Kann mit Erasmus+ ein Schüleraustausch zur Selbstverständlichkeit werden?

Bei „Herz, Hand und Kopf 2026“ diskutierten Politik und Praxis, wie ein europäischer Bildungsraum umgesetzt werden kann.
Gruppenbild mit Flaggen

Internationale Austauschprogramme erreichen bislang nur einen Bruchteil der jungen Menschen – obwohl ihr Beitrag für Bildung, Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt unbestritten ist. Die zentrale Herausforderung für die Bildungspolitik der kommenden Jahre lautet daher: 

Wie wird Austausch vom Zusatzangebot zu einem festen Bestandteil von Bildung und Jugendarbeit?

Mit dieser Leitfrage beschäftigten sich vom 23. bis 25. März 2026 zwölf Landtagsabgeordnete aus acht Bundesländern in Brüssel. Gemeinsam mit Fachkräften aus Schule, Jugendarbeit und Bildungspolitik diskutierten sie im Rahmen der Informationsreise „Herz, Hand und Kopf 2026“, welche strukturellen Voraussetzungen notwendig sind, damit internationale Erfahrungen mehr jungen Menschen zugänglich werden.

Auftakt: Persönliche Begegnungen entscheiden

Den Auftakt bildete ein gemeinsames Abendessen am Anreisetag. In einer Keynote stimmte führte Pawel Prokop, Referatsleiter für Internationale Jugendbegegnungen beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, die Teilnehmenden der Reise inhaltlich ein und machte deutlich, welche Bedeutung persönliche Begegnungen junger Menschen gerade für die europäische Erinnerungs- und Bildungsarbeit haben.

Ausgehend von der Geschichte der Kriege in Europa und den Erfahrungen von Zerstörung, Gewalt und Versöhnung beschrieb er die Arbeit des Volksbundes mit Jugendgruppen und Schulklassen an internationalen Gedenkorten. Gerade dort werde sichtbar, wie wichtig direkte Begegnungen für das Verständnis historischer Zusammenhänge und für die Entwicklung eines gemeinsamen europäischen Bewusstseins sind.

Programme, die Begegnungen an solchen Orten ermöglichen – häufig in Kooperation mit Schulen –, seien daher durch nichts zu ersetzen. Sie leisten einen konkreten Beitrag dazu, Geschichte erfahrbar zu machen und Verständigung zu fördern. Vor diesem Hintergrund sei es entscheidend und wichtig, internationalen Jugend- und Schüleraustausch weiter auszubauen und langfristig zu sichern.

Internationale Austauschangebote erreichen weiterhin nicht alle

Gleich zu Beginn der inhaltlichen Arbeit wurde deutlich, dass internationale Erfahrungen als wichtiger Bestandteil von Bildung heute breit anerkannt sind. Sie fördern Offenheit und Persönlichkeitsentwicklung, stärken demokratische Kompetenzen und die Beteiligungsbereitschaft junger Menschen.

Gleichzeitig zeigt die Realität ein anderes Bild: Noch immer profitiert nur ein Bruchteil der Schüler:innen in Deutschland von Austauschprogrammen, insbesondere die an Gymnasien. Internationale Mobilitäten sind damit noch kein selbstverständlicher Teil der Bildungsbiografien aller Kinder und Jugendlichen, auch wenn dieses Ziel in Europa lange besteht.

Vor diesem Hintergrund wurde eine Leitfrage der Reise immer wieder aufgegriffen:

  • Welchen Beitrag kann Erasmus+ leisten, internationalen Austausch im Bildungssystem zu verankern? 
  • Können von seinen Möglichkeiten die Schulentwicklung und internationale Mobilitäten für junge Menschen klar profitieren?

Erasmus+: zentrale Rolle – begrenzte Reichweite

Erasmus+ gilt als zentrales Instrument für die Entwicklung eines europäischen Bildungsraums, in dem Lernmobilitäten breiter zugänglich werden sollen. Gleichzeitig erreicht das Programm bislang nur einen kleinen Teil der Zielgruppe – insbesondere in der Schulbildung und der beruflichen Bildung.

Die Diskrepanz wurde auch anhand von Zahlen deutlich:

  • rund 26,2 Milliarden Euro Budget im Zeitraum 2021–2027
  • davon nur etwa 10–15 % für den Bereich Schulbildung
  • nur etwa 1 % der Schüler:innen in Deutschland nehmen an Erasmus+-Projekten teil (Hornberg 2025)

Podium: Komplexe Interessenlagen und offene Fragen

Podium

In einer bildungspolitischen Gesprächsrunde diskutierten Philipp Aigner (Bundesratsbeauftragter im Bildungsausschuss des Rates der EU), Christian Kiefer (EU-Kommission, Erasmus+-Koordinierung), Rita Stegen (Pädagogisches Institut – Zentrum für kommunales Bildungsmanagement München) und Pawel Prokop (Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge) die Perspektiven für die Weiterentwicklung von Erasmus+ im kommenden Förderzeitraum ab 2028.

Dabei wurde vor allem die Komplexität der Entscheidungsprozesse deutlich. Unterschiedliche politische Ebenen und Interessen treffen aufeinander: europäische Zielsetzungen, nationale Haushaltsfragen und konkrete Anforderungen aus der Praxis.

So wurde etwa deutlich, dass einerseits ein großes Interesse besteht, internationale Mobilität auszubauen und mehr jungen Menschen zugänglich zu machen. Gleichzeitig stehen Fragen der Finanzierung und Prioritätensetzung im Raum. In Deutschland gilt es darüber hinaus, die Perspektiven des Bundes und der Länder abzuwägen und einzubringen.

Die Diskussion machte deutlich: Ein Ausbau von Austausch und dieser Förderprogramme ist politisch gewollt – aber kein einfacher Prozess.

Praxisperspektiven: Schulentwicklung und Kooperation

SG GHG Vernetzung

Im Anschluss standen konkrete Beispiele aus der Praxis im Mittelpunkt.

  • Bernd Böttcher von der der Initiative „Austausch macht Schule“, machte deutlich, dass weiterhin Herausforderungen bei der Zusammenarbeit der Schulen mit außerschulischen Partnern bestehen – etwa in der Abstimmung unterschiedlicher Strukturen, Logiken und Zuständigkeiten zwischen Schule und Jugendarbeit.
  • Alske Freter MdHB stellte ein Hamburger Modellprojekt vor, mit dem Schulen mit höherem Unterstützungsbedarf gezielt bei der internationalen Öffnung begleitet werden. Dazu gehören Beratung, Fortbildungen für Lehrkräfte und zusätzliche Förderangebote, die durch das Land Hamburg bereitgestellt werden.
  • Meike Zepp von der Initiative Schule Global des AJA präsentierte Ansätze zur Begleitung von Schulen im Internationalisierungsprozess. 
  • Ergänzt wurde das durch Einblicke aus der Gustav-Heinemann-Gesamtschule Alsdorf: Julia Brügge, Didaktische Leiterin, und Beatriz Talavan, Lehrerin und Erasmus+-Koordinatorin der Schule zeigten, wie sich ihre Schule durch die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern und das Programm Schule Global über Jahre hinweg zu einer international vernetzten Schule entwickeln konnte.

Internationale Öffnung und der Ausbau der Zusammenarbeit im Bildungsbereich erweist sich in der Regel als langfristiger Prozess. Das beginnt oft mit einzelnen Projekten und kann – bei entsprechender Unterstützung – zum festen Bestandteil der Schulentwicklung werden.

Gespräche im Europäischen Parlament

Brief Übergabe

Am letzten Tag besuchten die Teilnehmenden das Europäische Parlament. Dort trafen die Landtagsabgeordneten unter anderem auf die Europaabgeordnete Sabrina Repp (Mitglied im Ausschuss für Kultur und Bildung).

Im Vorfeld hatten die Teilnehmenden ihre Eindrücke und Positionen in einem gemeinsamen Schreiben gebündelt, das sie im Gespräch übergaben. Daran anschließend wurde diskutiert, wie die in Brüssel formulierten Ziele – insbesondere ein breiterer Zugang zu Austauschprogrammen – in der politischen Praxis umgesetzt werden können.

Dabei wurde deutlich, dass Einigkeit über die Zielrichtung besteht: Internationale Austauschmöglichkeiten sollen mehr jungen Menschen offenstehen. Gleichzeitig zeigte sich, dass der Weg dorthin von unterschiedlichen Interessen, Zuständigkeiten und Rahmenbedingungen geprägt ist.

Abschluss

Die Informationsreise „Herz, Hand und Kopf 2026“ hat deutlich gemacht, wie groß die Bedeutung internationaler Austauschprogramme eingeschätzt wird – und wie komplex ihre Weiterentwicklung ist.

Zwischen politischem Anspruch, praktischen Erfahrungen und finanziellen Rahmenbedingungen bleibt die Frage, wie Austausch künftig breiter verankert werden kann, weiterhin Gegenstand intensiver Diskussionen. Die Reise hat dafür wichtige Einblicke geliefert und den Austausch zwischen den beteiligten Akteuren gestärkt.

 

Veröffentlicht am: 27.03.2026