Vom Stuhlkreis zum Freundeskreis
Seit dreieinhalb Jahrzehnten bringt das Deutsch-Polnische Jugendwerk (DPJW) junge Menschen aus Deutschland und Polen zusammen. Als es 1991 gegründet wurde, war die Idee, junge Menschen beider Länder dauerhaft miteinander in Kontakt zu bringen, ein politisches Zeichen für Verständigung und eine gemeinsame, friedliche Zukunft. Heute gehören deutsch-polnische Schulpartnerschaften und Jugendbegegnungen vielerorts ganz selbstverständlich zum Alltag. Wie wichtig persönliche Begegnungen für gute Nachbarschaft in Europa sind, zeigt sich dabei oft in ganz einfachen Momenten.
Ein Stuhlkreis, eine Gruppe Jugendlicher und eine einfache Frage: „Jak się masz?“ Also: Wie geht es dir? Die Antworten zunächst zögernd, dann lachend: „Gut“, „Geht so“ oder „dobrze“. Plötzlich kommt Bewegung in die Runde. Wer „źle“, also „schlecht“, gesagt hat, springt auf und sucht sich einen neuen Platz. Da es zu wenig Stühle im Kreis gibt, bleibt jemand in der Mitte übrig. Gelächter. Dann folgt die nächste Runde: „Wie geht es dir?“ Diesmal auf Deutsch.
„Sprachanimationen“ gehören zum festen Repertoire vieler deutsch-polnischer Jugendbegegnungen. Sie wecken Neugier auf die Sprache der anderen und lassen die Teilnehmenden miteinander ins Gespräch kommen. Gerade auch, wenn die passenden Wörter noch fehlen.
„Jugendbegegnungen helfen, den jeweiligen Nachbarn einfach kennenzulernen, Vorurteile abzubauen und Verständnis für ihn zu entwickeln“, sagt Stephan Erb, Geschäftsführer des Deutsch-Polnischen Jugendwerks (DPJW) in Potsdam. Die Forschung gibt ihm Recht: Das aktuelle Deutsch-Polnische Barometer zeigt, Menschen, die jeweils das andere Land besucht haben, begegnen dessen Einwohnerinnen und Einwohner mit mehr Sympathie.
Oft beginne dieser Prozess mit einem falsch ausgesprochenen Wort und einem gemeinsamen Lachen. Der Stuhlkreis steht damit beispielhaft für unzählige kleine Momente, aus denen Verständigung entstehen könne, weiß Erb. Seit 35 Jahren schafft das Jugendwerk den Rahmen dafür. Gegründet wurde es zeitgleich mit der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags am 17. Juni 1991.
„Die politische Annäherung zwischen beiden Ländern sollte damals ausdrücklich auch zu einer Annäherung ihrer Gesellschaften werden. Besonders ihrer jungen Generationen“, sagt Małgorzata Bochwic-Ivanovska Geschäftsführerin des DPJW in Warschau.
35 Jahre deutsch-polnischer Jugendaustausch
Dieser internationale Auftrag spiegelt sich auch in der Struktur des Jugendwerks mit zwei Büros wider: einem in Potsdam und einem in der polnischen Hauptstadt. Das Jugendwerk bildet mit seinen deutsch-polnischen Teams damit im Kleinen ab, was es im Großen erreichen will: Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Denn aus dem politischen Versprechen von 1991 ist in dreieinhalb Jahrzehnten ein dichtes Netzwerk aus Schulen, Jugendverbänden, Vereinen, Kommunen und Bildungsstätten entstanden. Mehr als 85.000 Jugendbegegnungen hat das DPJW gefördert, über 3,3 Millionen junge Menschen aus Deutschland, Polen und weiteren Ländern sind sich dabei begegnet.
„Darauf können wir durchaus stolz sein“, sagt Bochwic-Ivanovska. Ihr Co-Geschäftsführer ergänzt: „Hinter diesen Zahlen stehen Millionen persönlicher Begegnungen, Freundschaften und Erfahrungen, die häufig weit über das eigentliche Projekt hinauswirken.“
So wurde der deutsch-polnische Jugendaustausch über die Jahre zu einer stillen Erfolgsgeschichte der Nachbarschaft: selten spektakulär, über Jahrzehnte beständig, häufig in Freundschaften und in Einzelfällen sogar vor dem Traualtar mündend. Eine Statistik dazu werde allerdings nicht geführt, schmunzeln beide.
Von Schüleraustausch bis MINT-Projekt
Den Kern der Arbeit bildet 35 Jahre nach der Gründung die Förderung von klassischem Schüleraustausch zwischen zwei Partnerschulen, aber auch Begegnungswochen von Karatevereinen oder Jugendfeuerwehren bis hin zu Betriebspraktika im Nachbarland. Das DPJW berät zudem und unterstützt bei der Suche nach Projektpartnern und bildet Aktive im Jugendaustausch fort. Ergänzend dazu hat das Jugendwerk über die Jahre eigene Programme entwickelt: Sie reichen von historisch-politischer Bildung an Erinnerungsorten über berufliche Orientierung bis zu MINT-Projekten. Dabei experimentieren Jugendliche gemeinsam, programmieren Roboter oder entwickeln technische Lösungen für Probleme aus ihrem Alltag.
„Die Themen verändern sich mit der Lebenswelt junger Menschen. Die Grundidee bleibt dieselbe: Sie sollen nicht nur etwas über das Nachbarland erfahren, sondern gemeinsam handeln, diskutieren und Verantwortung übernehmen“, sagt Erb.
Dabei verläuft der Austausch längst nicht nur entlang an der deutsch-polnischen Grenze. Dem DPJW sind auch trilaterale Begegnungen mit zahlreichen Ländern wichtig, insbesondere im Programm TRIYOU mit jungen Menschen aus der Ukraine.
Jugendaustausch auch im Weimarer Dreieck
Eine weitere Tradition wurde vor 35 Jahren geboren, als sich im August 1991 die Außenminister Deutschlands, Polens und Frankreichs in Weimar trafen. Ihre Idee: Die drei Länder sollten nach dem Ende der europäischen Teilung enger zusammenarbeiten. Heute klingt das „Weimarer Dreieck“ nach Gipfeltreffen, im Jugendaustausch wird es aber konkret: wenn drei Gruppen feststellen, dass dieselbe europäische Geschichte in ihren Schulbüchern unterschiedlich erzählt wird, wenn zwischen drei Sprachen vermittelt werden muss oder aus drei Perspektiven ein gemeinsames Projekt entsteht.
„Gegenseitiges Verständnis entsteht nicht allein durch politische Erklärungen“, sagt Bochwic-Ivanovska. „Es entsteht dort, wo junge Menschen einander begegnen, Unterschiede aushalten und gemeinsam etwas auf die Beine stellen.“
Manchmal beginnt das mit einem großen europäischen Gedanken. Und manchmal mit einer einfachen Frage im Stuhlkreis: „Jak się masz?“
Was 1991 als politische Idee für Verständigung und eine friedliche gemeinsame Zukunft begann, ist längst gelebte Realität geworden – und wohl weit über das hinausgewachsen, was viele damals erwartet haben.
Austausch macht Schule gratuliert dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk zum 35-jährigen Bestehen und wünscht ihm noch viele Jahre, viele weitere Begegnungen und vor allem noch viele junge Menschen, für die deutsch-polnischer Austausch ganz selbstverständlich zum eigenen Leben gehört.
Quelle: DPJW / redaktionell bearbeitet