Das Feld des Internationalen Schüler- und Jugendaustausches

Überblick

Entwicklungslinien

Für internationale Begegnungs- und Austauschprogramme gibt es im Jugend- und Schulbereich keine einheitlichen Strukturen. Der entscheidende Grund dafür liegt im föderalen System der Bundesrepublik, in dem die Zuständigkeit für die Schulen bei den Ländern liegt, die für die Jugendpolitik jedoch beim Bund. Das hat zur Folge, dass auch bei den Ländern die Zuständigkeit in der Regel auf verschiedene Ministerien verteilt ist (Kultus-, Jugend-, Sozialministerien). Auf kommunaler Ebene setzt sich diese verzweigte Kompetenzverteilung fort.

Internationale Begegnungsprogramme in beiden Bereichen sind ohne staatliche Förderung undenkbar, auch wenn sich Stiftungen immer stärker für den Schüler- und Jugendaustausch engagieren. Die von den Zuschussgebern formulierten Ziele haben sich, abhängig von historischen Entwicklungen und kurzfristigen Veränderungen der politischen Agenda, deutlich gewandelt.

So stand in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg das Thema „Völkerverständigung“ im Vordergrund. Dieses Bemühen um Aussöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern und den Opfern der nationalsozialistischen Herrschaft mündete dann für ausgewählte Staaten in die Gründung von Austauschorganisationen: des Deutsch-Französischen Jugendwerks (1963), des Deutsch-Polnischen Jugendwerks (1991), des Koordinierungszentrums Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch Tandem (1997) und des Koordinierungszentrums Deutsch-Israelischer Jugendaustausch ConAct (2001).

 

Akteure im gemeinnützigen Schüler- und Jugendaustausch

Für die europäischen Bildungsprogramme, die seit 2014 für alle Bereiche (Schule, Hochschule, Jugend, Berufs- und Erwachsenenbildung) unter dem Namen Erasmus+ firmieren, stand lange Zeit die Entwicklung von Beschäftigungsfähigkeit (employability) und damit die Stärkung des europäischen Wirtschaftsraums im Vordergrund. Dies änderte sich, ausgelöst durch die Terrorattacken Anfang des Jahres 2015 und die wachsende Kritik am europäischen Einigungsprozess, in vielen Mitgliedsländern. Deutlicher betont wird nun, dass die Bildungsprogramme dazu beitragen sollen, bürgerschaftliches Engagement (civil citizenship) und Offenheit für Diversität in der Gesellschaft zu entwickeln.

Das Auswärtige Amt fördert internationale Austauschprogramme im Rahmen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik (AKBP). Hier ist in den letzten Jahren, etwa mit dem Programm „Schulen – Partner der Zukunft“ (PASCH), eine Zielsetzung entwickelt worden, mit der neben einer ideellen Komponente auch die wirtschaftliche Entwicklung in den Blick genommen wird.

Für alle Programme ist von herausragender Bedeutung, dass sie pädagogisch begleitet werden. Dies schließt auch eine fundierte Vor- und Nachbereitung ein, wie sie etwa bei gemeinnützigen Austauschorganisationen Standard ist. Allerdings sind die internationalen Jugendbegegnungsorganisationen, was die Aus- und Fortbildung angeht, dem schulischen Bereich deutlich voraus. Eine der Aufgaben in der Aus- und Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern sollte somit sein, dieses Defizit zu bearbeiten.

In den Anfangsjahren der Bundesrepublik war das Rückgrat der Programme, wie oben beschrieben, gegenseitiges Verstehen im Sinne des Abtragens einer historischen Schuld und der Öffnung in eine gemeinsame Zukunft. Im Verlauf der 80er Jahre setzte dann ein Wandel zum interkulturellen Lernen
als wesentlichem Inhalt ein. Dabei ging häufig der Kern der Programme verloren. Nun ist zu beobachten, dass eine Rückbesinnung einsetzt, die z.B. mit dem Begriff der „internationalen Reflexivität“ (Andreas Thimmel) beschrieben wird. Angesichts aktueller weltpolitischer und europäischer Entwicklungen sollten die Möglichkeiten des historisch-politischen Lernens in internationalen Begegnungen im Rahmen von Formaten des internationalen Schüler- und Jugendaustausches umrissen und umfassend genutzt werden.

Formate

Was ist mit internationalem Schüler- und Jugendaustausch konkret gemeint? Die nachfolgende Abbildung führt beispielhaft in die vorhandenen Formate ein und differenziert nach schulischem und außerschulischem Kontext sowie der Gruppen- und Individualbegegnung. Allen Formaten im grün uinterlegten Bereich sind der Austauschcharakter – also eine Hin- und Rückbegegnung – sowie die pädagogische Begleitung gemein. Damit grenzt sich der internationale Schüler- und Jugendaustausch konzeptionell von beispielsweise Au-Pair, Work & Travel, einem Auslandsstudium oder einer touristischen Auslandsklassenfahrt ab.

von Gottfried Böttger, ehem. Leiter PAD

Dieser Text ist dem Dossier "Herz, Hand und Kopf – Internationale Verständigung durch Schüler- und Jugendaustausch" (Hrsg. Dt. Youth for Understanding Kommittee, 2019) entnommen.