Impulse

Deutsch-griechischer Austausch im Wandel

Das Deutsch-Griechische Jugendwerk steht schon fast in den Startlöchern. Doch wo steht der deutsch-griechische Jugendaustausch heute, wo liegen die Herausforderungen, was sind seine Stärken? Natali Petala-Weber von IJAB gibt Einblicke in die Entwicklungen der Zivilgesellschaft und des Schulaustausches.

„Die Aktionen und Maßnahmen sollen jungen Menschen Hoffnungen und Aussichten bieten, sich aktiv an der Gesellschaft und auch der Politik zu beteiligen“, erklärte Pafsanias Papageorgiou. Der Generalsekretär für Jugend im Ministerium für Bildung, Forschung und Religiöse Angelegenheiten der Hellenischen Republik unterzeichnete letzten Sommer zusammen mit der damaligen Bundesjugendministerin Dr. Katarina Barley die Ressortvereinbarung zwischen den beiden Ministerien – ein großer Schritt zur Gründung und Eröffnung eines Deutsch-Griechischen-Jugendwerks. Im Oktober dieses Jahres zeichnete er zusammen mit Dr. Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, ein Abkommen zur Gründung eines Deutsch-Griechischen Jugendwerkes (mehr dazu in dieser Nachricht).

Doch zurück zu den Anfängen: 2013 forderte die Mitgliederversammlung der Vereinigung der Deutsch-Griechischen Gesellschaften (VDGG) ein deutsch-griechisches Jugendwerk. Durch die Initiative der ehemaligen SPD-Abgeordneten und Präsidentin der VDGG, Sigrid Skarpelis-Sperk, floss die Initiative in den Koalitionsvertrag der letzten Bundesregierung ein.

Auf dieser Grundlage arbeitet das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gemeinsam mit seinen griechischen Partnern an der Förderung des deutsch-griechischen Jugendaustausches und der Errichtung eines Deutsch-Griechischen Jugendwerks.

Was ist ein Jugendwerk überhaupt?

„Dass das so in die Wege geleitet wurde, ist ganz toll, aber war für manche auch verwirrend: Was ist ein Jugendwerk überhaupt? In Griechenland, und auch in Deutschland, wurde das teilweise falsch verstanden – man dachte unter anderem, es sollen arbeitslose Jugendliche nach Deutschland vermittelt werden“, erklärt Natali Petala-Weber, Griechenland-Koordinatorin bei IJAB.

Auch wenn allen beteiligten Akteuren stets klar war, dass dem nicht so ist, hält sie das Jugendwerk auch in Bezug auf die Jugendarbeitslosigkeit für wichtig: „Aufgrund der Strukturen im griechischen Bildungssystem und der noch nicht ausgebauten Strukturen im Bereich Jugend gibt es für Jugendliche – mit Ausnahme der Erasmus+-Programme – keine Möglichkeit für internationale Mobilitätsmaßnahmen. Internationale Schulaustausche stehen nicht im Curriculum, weder als Klassenfahrt noch als individuelle längere Aufenthalte, und auch eine Aufnahme von ausländischen Schüler*innen ist derzeit nicht möglich.“

Diese Grenzerfahrung, das Über-den-Tellerrand-Schauen, Sprache, Kultur, aber auch das Kennenlernen von Zugängen der non-formalen Bildung fehle somit vielen Jugendlichen – ganz zu schweigen von den Zielgruppen, die auch in Deutschland eher schwer erreicht werden.  

Großes Interesse von Schulen

3 Millionen Euro von jeder Seite werden derzeit als jährliches Budget angedacht – zum Vergleich: beim Deutsch-Polnischen Jugendwerk sind es 9-11 Millionen. Das momentane Sonderprogramm zur Förderung des deutsch-griechischen Jugend- und Fachkräfteaustausches des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – seit 2016 mit 3 Millionen Euro jährlich ausgestattet – fördert keine „reinen“ Schulaustausche. Doch nichtsdestotrotz klinken sich Schulen ein – indem sie mit einem außerschulischen Träger der Kinder- und Jugendhilfe kooperieren. „Solange keine Förderrichtlinien eines Deutsch-Griechischen Jugendwerks ausgearbeitet wurden – die zum Beispiel auch den Schulaustausch zwischen beiden Ländern unterstützen – zeigen sich interessierte Schulen auf beiden Seiten oftmals erfolgreich in der Findung von kreativen Lösungen“, freut sich Natali Petala-Weber.

IJAB erhalte sehr viele Anfragen von Schulen, die einen Austausch mit Griechenland durchführen möchten, so Natali Petala-Weber. „Wie gesagt ist das über eine Kooperation mit einem außerschulischen Träger möglich – diese Kooperation muss jedoch auf Augenhöhe sein, d.h. die Partner haben ein gemeinsames Interesse, das sich idealerweise in der Ausarbeitung eines gemeinsamen pädagogischen Programms wiederfindet.“ Die Hauptrolle von IJAB bestehe denn auch in Angeboten zur Information, zur Vernetzung und zum Partneraustausch. „Wir habe dabei auch ein Augenmerk auf die Schulen“, betont sie.  

Griechische Schulen zeigen ebenfalls immer größeres Interesse am deutsch-griechischen Jugendaustausch. Doch da der deutsch-griechische Jugendaustausch bisher ausschließlich über das Sonderprogramm des BMFSFJ gefördert wird, kann lediglich der deutsche Partner einen Antrag auf Finanzierung stellen.

Zuständigkeiten gehen zum Jugendwerk

Mit der Gründung des Jugendwerks wird IJAB seine Zuständigkeit abgeben: „Im Auftrag des BMFSFJ bereiten wir das Feld dafür vor. Das ist unsere Aufgabe“, so Natali Petala-Weber. IJAB ist seit 2014 mit dem Ausbau und der Weiterentwicklung des deutsch-griechischen Jugendaustausches befasst. Zu Beginn war es wichtig, die Strukturen  der Kinder- und Jugendhilfe in Griechenland zu erforschen, um Partner in Deutschland gezielt beraten zu können und das deutsch-griechische Netzwerk auszubauen. Heute ist das Netzwerk sehr stark und wächst stetig weiter – die bilaterale Kooperation mit den Zuständigen im griechischen Ministerium steht auf einer soliden Basis.  

Durch die Intensivierung der Kontakte, neue Partnerschaften und die Durchführung von Fachtagen und Konferenzen ist ein Fundament gelegt. „Das Jugendwerk kann auf diese Impulse zurückkommen: Nächstes Jahr möchten wir uns zum Beispiel den Schwerpunkten Sport und Umweltschutz und -bildung widmen. Wir haben auch versucht, Inklusion und Sprachanimation als feste Bestandteile des deutsch-griechischen Jugendaustausches frühzeitig zu etablieren“, erklärt Natali Petala-Weber.

Gerade Qualifizierungen wie die Sprachanimation seien hilfreich, weil sie als Format der non-formalen Bildung ein praktisches Handwerkzeug bieten. Dazu wurde eine bilaterale Arbeitsgruppe gebildet, die Methoden konkret für den deutsch-griechischen Jugendaustausch erarbeitet. Diese werden 2019 veröffentlicht. IJAB hat zudem zur sprachlichen Unterstützung ein deutsch-griechisches Online-Glossar mit Schlüsselbegriffen der Kinder- und Jugendhilfe erarbeitet, den Youth Work Translator.

Unterschiedliche Bildungssysteme

Die akademische Bildung habe in Griechenland einen noch höheren Stellenwert als in Deutschland, so Natali Petala-Weber. „Die berufliche Bildung ist nicht ebenbürtig angesehen – und weil viel mehr Akademiker*innen einen Job suchen, als der Arbeitsmarkt aufnehmen kann, orientieren sich die Arbeitssuchenden nicht selten in den privaten Bildungssektor.“ Ein System, das sich seit mindestens 40 Jahren selbst aufrechterhalte:

 „Ab dem 11. oder 12. Schuljahr besuchen fast alle Schülerinnen und Schüler private kostenpflichtige Nachhilfeschulen, um den Stoff für die zentralen Abschlussprüfungen, also für das griechische Abi, zu lernen. Alle Eltern machen mit und bezahlen dafür, denn ohne haben die Jugendlichen kaum eine Chance, die Prüfungen zu bestehen. Nicht zuletzt bedeutet dies einen großen Zeitaufwand – Zeit für ein Ehrenamt oder einen Jugendaustausch zu finden, ist nicht einfach.“

Ein sehr starkes Interesse bestehe deshalb auch an Austauschangeboten im Bereich der beruflichen Orientierung, auch mit Berufsschulen, die schon Projekte durchgeführt haben. Als Beispiel nennt Natali Petala-Weber das Modellprojekt „Beruf Kennen.Lernen“, das von der Deutsch-Hellenischen Wirtschaftsvereinigung (DHW) und der Stadt Köln mit dem griechischen Partner Lernort Aloniwerk durchgeführt wurde.

Erste verlässliche Finanzierung

„Für die Stärkung Europas ist das Jugendwerk eine sehr positive Sache. Für die griechische Jugend verspricht es die erste verlässliche Form einer Finanzierung zu werden, die sich ausschließlich den Jugendlichen und ihren Interessen zuwendet“, betont Natali Petala-Weber. Hier liegen noch einige Lern- und Entwicklungsprozesse vor uns, die auch in den Unterschieden zwischen beiden Gesellschaften und/oder in der Jugendarbeit in beiden Ländern begründet sind: „Griechische Eltern können dem Gastfamilienprinzip zum Beispiel oft skeptisch gegenüberstehen: Es ist in Griechenland noch nicht sehr verbreitet, aber sobald griechische Familien diese Erfahrung einmal gemacht haben, sind sie sehr begeistert.“

Ein Beitrag von Christine Bertschi.

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