Wie Berufsorientierung auch mit einem Espresso beginnen kann
von Victoria Klosowski
Der Geruch von Kaffee liegt in der Luft, die Mühle rattert. Ein Barista erklärt einer kleinen Gruppe junger Menschen, wie man mit einer Siebträgermaschine einen Milchkaffee oder Espresso zubereitet.
„Dobra robota“, heißt es, als die Getränke probiert werden. Auf Deutsch: gute Arbeit.
Berufsorientierung durch internationalen Schüleraustausch
Ein Wochenende im „Kaffee zum Glück“, einem deutsch-polnischen Schülercafé in Brandenburg: Hier bedienen Jugendliche aus beiden Ländern die Espressomaschine und mit den Kaffeespezialitäten auch die Gäste, organisieren Abläufe und sammeln dabei erste praktische Erfahrungen in der Arbeitswelt.
„Berufsorientierung an Schulen findet häufig theoretisch statt, wir dagegen zeigen den Jugendlichen die Arbeitspraxis vor Ort“,
sagt Aneta Koppernock, die das Programm „Zusammen kommen wir weiter. Jetzt beruflich!“ (ZKWW) des Deutsch-Polnischen Jugendwerks (DPJW) koordiniert.
Das von Schülern betriebene Café ist eines von vielen Beispielen dafür, wie solche Praxis aussehen kann.
Mit dem ZKWW-Programm fördert das DPJW deutsch-polnische Jugendbegegnungen, die Berufsorientierung mit konkreten Praxiserfahrungen verbinden.
Teilnehmen können sowohl Schülerinnen und Schülern, die noch vor ihrer Berufswahl stehen, als auch Auszubildende.
Während sich die einen in verschiedenen Tätigkeitsfeldern ausprobieren können, wie der Gastronomie, dem Handwerk, sozialen Einrichtungen oder in Medienprojekten, vertiefen die anderen ihre Erfahrungen in den bereits gewählten Berufen und erhalten so Einblicke in den Arbeitsalltag im Nachbarland und sammeln so eine Art „Auslandserfahrung“.
Praxislernen im Jugendaustausch: Gemeinsam arbeiten und Erfahrungen sammeln
Der Einstieg erfolgt meist über einen kürzeren Austausch:
Deutsche und polnische Teilnehmende arbeiten in gemischten Teams, organisieren gemeinsam Aufgaben, stimmen sich ab. Kennenlernspiele und Sprachanimation erleichtern den Einstieg; später verständigen sich viele auf Englisch oder mit Unterstützung von Sprachmittlern. Oft tauschen sich die Jugendlichen da schon über ihr Leben, ihre Ausbildungswege und Perspektiven aus. Im Zentrum steht der gemeinsame Alltag: zusammenarbeiten, Aufgaben organisieren, Lösungen finden.
Wer danach Interesse entwickelt, kann im nächsten Schritt ein individuelles Praktikum im Nachbarland absolvieren.
Das Programm schlägt so eine direkte Brücke zwischen Schule und Berufswelt, baut Hemmschwellen ab und eröffnet Perspektiven weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus.
„Oft ist schon ein kurzer Jugendaustausch die entscheidende Erfahrung, die das nötige Selbstvertrauen für ein weiteres Praktikum im Ausland gibt“,
erklärt Aneta Koppernock. Dies bestätigen auch beteiligte Lehrkräfte, die das Projekt oft als besonders nachhaltig loben:
„Einige deutsche Schülerinnen und Schüler waren bis dahin noch nicht im Ausland“,
berichtet etwa eine Lehrerin in einem Evaluationsbogen.
„Die Wirkung war daher groß: Offenheit, Vorurteile abbauen, Selbstständigkeit und eine bessere Beziehungsebene.“
Konkret bedeutet das: Jugendliche, die zuvor eher zurückhaltend waren, trauen sich, mit den polnischen Jugendlichen zu kommunizieren. Sie organisieren ihre Aufgaben in der fremden Lehrküche völlig eigenständig und überwinden dabei ganz nebenbei Hemmschwellen gegenüber dem Nachbarland.
Eine internationale Erfahrung eröffnet neue Perspektiven für Ausbildung und Beruf
Nicht nur die Jugendlichen profitieren, auch für Betriebe ist das Programm attraktiv. In Zeiten des Fachkräftemangels lernen sie potenzielle Nachwuchskräfte aus dem europäischen Ausland kennen; oft erstmals im direkten Arbeitskontext.
Gleichzeitig sammelt auch die „Stammbelegschaft“ der Betriebe Erfahrung im internationalen Arbeiten und im Umgang mit sprachlichen und kulturellen Unterschieden. Genau das bestätigt sich in der Praxis:
„Eine riesengroße Entdeckung war, wie schnell jungen Menschen so viel Kompetenz vermittelt und so viel Verantwortung anvertraut wird in einem Alter, in dem sie noch in der Ausbildung sind“,
sagt ein beteiligter Praktikumsbetreuer.
Praxisbeispiel: Deutsch-polnischer Austausch in der Landschaftsarchitektur
Wie das konkret aussieht, zeigt ein deutsch-polnischer Austausch einer Berliner Berufsschule sowie einer auf landwirtschaftliche Berufe spezialisierten Bildungseinrichtung in Nowosielce, im Osten Polens. Schwerpunkt ist Landschaftsarchitektur.
Die beiden Gruppen treffen sich in Bad Muskau, wo das Projekt mit einer gemeinsamen Rallye durch den weltberühmten Fürst-Pückler-Park beginnt. Dabei wechseln sie erste Worte, oft noch zögerlich.
Ein paar Wochen später treffen sich die Gruppen im niederschlesischen Morawa wieder und legen im Park der Bildungsstätte Pałac Morawa in gemischten Teams Hand an:
Sie planen, verteilen Aufgaben, greifen zu Werkzeugen. Nach der Arbeit beginnt der gemeinsame Alltag: gemeinsames Kochen, Besuche bei Biobauernhöfen, Einblicke in regionale Gartenbaubetriebe.
Abends am Lagerfeuer wird aus anfänglichen zögerlichem Austausch ein gemeinsames Miteinander.
Beruflicher Austausch als Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit
„Unser großes Ziel ist es, dass internationale Begegnungen zum Standard in Bildungsbiografien werden“,
betont Aneta Koppernock. Programme wie ZKWW zeigen eindrucksvoll, wie das in der Praxis gelingen kann.
Da die Berufsorientierung ohnehin Teil des Lehrplans ist, bietet das Projekt des DPJW die ideale Gelegenheit, allen Jugendlichen die Chance auf einen internationalen Austausch zu ermöglichen. Solche Erfahrungen sollten schließlich kein Privileg bleiben.
„Nach solchen Projekten blicken die Schülerinnen und Schüler nicht nur auf Gelerntes zurück, sondern vor allem auf Erfahrungen, die bleiben – und auf Kontakte, die Grenzen überschreiten.“
Kleine Begegnungen mit großer Wirkung
Und manchmal beginnt es genau dort, wo es zunächst ganz beiläufig wirkt: im „Kaffee zum Glück“, zwischen dampfender Espressomaschine und vorsichtigen Gesprächen in zwei Sprachen. Ein kurzer Moment, ein „Dobra robota“. Und vielleicht ist es der erste Schritt in eine Zukunft, die plötzlich größer erscheint als zuvor.