eine große Rolle. Deshalb organisiert Tandem für jedes Praktikum zwei Vorbereitungstage mit deutsch-tschechischer Sprachanimation als verpflichtendem Bestandteil des Praktikums. Anders als beim Frontalunterricht in der Schule lernen die Teilnehmer*innen hier spielerisch wichtigen Fachwortschatz für ihren Praktikumseinsatz. Das deutsch-tschechische Gedächtnisspiel PeXmory etwa hilft dabei, es steht für sieben Branchen zur Verfügung.

Und vor Ort tut jede*r, was er/sie kann – auch abhängig von der Branche, erklärt Jana Kremling:

Jana Kučerová (Tandem)

„Bei Bürojobs, Informatik- und technischen Berufen läuft die Kommunikation beim Praktikum in Tschechien oft auf Englisch, falls die Betreuer*innen und Arbeitskolleg*innen Deutsch sprechen, dann auf Deutsch. In Deutschland vor allem auf Deutsch, Deutschkenntnisse werden oft erwartet, auch in der Branche Gastronomie. Im Handwerk klappt es auch nonverbal oder mit einfachem Deutsch und Englisch. Die Praktikant*innen machen sich oft im Vorfeld Gedanken, wie es mit der Verständigung klappen wird. Während der Vorbereitungstage versuchen wir ihnen die Angst zu nehmen. Nach dem Praktikum sind die meisten stolz auf sich, dass sie es geschafft haben und alles „irgendwie“ klären konnten.“

Ebenfalls an den Vorbereitungstagen werden der Praktikumsort mit zweisprachiger Begleitung besichtigt sowie alle organisatorischen Fragen geklärt.

Motivationsbesuche, um Ängste zu nehmen

Tandem bietet kostenlose "Motivationsbesuche" an interessierten Berufsschulen, Ausbildungsbetriebe und überbetrieblichen Ausbildungseinrichtungen an. „Die Lehrkräfte, Ausbilder*innen oder Meister haben oft Angst vor dem bürokratischen Aufwand und der Zeit, die sie für die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung investieren müssen. Sie sind sich nicht sicher, ob sie Interessent*innen unter den Schüler*innen und Azubis finden oder das ganze umsonst planen“, fasst Jana Kremling zusammen. In den Betrieben fehle zudem ja die Arbeitskraft, wenn eine Person für zwei bis drei Wochen weg ist. Die Arbeit bleibt liegen, das Gehalt wird weiter ausbezahlt – doch die Vorteile überwiegen, so Jana Kremling:

„Hier versuchen wir mit dem mittel- und langfristigeren Mehrwert zu argumentieren: Der Azubi wird dadurch selbstständiger, offener, verbessert seine Sprachkenntnisse, bekommt einen Vergleich zu der Ausbildung in Nachbarland. Internationale Mobilität bringt dem Betrieb einen guten Ruf – seit letztem Jahr bekommen alle Einrichtungen, Schulen, Betriebe, die an unserem Programm beteiligt waren, eine Urkunde – als Dank und Motivation zum Weitermachen.“

Die Jugendlichen indes haben manchmal Angst vor der Verständigung und es fehlt ihnen schlichtweg die Motivation, sich für ein freiwilliges Praktikum zu bewerben. „Hier spielt die Betreuung und Beratung seitens der Lehrkräfte eine große Rolle“, betont Jana Kremling, denn Tandem selbst ist mit den Jugendlichen nicht in Kontakt:

„Es ist nicht einfach, die Jugendlichen für ein Praktikum in Tschechien zu gewinnen. Viele waren noch nie alleine im Ausland, sie wollen nicht für mehrere Wochen ohne Freunde und Familie sein. Wenn sie aber am Praktikum teilnehmen, sind mehr als 90 % sehr zufrieden und sagen, dass es eine gute Erfahrung für sie war. Auch hier muss man immer den Mehrwert betonen. Jede*r Teilnehmende bekommt nach dem Praktikum einen Europass Mobilität als Nachweis, dass er*sie am Praktikum teilgenommen hat.“

Wenn es nicht beim Kurzpraktikum bleibt…

Michael Klein

Die Zufriedenheit der Absolvent*innen zeigt sich auch dadurch, dass manche Berufsschüler*innen im folgenden Jahr gleich nochmal am Programm teilnehmen, einzelne sogar ein längeres Praktikum im Nachbarland anstreben oder sich gleich einen „richtigen“ Job suchen – wie zum Beispiel Michael Klein: Im Frühjahr 2016 absolvierte er ein dreiwöchiges Praktikum in Prag. Der damals angehende Kaufmann für Büromanagement der Berufsbildenden Schule Rotenburg wurde in seiner Einsatzstelle in Tschechien, dem Softwareunternehmen SAP, der Abteilung Human Resources Datamanagement für Großbritannien zugeteilt. In den drei Wochen dokumentierte er Vertragsänderungen oder pflegte die bestehenden Personalakten, zudem konnte er sich bei IT-Schulungen und virtuellen Meetings einbringen. Während er die Mittagspausen in der Kantine zunächst mit seinen Klassenkamerad*innen verbrachte, nutzt er diese zunehmend zum persönlichen und beruflichen Austausch mit Kolleg*innen.   

Zwei Jahre später ist Michael Klein wieder in Tschechien anzutreffen: Als ein Jahr nach seinem Praktikum bei SAP in Prag eine Stelle ausgeschrieben war, bewarb er sich und bekam prompt den Zuschlag. Seit einem Jahr arbeitet er nun in der Personalabteilung am Standort Nové Butovice.

Auch Betriebe profitieren

Vom Auslandspraktikum profitieren dabei nicht nur die Auszubildenden selbst, sondern auch die Ausbildungsbetriebe und Schulen: „Das Projekt gefällt mir, denn wir haben etwas zu bieten. Und warum sollte man im Ausland nicht erfahren, wie es bei uns funktioniert?“, erklärt ein Koch aus Prag-Čakovice im Video.

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