Internationaler Jugend- und Schüleraustausch in herausfordernden Zeiten

Wie Fachorganisationen mit Krisen umgehen – und den Austausch Jugendlicher trotzdem möglich machen
Ein schmaler Holzsteg führt durch eine neblige, offene Landschaft – als Symbol für Orientierung und Entscheidungen in unklaren Situationen.“

Kriege, politische Polarisierung und gesellschaftliche Spannungen prägen derzeit die öffentliche Debatte. Auch der internationale Schüler- und Jugendaustausch ist davon betroffen: Austauschorganisationen, Schulen und Familien müssen teilweise neu abwägen, was möglich und verantwortbar ist.

Für diesen Beitrag haben wir mit Kolleginnen und Kollegen aus den Fach- und Förderstellen gesprochen. Ihre Einschätzungen zeigen: Die Rahmenbedingungen verändern sich – doch internationale Begegnungen weiterhin möglich zu machen, bleibt ein dringendes Anliegen.

Was bedeuten „herausfordernde Zeiten“ für Schüler:innen im Austausch?

Für viele Jugendliche und ihre Familien ist die Aussicht auf einen Schüleraustausch heute stärker als früher mit Unsicherheit verbunden. Das gilt insbesondere, wenn die politische Lage im Gastland unklar ist. Fragen nach Verantwortung, Sicherheit und den Auswirkungen politischer oder gesellschaftlicher Spannungen prägen ihre Entscheidungen.

Auch Schulen und Lehrkräfte stehen vor neuen Abwägungen: Sie müssen Projekte intensiver begründen, Sicherheitsaspekte transparent machen und mit einer sensiblen öffentlichen Diskussion umgehen. Dabei zeigt sich: Verunsicherung entsteht nicht nur durch akute Krisen, sondern ebenso durch langfristige politische Entwicklungen und mediale Zuspitzungen – oft mit deutlicher Diskrepanz zur konkreten Lebensrealität im Gastland.

Vier Länder – vier unterschiedliche Konstellationen

Die folgenden Beispiele zeigen, wie unterschiedlich sich veränderte Rahmenbedingungen derzeit auf internationale Austauschprogramme auswirken:

  • USA: Politisch stark diskutiert – doch weiterhin ein beliebtes Ziel für einen Schüleraustausch.
  • Israel: Austausch unter Druck – belastet durch Krieg in und um Israel sowie zunehmenden Antisemitismus in Deutschland
  • Großbritannien: Kein Risikoland, nach dem Brexit ist die Zusammenarbeit aber strukturell erschwert. 
  • Russland: Derzeit keine tragfähige Grundlage für schulischen Austausch.

 

Kaum ein Land wird derzeit so intensiv diskutiert wie die USA. Seit Beginn der zweiten Präsidentschaft Donald Trumps haben sich politische Debatten verschärft, gesellschaftliche Gräben werden sichtbarer und Entscheidungen in der Migrations- und Visapolitik wirken bis in die Austauschplanung hinein. Für einige Eltern und Schulen stellt sich deshalb die Frage neu: Kommen die USA für einen Schüleraustausch noch infrage?

 

Alltag im Schüleraustausch jenseits politischer Entwicklungen

In der Praxis des individuellen Schüleraustauschs zeigt sich ein nüchterneres Bild. Der Austausch findet weiterhin statt – ohne, dass es in den letzten Monaten und Jahren zu auffälligen Zwischenfällen gekommen wäre. Jugendliche leben in Gastfamilien, besuchen reguläre High Schools und bewegen sich in eng begleiteten Strukturen. Politische Konflikte prägen die öffentliche Debatte, spielen im konkreten Alltag der Teilnehmenden jedoch meist eine untergeordnete Rolle.

Nach einem spürbaren Rückgang im Sommer 2025 hat sich die Nachfrage wieder erholt. Für das Schuljahr 2026/27 verzeichnen Organisationen teils sogar mehr Bewerbungen als in den Vorjahren. Gleichzeitig verschiebt sich das Interesse: 

„Die Nachfrage nach den USA ist nicht mehr so dominant wie vor vielen Jahren, unter anderem wegen der Kosten und dem Vergleich mit anderen Zielländern in Europa, Südamerika oder Asien. Gleichzeitig ist sie stabil – und zuletzt wieder auf dem Niveau der Jahre nach der Pandemie“, so Jan Schütte, Geschäftsführer von AJA – Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustausch.

 

Zwischen veränderter Nachfrage und neuer Beratungspraxis

Die USA verlieren damit etwas von ihrer früheren Selbstverständlichkeit als Ziel eines Schüleraustausches – nicht aber von ihrer Anziehungskraft.

Verändert hat sich vor allem der Beratungsbedarf. Politische Entwicklungen und Visafragen werden häufiger thematisiert, Sorgen intensiver besprochen. Organisationen reagieren mit transparenter Beratung und klaren Alternativen. Für die kommenden Jahre erwarten sie keine Abkehr vom USA-Austausch, sondern ein bewussteres Abwägen. Gerade in einer politisch polarisierten Gesellschaft sehen viele darin eine besondere pädagogische Chance.

Verändert hat sich vor allem der Beratungsbedarf. Eltern sprechen politische Entwicklungen, gesellschaftliche Spannungen oder Visafragen deutlich häufiger an. Organisationen reagieren mit intensiver Vorbereitung, transparenter Kommunikation und klaren Krisenplänen. Sollten sich Jugendliche oder Familien letztlich gegen die USA entscheiden, bedeutet das nicht den Verzicht auf einen Schulbesuch im Ausland – sondern eher die Wahl eines anderen Landes.

Für die kommenden Jahre erwarten die befragten Organisationen keine grundlegende Abkehr vom USA-Austausch. Vielmehr bleibt er ein zentrales, wenn auch bewusster abgewogenes Angebot. 

„Die USA sind nicht mehr das unangefochtene Standardziel – aber weiterhin eines der spannendsten. Wir sind überzeugt, dass ein Schüleraustausch in die USA weiterhin eine wertvolle Erfahrung ist, die auch in politisch unruhigen Zeiten in einem geschützten und sicheren Rahmen stattfindet,“ sagt Tom Kurz von Experiment e.V.

 

Auch der Jugendaustausch mit Israel steht derzeit unter besonderen Vorzeichen. Der Krieg seit dem 7. Oktober 2023, Bilder von Gewalt und Leid sowie eine stark polarisierte öffentliche Debatte prägen die Wahrnehmung.

Dabei wird oft übersehen: Verunsicherung und Einschränkungen betreffen nicht nur den Austausch nach Israel – sondern ebenso in umgekehrter Richtung. Auch auf israelischer Seite wird Deutschland als unsicher wahrgenommen, mit Blick auf antisemitische und israelfeindliche Haltungen, Äußerungen und Übergriffe.

 

Jugendaustausch: verändert, verlagert – aber in Bewegung

Im außerschulischen Jugendaustausch zeigt sich ein Bild von Belastungen, aber auch bemerkenswerter Anpassungsfähigkeit.

„Als während der Pandemie in den Jahren 2020-2022 Reisen ins andere Land nicht möglich waren, verlegten viele Träger ihre Austauschprojekte kurzfristig in den digitalen Raum. Auch nach dem 7. Oktober 2023 suchten sie nach Möglichkeiten, geplante Austauschprojekte zu realisieren, und während der vergangenen beiden Jahre wurden Begegnungen vorrangig in Deutschland durchgeführt. Viele Träger sind bereits seit 30, 40 oder gar 50 Jahren im Austausch tätig. Die enge Verbundenheit und das gewachsene Vertrauen zwischen den beteiligten Akteuren, stärken und tragen den deutsch-israelischen Jugendaustausch in der aktuellen Situation“, sagt Jonas Hahn, Referent bei ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch.

Begegnungen finden statt, teilweise mit kleineren Gruppen oder einer zusätzlichen Begleitperson. Planungssicherheit ist eine Herausforderung, der organisatorische und pädagogische Aufwand ist deutlich gestiegen – ebenso die Anforderungen an Vorbereitung, Sicherheit und Begleitung.

Trotz vielfältiger Herausforderungen haben in den Jahren 2024 und 2025 rund 100 Begegnungsprogramme – wegen der Kriegssituation in Israel zumeist in Deutschland – stattgefunden. ConAct hat vielfach Räume für den gedanklichen Austausch und die Begegnung der Austauschverantwortlichen geöffnet. Zuletzt trafen sich rund 300 Fachkräfte der Austauscharbeit im November 2025 unter dem Motto „WE ARE CONNECTED.“ in Berlin. Auf diesem Statement der Verbundenheit bauen vielfältige Planungen für nächste Programme im Jahr 2026.

Auffällig ist die doppelte Perspektive: Während man sich in Deutschland um die Sicherheitslage in Israel und dem Nahen Osten sorgt, beschäftigt Träger in Israel der wachsende Antisemitismus in Deutschland. Austausch wird so zu einer beidseitigen Herausforderung.

 

Schulaustausch: Jahrelange Unterbrechung mit spürbaren Folgeschäden

Gravierender sind die Einschnitte im schulischen Austausch. Aus Sicht des Pädagogischen Austauschdienstes (PAD) waren Schulaustausche mit Israel bis 2019 stabil etabliert. Gefördert werden aus Mitteln des Auswärtigen Amtes ausschließlich Begegnungen in Deutschland. 

„Seit der Pandemie jedoch gab es kein einziges Jahr mehr mit Austauschen im von früher gewohnten Umfang. Viele Schulpartnerschaften haben seit Jahren keine Begegnung erlebt. Das belastet Strukturen und Motivation enorm“, sagt Simon Dirksen, Programmkoordinator beim PAD.

Lehrkräfte müssen wiederholt neue Jahrgänge gewinnen, Eltern überzeugen und Projekte neu anstoßen – häufig nach mehrfachen Absagen. Hinzu kommen erhöhte organisatorische Anforderungen bei Begegnungen in Deutschland: Sicherheitsauflagen, zusätzliche Kosten und eingeschränkte Flexibilität. Schulreisen nach Deutschland bedürfen zudem der Genehmigung des israelischen Bildungsministeriums; zeitweise wurden entsprechende Genehmigungen nicht erteilt.

Nach einer kurzen Erholung 2022 und 2023 kam der Austausch nach dem 7. Oktober 2023 nahezu vollständig zum Erliegen. Erst 2025 zeichnet sich ein vorsichtiger Neustart ab – jedoch weit entfernt vom früheren Niveau.
Hinzu kommt ein Aspekt, der bislang weniger sichtbar ist: Engagierte Lehrkräfte und Organisierende sehen sich zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Ein Austausch mit Israel muss in einer emotional aufgeladenen Atmosphäre verteidigt werden – gegenüber israelkritischen, israelphoben oder offen antisemitischen Positionen ebenso wie gegenüber pauschalen Erwartungen, sich eindeutig im Nahostkonflikt zu positionieren. Die Auseinandersetzung mit Leid unter der Zivilbevölkerung im Gazastreifen wird dabei häufig verkürzt oder zugespitzt in den schulischen Kontext getragen. Viele Engagierte wollen oder können sich diesem Druck nicht dauerhaft aussetzen. Die „Kosten“ des Engagements sind deutlich gestiegen.

Gleichzeitig betonen die Verantwortlichen: Gerade weil Israel so kontrovers wahrgenommen wird, ist schulischer Austausch pädagogisch besonders relevant. Begegnungen ermöglichen Differenzierung, Einordnung und die Erfahrung einer vielfältigen, diskussionsfreudigen Gesellschaft jenseits von Zuschreibungen. Der PAD reagierte 2024 und 2025 mit bundesweiten Netzwerkkonferenzen, um Austausch, Beratung und vorsichtige Wiederaufnahme von Kontakten zu unterstützen.

 

Verlorene Begegnungen – und bleibende Verantwortung

Die Folgen reichen weit über einzelne Projekte hinaus. Nicht stattgefundene Begegnungen bedeuten ausbleibende Erfahrungen – und fehlende persönliche Geschichten.

Besonders deutlich wird das am Beispiel Bayerns: Vor der Pandemie nahmen jährlich über 1.000 junge Menschen aus Bayern und Israel an einem internationalen Austausch teil – dabei kamen bei den Austauschen auch die Geschwister und die ganze Schulfamilie mit in Kontakt mit den israelischen Jugendlichen. Seit 2020 sind – durch Pandemie und Krieg – damit rund 10.000 Austauscherfahrungen ausgefallen.

„Damit fehlen ganze Jahrgänge junger Menschen, die als Botschafterinnen und Botschafter differenzierter Erfahrungen hätten wirken können“, sagt Sabine Klein, Referentin für den Israel-Austausch beim Bayerischen Jugendring (BJR). „Die größte Gefahr ist nicht der vollständige Abbruch, sondern das langsame Erodieren mühsam aufgebauter Beziehungen.“

Zwar bestehen in Bayern weiterhin rund 30 Schul- und Jugendpartnerschaften, sie ruhen jedoch derzeit noch größtenteils. Der Austausch scheitert dabei weniger am fehlenden Willen als an der aktuellen Krisensituation, steigenden Kosten und den deutlich höheren Anforderungen an die Engagierten. 

„Gerade weil Israel so kontrovers wahrgenommen wird, braucht es Austausch – als Gegenpol zu Pauschalisierung und Sprachlosigkeit“, sagt Sabine Klein.

Um Kontakte zu erhalten, setzt der BJR auf Bündelung und Entlastung: Austausch wird derzeit verstärkt über zentrale, professionell begleitete Formate durch den BJR organisiert, um Einzelne zu entlasten und Verantwortung zu teilen. Ergänzend – als niederschwelliger Einstieg in den Austausch – bietet das Programm „Bayerisch-Israelische Bildungskooperation“ (BIBIKO) Bildungsfahrten ohne feste Partnerstruktur. Evaluationen zeigen eine nachhaltige Bildungswirkung: Teilnehmende entwickeln ein differenzierteres Israelbild, ordnen politische Debatten reflektierter ein und gewinnen zugleich einen neuen Blick auf die eigene Gesellschaft.

 

Perspektive: vorsichtig optimistisch

Für die kommenden Jahre rechnen die befragten Organisationen nicht mit einer schnellen Rückkehr zur Normalität. Doch sie sehen Spielräume: gezielte Unterstützung, neue Formate und professionell begleitete Strukturen können Austausch wieder ermöglichen.

Ein weiterer Abbruch hätte langfristige Folgen. Ohne Begegnung drohen Pauschalisierung, Entfremdung und der Verlust jahrzehntelang gewachsener Beziehungen.

 

Große Nachfrage – wenig Angebot

Der Austausch mit Großbritannien steht vor anderen Herausforderungen als viele andere Länder. Weder Krieg noch akute Sicherheitsrisiken prägen die Lage. Dennoch ist insbesondere der Schulaustausch seit dem Brexit deutlich komplizierter geworden – strukturell, organisatorisch und finanziell.

Zum einen wirken die Folgen des Brexit weiterhin nach. Visa- und Meldepflichten, erhöhte bürokratische Anforderungen und gestiegene Kosten erschweren die Planung. Gleichzeitig sind die Safeguarding-Vorgaben auf britischer Seite deutlich strenger geworden. Klassische Unterbringung in Gastfamilien wird seltener, stattdessen kommen häufiger Hostels zum Einsatz – was den Charakter vieler Begegnungen verändert.

Hinzu kommt ein starkes Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. 

„Das Problem ist nicht das fehlende Interesse in Deutschland – sondern dass wir auf britischer Seite nicht genügend Partner finden“, sagt Micha Hoekstra, Direktor der UK-German Connection beim Pädagogischen Austauschdienst (PAD).

Während mehrere hundert deutsche Schulen aktiv nach Partnerschulen suchen, ist die Nachfrage auf britischer Seite gering. Gründe sind u.a. der Rückgang des Deutschunterrichts und schulische Entscheidungsstrukturen in Trusts, bei denen einzelne Beschlüsse gleich mehrere Schulen betreffen, aber eben auch die angesprochenen Hürden.

Austausch droht damit weniger an mangelndem Interesse als an institutionellen Rahmenbedingungen zu scheitern.

 

Zwischen Frustration und Realismus

Trotz dieser Hürden wird Großbritannien von Eltern und Schulen nicht als Risikoland wahrgenommen. Sicherheitsfragen spielen (aus deutscher Perspektive) kaum eine Rolle. Die Herausforderung liegt vielmehr im hohen Aufwand – und in der Unsicherheit, ob sich trotz intensiver Suche überhaupt eine passende Partnerschule findet.

„Das Interesse deutscher Schulen ist weiterhin groß. Unsere Aufgabe ist es, realistisch zu beraten – und neue Wege zu finden, wo klassische Austauschmodelle nicht mehr funktionieren. Beispielsweise weg von eine sprachlichen Fokus und hin zu projektorientierten Begegnungen“, so Hoekstra.

Als Fachstelle setzt die UK-German Connection deshalb auf ein klares Erwartungsmanagement und empfiehlt bei der Suche nach Partnerschulen alternative Zugänge: Städtepartnerschaften, persönliche Kontakte – etwa über ehemalige Fremdsprachenassistenzen – oder bereits bestehende Netzwerke anderer Schulen innerhalb von Trust-Strukturen.

 

Warum ein Austausch mit UK gerade nach dem Brexit unverzichtbar bleibt 

Großbritannien bleibt dennoch ein zentrales Partnerland für bilaterale Mobilitäten und europäische Verständigung. „Gerade nach dem Brexit sind persönliche Begegnungen wichtiger denn je“, betont Micha Hoekstra.

Diese Einschätzung  erfuhr zuletzt auch nochmal politische Rückendeckung. Mit dem Kensington Treaty, dem deutsch-britischen Freundschaftsvertrag von 2025, haben beide Regierungen eine neue Grundlage für die bilaterale Zusammenarbeit geschaffen. Der Vertrag markiert eine bewusste Annäherung nach dem Brexit und benennt Bildung, Jugend- und Schüleraustausch sowie zivilgesellschaftliche Kontakte ausdrücklich als zentrale Bausteine offener und resilienter Gesellschaften.

Für die Austauschpraxis bedeutet das: Auch wenn Austausch mit Großbritannien derzeit strukturell erschwert ist, bleibt er politisch gewollt und gesellschaftlich relevant. Entscheidend ist, die bestehenden Hürden realistisch zu benennen – und Austauschformate, Förderlogiken und Erwartungen so weiterzuentwickeln, dass Begegnung weiterhin möglich bleibt.

 

Der deutsch-russische Austausch nimmt im aktuellen Kontext eine Sonderrolle ein. Nach der Annexion der Krim 2014 war es vielen Engagierten wichtig, Kontakte aufrechtzuerhalten, um Gesprächskanäle nicht abreißen zu lassen.

Mit dem flächendeckenden Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine ab 2022 hat sich die Lage jedoch grundlegend verändert. Der schulische Austausch ist seither faktisch zum Erliegen gekommen. Begegnungen finden nach Einschätzung von Meike Köhler von der Stiftung Juve – Jugend verbindet Deutschland mit Osteuropa und Zentralasien nicht mehr statt – weder individuell noch auf Ebene von Schulen oder Trägern.

Ein formales staatliches Verbot für Austausch gebe es nicht; die Entscheidung liege bei den jeweiligen Schulleitungen. De facto betreibe jedoch keine ihr bekannte Schule aktuell Begegnungen oder auch nur digitalen Austausch mit Partnern in Russland.

Das zentrale Problem sieht Köhler in der fehlenden gemeinsame Grundlage:

„Wie könnte man Kommunikation zwischen Jugendlichen initiieren und ermöglichen, wenn in dem einen Land eine kritische Haltung Politik gegenüber als kriminell gilt, während es in dem anderen Land gerade Ziel von Bildung ist, dass die Jugendlichen multiperspektivisch auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft blicken und kontroverse Standpunkte gegeneinander abwägen sollen.“

Russland markiert damit eine klare Grenze: Nicht jeder Austausch kann und soll in jeder Situation stattfinden.

 

Austausch mit Augenmaß: Verantwortung in bewegten Zeiten

Internationale Begegnungen sind kein Luxus für stabile Zeiten. Gerade in Krisen schlagen Austausche und persönliche Begegnungen Brücken, ermöglichen eine differenzierte Wahrnehmung und tragen zum Erhalt von Vertrauen bei. Sie schaffen Räume, in denen junge Menschen einander jenseits von Schlagzeilen begegnen und Erfahrungen machen – als Individuen, nicht als politische Vertreter.

Zugleich zeigt die Praxis: Austausch braucht eine tragfähige Grundlage. Wo die Sicherheit der Teilnehmenden, pädagogische Prinzipien oder grundlegende Freiheiten nicht mehr gewährleistet sind, stößt auch dieser Austausch an klare Grenzen. Verantwortung heißt dann auch, innezuhalten oder Formate bewusst zu verändern.

Die Fach- und Förderstellen bemühen sich in dieser Situation nach Kräften, Kontakte aufrechtzuerhalten, neue Wege zu eröffnen und Bedingungen für Begegnung zu sichern – realistisch, angepasst und mit großer Sorgfalt. Austausch bleibt damit eine bewusste Entscheidung: für Verständigung, wo sie möglich ist, und für persönliche Begegnungen, die auch in schwierigen Zeiten Verbindungen aufrechterhalten können.

Veröffentlicht am: 24.02.2026
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